"Le Corbusier in Berlin" : Berlin und Le Corbusier – Leid, Liebe, Hass

Erst liebte er sie, dann haderte er. Der Stararchitekt machte es sich nicht leicht mit der Stadt. Sein Einfluss ist unübersehbar.

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Der Architekt Le Corbusier (eigentlich Charles-Edouard Jeanneret-Gris), aufgenommen im Jahr 1952 mit dem Modell der Unité d'Habitation in Marseille.
Der Architekt Le Corbusier (eigentlich Charles-Edouard Jeanneret-Gris), aufgenommen im Jahr 1952 mit dem Modell der Unité...Foto: dpa

Ein Buch „Le Corbusier in Berlin“ müsste zwei Kapitel und einen Epilog haben. 1910 machte sich der 23 Jahre junge Charles Edouard Jeanneret, der sich erst 1920 Le Corbusier nannte, zu einer Studienreise nach Deutschland auf, die ihn über die Wirkungsstätten des Deutschen Werkbunds nach Berlin führte. Fünf Monate arbeite er im Atelier von Peter Behrens, der damals mit Projekten für die AEG und für Karl Ernst Osthaus in Hagen beschäftigt war. Walter Gropius war gerade nach erheblichen Differenzen aus den Diensten Behrens’ ausgeschieden. Auch Jeanneret charakterisierte ihn später als „tragische und unausgeglichene“ Person. Jeanneret blieb fünf Monate, dann war ihm nach radikaleren Ideen, denn die Zukunft sah für ihn anders aus.
Das zweite Kapitel wäre mit „Le Corbusierhaus“ überschrieben. Der inzwischen weltberühmter Stararchitekt, war eingeladen worden, für die Bauausstellung Interbau 1957 einen Beitrag zu liefern. „Unité d’Habitation“ (Wohneinheit) nannte er den Typus Hochhaus, den er zuerst in Marseille realisierte. Darin gibt es „Straßen“, breite Mittelflure, an denen die Türen von Wohnungen unterschiedlicher Zuschnitte und Größen aufgereiht sind, dazu Gemeinschaftseinrichtungen, Kindergarten, Café, Hotel, Läden und ein Dachgarten obenauf. Am Olympiastadion in Berlin entstand das größte Exemplar dieses Typs. Ohne die Gemeinschaftseinrichtungen allerdings, und gemäß deutscher Vorschriften mit 2,50 Metern Raumhöhe. LC hatte nach dem von ihm entwickelten Maßsystem „Modulor“ nur 2,26 Meter vorgesehen. Grund genug für den Halbgott der Architektur, sich grollend von dem Projekt zu distanzieren.
Der Epilog würde vom Einfluss dieses Halbgotts auf die Architektur des 20. Jahrhunderts erzählen, auch auf jene in Berlin. LC hat eine ungeheure publizistische Tätigkeit entfaltet, darunter 1922 sein programmatisches Buch „Vers une Architecture“ (Kommende Baukunst), das einflussreichste Architekturtraktat des vorigen Jahrhunderts. Verzicht auf das Ornament, Maschinenästhetik und Dampfermotiv, offener, durchgrünter Städtebau mit Funktionentrennung, serieller Wohnungsbau, all das, was die Architekten in den folgenden Jahren faszinierte und antrieb, war in diesen „Mahnungen an die Herren Architekten“ vorgegeben.
Hans Scharouns Wohnblocks mit Dampfermotiven, die Großsiedlungen der 20er Jahre, letztlich aber auch das Märkische Viertel und die DDR-Plattenbauten in Marzahn sind ohne ihn als Vordenker kaum vorstellbar. Eine Genugtuung für LC, dem Deutschland eigentlich nie zu Füßen liegen wollte.

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