Immobilien : Kratzbürstige Schönheiten

Disteln haben vielfältige Erscheinungsformen. Sie werden verflucht, aber auch für Heilzwecke oder als Gemüse geschätzt

Gert D. Wolff

Seit Menschengedenken sind die widerspenstigen und sich rasch ausbreitenden Disteln dem Landmann ein Dorn im Auge. Aber nicht nur Ärger lösen die Korbblütler aus: Sie haben dem Menschen bis heute auch wertvolle Dienste als Heilpflanzen geleistet. Die essbaren unter ihnen, zu denen auch die hoch geschätzte Artischocke zählt, wurden und werden für Salate und als Gemüse verwendet. Aber auch Insekten, Vögel und andere Tiere machen von dem großzügigen Nahrungsangebot der Disteln regen Gebrauch. Im Volksglauben galten die wehrhaften Pflanzen mit ihren Dornen und Stacheln früher auch als Schutzmittel gegen Blitz, Feuer und böse Geister.

Disteln kommen weltweit in einer Vielzahl von Erscheinungsformen vor. Sie gehören ganz unterschiedlichen Pflanzengattungen an, was für den Laien oft kaum zu unterscheiden ist. So sind Disteln der Gattung Carduus mit ihren rund 120 meist dornigen Arten leicht mit den ebenfalls sehr vielfältigen Kratzdisteln der Gattung Cirsium zu verwechseln. Zu ihnen gehört beispielsweise auch die seit jeher von Bauern als besonders hartnäckiges Unkraut gefürchtete, bis 150 Zentimeter hohe Acker-Kratzdistel. Sie bringt von Juli bis Oktober stets aufs Neue ihre violetten Blüten hervor. Mit ihren bis zu drei Meter tief reichenden Wurzeln ist sie nur schwer zu bekämpfen.

Die volkstümliche Umgangssprache nimmt es mit den botanischen Feinheiten nicht so genau und bezeichnet mehr oder weniger alle dornigen und stechenden Korbblütengewächse vereinfacht als Disteln. Nur was sich durch seine auffällige Form, Farbe, den bevorzugten Standort oder etwa den speziellen Verwendungszweck von der breiten Masse abhebt, findet seit alters her besondere Beachtung.

Geheimnisvolle Kräfte sagte man früher der besonders in Süddeutschland vorkommenden kurzstängeligen Silberdistel nach. Weil sich ihre silbrig-glänzenden Hüllblätter bei hoher Luftfeuchtigkeit nach innen bewegen, bei Sonnenschein und trockener Luft dagegen weit nach außen spreizen, heißt sie auch Wetterdistel. Ihr Name Carlina geht der Sage nach auf Karl den Großen zurück. Ihm soll im Traum ein Engel diese Distel als wahres Heilmittel gegen die Pest gezeigt haben. Sie heißt daher auch Karlsblume oder Engelsdistel. Als wahrscheinlicher gilt allerdings die Ableitung des Namens von Cardulina = Kleine Distel. Ihre Wurzeln enthalten, wie man heute weiß, ätherisches Öl und das antibakteriell wirkende Carlinaoxyd. Sie wurden gesammelt und gegen allerlei Krankheiten verwendet, aber auch in der Viehzucht wurde sie eingesetzt, worauf der Name Eberwurz anspielt. Almhirten bezogen aus der Silberdistel seit jeher ihr „Jagerbrot“, die an Artischocken erinnernden Blütenböden der Pflanze. Nach altem Aberglauben wurde, wer die Eberwurz bei sich trug, nicht so schnell müde.

Noch mehr Hochachtung brachte man damals der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Benediktendistel entgegen. Das so genannte Kardobenediktenkraut stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Ab dem späten Mittelalter wurde es auch bei uns in den Gärten gepflanzt. Apotheker bereiteten aus der Wurzel das beliebte Benediktenwasser, das gegen Fieber und Vergiftungen helfen sollte. Auch in der Küche wusste man das Kraut zu schätzen – als billig im Garten zu züchtenden Safran-Ersatz.

Obwohl alle Distelarten heilkräftige Stoffe enthalten, reicht in dieser Hinsicht keine an die Mariendistel (Silybum marianum) heran. So lässt sich ihre medizinische Verwendung denn auch bis in die griechisch-römische Antike zurückverfolgen. Ursprünglich stammt die bis 150 Zentimeter hohe Pflanze mit den großen, grün-weiß marmorierten Blättern, deren Spitzen Dornen tragen, und den kugeligen, purpurroten Blütenköpfen aus dem Mittelmeerraum und dem Vorderen Orient. Über die Klöster gelangte sie als geschätzte Heilpflanze nach Mitteleuropa und wurde hier seitdem erfolgreich in der Volksmedizin benutzt.

Die traditionell in Gärten gezogene und auch verwildert anzutreffende Heilpflanze wird heute in großen Plantagen in Osteuropa, Südamerika und China angebaut. Ihre medizinisch wirksamen Stoffe werden aus den im August und September reifenden Samen gewonnen. Wer heute eine Mariendistel in seinem Garten hat, muss nicht unbedingt auch ihre überlieferten Vorzüge als essbare Distel ausprobieren. Zwar liefern ihre von den Dornen befreiten Blätter und die Wurzel den Grundstoff für schmackhafte Salate, Spinat oder auch ein Wurzelgemüse. Und auch die kleinen Blütenböden der „wilden Artischocke“ von einst sind ohne Weiteres genießbar. Doch angesichts unseres heute ohnehin überreichlichen Nahrungsangebotes sollte man sich vielleicht einfach nur an der Schönheit dieser beeindruckenden Pflanze erfreuen, die eine Bereicherung für jeden Ziergarten darstellt. Ihre kulinarische Verwertung kann man dann getrost den zahlreichen Schmetterlingen, Bienen, Hummeln und Vögeln überlassen.

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