Immobilien : Leckere Alleskönner

Hagebutten werden von den Menschen seit Jahrtausenden geschätzt: Als Nahrungsmittel, Heilpflanze und nicht zuletzt als Schutz vor bösem Zauber

Gert D. Wolff

Weithin sichtbar signalisieren leuchtend rote Hagebutten an Heckenrosensträuchern im Herbst, dass sie geerntet werden möchten. Im Gegensatz zu zahlreichen Vögeln und anderen Kleintieren, die der Aufforderung bis in den Winter hinein gerne nachkommen, holt sich der Mensch von heute dieses Geschenk der Natur freilich meist nur noch verzehrfertig aus dem Supermarkt oder dem Reformhaus. Ein Griff ins Marmeladenregal genügt. Und auch der früher wie heute so beliebte Hagebuttentee wird in der Regel nur noch brühfertig im Laden gekauft.

Da hatten es unsere Vorfahren bis vor wenigen Generationen noch erheblich schwerer. Denn wer in den Genuss der so appetitlich lockenden Scheinfrüchte der Heckenrose und ihrer vielen guten Eigenschaften kommen wollte, musste sich das erst einmal verdienen – durch aufwändiges Pflücken, Schälen, Entkernen und Weiterverarbeiten der beerenartigen Gebilde. Als Belohnung für all die Mühe winkten eine wohlschmeckende Marmelade oder ein äußerst gesundes Mus aus den fleischigen Fruchtschalen, aber auch Saft, Likör oder Wein. Ihr hoher Vitamin-C-Gehalt macht Hagebutten – als Hausmittel schon immer geschätzt – zu wahren Vitaminbunkern. So deckt bereits ein Esslöffel Mus den Tagesbedarf eines Erwachsenen. Aus den Schalen lässt sich auch ein vitaminreicher Tee herstellen, während die kernigen Samen einen harntreibenden Tee wie etwa den legendären schwäbischen „Kernlestee“ liefern.

Damit auch der Spaß nicht zu kurz kommt, halten die knallroten Hagebutten für Kinder schon immer ein ausgesprochen wirksames „Juckpulver“ bereit – die von einem glaswolleartigen Haarfilz umgebenen Samenkerne. Darauf spielt die alte süddeutsche Bezeichnung „Arschkratzerl“ für die Hagebutte an. Und das bekannte Kinderlied „Ein Männlein steht im Walde“ hat schon ganze Kinder- und Erwachsenengenerationen in die Falle tappen lassen: Denn was in dem Rätsel ganz still und stumm mit einem „purpurroten Mäntelein“ auf einem Bein herumsteht, wird spontan meist für den hochgiftigen Fliegenpilz gehalten. Gemeint ist aber die Hagebutte, die in der letzten Strophe dann auch erwähnt wird.

Hagebutten scheinen schon den Menschen der Steinzeit eine willkommene Abwechslung auf dem Speisezettel gewesen zu sein, wie Funde in der Schweiz und in England vermuten lassen. In der Antike wurden die Früchte der in ganz Europa heimischen wilden Heckenrose – einer sehr formenreichen Art – vor allem als Heilmittel verwendet. Der noch heute gebräuchliche Name Hundsrose (Rosa canina) soll nach dem Römer Plinius auf ein antikes Orakel zurückgehen, das die Pflanze als Mittel gegen den Biss tollwütiger Hunde empfahl. Deshalb verwendete man früher Hagebutten auch zur Behandlung von Hundebissen. Aber auch die Bedeutung von „hundsgemein“ im Sinne von „gewöhnlich“ und „weit verbreitet“ kommt als Erklärung in Frage. Je nach Region heißt die Heckenrose auch Hagrose, Hagedorn, Hainbutte, Butte, Hiefe, Wiepeldorn, Dornapfel, Dornröschen, Heidenröslein oder Hetschipetsch, um nur einige der über hundert volkstümlichen Namen zu nennen. Die Hagebutten beziehen ihren Namen vom mittelhochdeutschen hac (dichtes Gebüsch, Dornengesträuch) und Butzen (Klumpen), was die Frucht meint.

Vom Wildrosenstrauch ging stets ein besonderer Zauber aus, der sich in unzähligen Sagen und Märchen – wie etwa dem von Dornröschen –, Liedern und Bräuchen widerspiegelt. Im Mittelalter nutzte man die Beeren der Heckenrose, die ja schon der germanischen Göttin Freyja ebenso wie der christlichen Gottesmutter Maria heilig war, nicht nur als gesunde Nahrung. Hagebutten galten als Allheilmittel, die stacheligen Zweige und die Früchte als Schutz gegen Verzauberung. Der Legende nach hatte Maria die Windeln des Jesuskindes an einem bis dahin blütenlosen Rosenstrauch zum Trocknen aufgehängt. Seitdem – so die fromme Überlieferung – brachte er rosige Blüten hervor.

Drei Hagebutten, am Weihnachts- oder Silvesterabend nüchtern und schweigend verzehrt, galten unter anderem in Thüringen als besonderes Schutzmittel gegen Unfall und Krankheiten im neuen Jahr. Vorsorglich gab man sie deshalb auch dem Vieh ins Futter. Die Früchte vom einstmals auch dem Donar heiligen Gewächs schützten nach altem Volksglauben auch vor Blitz und Unwetter. Viele Hagebutten am Strauch galten zum Beispiel im Erzgebirge als Hinweis auf viel Sturm und Regen.

Ärzte des späten Mittelalters, die ja noch keine Kenntnis vom hohen Vitamin-C-Gehalt der Hagebutten hatten, verordneten sie bereits gegen „feiicht zanfleysch“. Und auch die Volksmedizin machte sich die wertvollen Eigenschaften der Hagebutten auf vielfältige Weise zu Nutze. Die heute bekannten Inhaltsstoffe der Hagebutten sind neben dem Vitamin C unter anderem die Vitamine A, B und E, Flavonoide, Fruchtsäuren, Pektine, Eisen und Mineralstoffe. Dadurch beugen sie Erkältungs- und Infektionskrankheiten vor, stärken das Immunsystem, festigen die Gefäße, wirken blutreinigend, harntreibend und abführend. Von den zahlreichen Hagebutten liefernden Wildrosen kommt bei uns die Hundsrose (Rosa canina L.) am häufigsten vor. Sie hat nach wie vor den höchsten Vitamin-C-Gehalt. Daneben eignen sich besonders großbeerige Züchtungen wie etwa die aus Ostasien stammende Kartoffelrose (Rosa rugosa), die vor allem in Gärten und Parks vorkommt, ausgezeichnet zum Einmachen.

Dass Hagebutten, die uralten Heil- und Zauberfrüchte mit dem köstlichen Geschmack, sich auch heute noch das eine oder andere Geheimnis entlocken lassen, haben kürzlich drei Schüler aus Hessen bewiesen: Im Rahmen des Wettbewerbs „Jugend forscht“ entwickelten sie einen Hagebuttentee, mit dem sich Herpes-Viren bekämpfen lassen.

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