Immobilien : Kunst für den Boden

Orientteppiche haben ihr „angestaubtes“ Image verloren – es gibt sie traditionell oder modern gemustert

Marion Hartig

Orientteppiche haben ihr leicht angestaubtes Image längst hinter sich. Sie sind jetzt in Alt oder Neu, traditionell oder modern gemustert zu haben – und können schon einmal soviel kosten wie ein Luxusauto.

Er liegt ganz unspektakulär neben den anderen Orientteppichen, die in der Galerie am Kudamm an den Wänden und auf dem Boden verteilt sind. Dabei ist der fünf mal 3,50 Meter große, tomatenrote Teppich mit dem eleganten Medaillonmuster so außergewöhnlich wie ein Teppich nur sein kann: Er ist 100 Jahre alt, aus feinster Hochland-Schurwolle gearbeitet und kommt aus Tabriz, einer Stadt im Nordwesten des Irans, die dafür bekannt ist, dass dort beste Perserteppiche geknüpft werden, sagt der Inhaber der Galerie. All das hat seinen Preis: Stolze 48 000 Euro soll er kosten. So viel, wie ein Auto der Luxusklasse.

Seit fast 30 Jahren arbeitet der gebürtige Iraner in der Branche. Ein so wertvolles Stück aber gehört auch für ihn nicht zum Alltagsgeschäft. Wie die meisten seiner Kollegen – es gibt neun weitere Einzelhandelsgeschäfte in Berlin – bietet er handgeknüpfte Arbeiten aus dem Iran, der früher Persien hieß, aus der Türkei, China oder Indien an. Die Preise sind so unterschiedlich wie die Größen, Farben und Muster. Denn: Ein Orientteppich ist längst nicht mehr nur das, was man sich im klassischen Sinne darunter vorstellt. Sie sind zwar durchaus noch im Sortiment, die schweren rot mit blau oder braun gefärbten Teppiche mit den traditionellen, feinen Mustern, die kunstvollen Arbeiten mit den Blumenreihen, den Jagdszenen oder Rauten, die von farbkräftigen Bordüren umrahmt werden. Daneben aber findet man heute helle, leichte Arbeiten, die das „verstaubte“ Teppich-Image weit hinter sich lassen. Sie tauchen klassische wie schlicht-moderne Muster in weiche Pastelltöne oder frech leuchtende Farben. Der Galerist zeigt einen dicken Gabbeh, auf dem sich wenige Figuren verteilen. An der Wand hängt ein hellblauer Perser, der mit einem feinen geometrischen Muster umrahmt ist. Eine Brücke auf dem Boden trägt buntes Versace-Muster-Zickzack.

Dabei sind nicht alle modernen Teppiche neu geknüpft. „Eine Reihe von alten Stücken sind darunter, die mit großen freien Flächen, leuchtenden Farben und sparsamen Verzierungen nur wieder im Trend liegen“, sagt der Fachmann. Das breite Angebot zieht junge und alte Kunden in seinen Laden. In den letzten zehn Jahren allerdings habe seine Türglocke immer seltener geschellt.

„Die Branche befand sich in einer großen Krise“, erzählt Razi Hejazian, der als Sachverständiger der Industrie und Handelskammer für Orientteppiche zuständig ist. Seit Mitte der 1990er Jahre habe in Berlin jeder zweite Laden dicht gemacht. Große Warenhäuser verbannten Orientteppiche aus dem Sortiment. Der Markt sei von preiswerter Massenware vor allem aus China und Indien überschwemmt worden. Das habe die Preise in den Keller sinken lassen. Dazu kam: Wie in anderen Branchen wurde deutlich weniger konsumiert. Doch 2006 scheint die Talfahrt beendet. Berliner kaufen wieder, auch Orientteppiche. Und auch wieder Qualitätsware.

Qualität, das heißt für Hejazian vor allem, dass Teppiche aus hochwertiger Wolle oder Naturseide gefertigt sind. Weiter spielt die Feingliedrigkeit des Musters eine Rolle, die Herkunft, die Größe und wie dicht er geknüpft ist. Ein guter Teppich habe in der Regel 600 000 bis 800 000 Knoten pro Quadratmeter, sehr gute sogar bis über eine Million. Qualität habe aber ihren Preis. Ab 400 Euro aufwärts müsse man für einen Quadratmeter ausgeben. Bei Angeboten, die weit darunter liegen, sei allerdings Vorsicht geboten.

Allgemeingültig aber seien solche Kriterien nicht, relativiert der Experte. Es komme immer auf den einzelnen Teppich an. Ein feiner Seidenteppich zum Beispiel lasse sich nicht mit einem langflorigen, dicken Gabbeh vergleichen. Ein alter Teppich, der kulturhistorischen Wert besitze, nicht mit einem neuen.

Aber auch Laien können Qualität testen. Wenn Vorder- und Rückseite sich farblich deutlich unterscheiden, könne man davon ausgehen, dass der Teppich chemisch behandelt, vielleicht umgefärbt wurde, erklärt Razi Hejazian. Drückt man die Wolle herunter und sie richtet sich nicht wieder auf, spreche das dafür, dass sie ihren natürlichen Fettgehalt verloren habe. Ein spröder Teppich aber ist empfindlich, glanzlos und saugt Schmutz auf. Vor dem Kauf eines teuren Stücks sei es ratsam, sich ein Zertifikat ausstellen zu lassen. Das kann man dann zusammen mit dem Teppich von einem Experten begutachten lassen. Bei der IHK kostet das 120 Euro.

Eine ganz andere Art von Qualität bescheinigen Zertifikate von Care & Fair, Rugmark und Label STEP auf der Rückseite eines Teppichs: Mit dem Erwerb werden Initiativen gegen illegale Kinderarbeit in der Teppichproduktion und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern unterstützt.

Verschönt der neue Teppich endlich das Zuhause, sollte man ihn ein bis zwei Mal in der Woche saugen, auch die Stellen unter den Möbeln, empfiehlt ein anderer Fachmann. Das beuge Motten vor. Auch das Ausklopfen über der Stange im Hof könne ihm nur gut tun. Ausschütteln aber zerstöre die Seiten und Fransen. Am besten drehe man den Teppich regelmäßig, so dass er gleichmäßig belastet werde.

Neben seinem Orientteppich-Haus hat dieser Fachmann eine Halle, in der Teppiche mit Wasser und Spezialseife per Hand sauber gebürstet werden. „Mindestens alle fünf Jahre sollte man einen Teppich waschen lassen“, empfiehlt er. Das erledigen Fachgeschäfte. Hat man viel Platz, auch zum Trocknen, kann man ihn auch selbst waschen. Als kleine Pflege für Zwischendurch biete sich an, einen Teppich mit einem Schwamm abzuwischen, den man in Wasser mit ein wenig Zitronensaft oder Essig anfeuchtet. Das bringe die Farben wieder zum Leuchten. Chemische Mittel hingegen seien Gift für den Teppich. Sie greifen die Wolle an, machen sie spröde und empfindlich. Selbst Spülmittel solle man besser nicht verwenden. Sollte einmal ein Weinglas umkippen, so kann man versuchen, die Feuchtigkeit mit Wasser zu verdünnen und dann mit einem feuchten Tuch aufzusaugen.

Der Kudamm-Galerist mit dem 48 000-Euro Schmuckstück ist überzeugt, dass ein Qualitätsteppich bei richtiger Pflege fast unverwüstlich ist. Der 100 Jahre alte, rote Tabriz zumindest ist noch gut in Schuss. Obwohl sicher viel Füße und Schuhe über ihn hinweg gelaufen sein dürften.

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