Immobilien : Legosteine mit Kunstpelz

Das Schweizer Viertel hat eine gute Lage im Südwesten Berlins. Doch wie hält es der Bauherr mit der Dämmung der Häuser? Ein Besuch auf der Baustelle lehrt: Die dünnen Steine werden dick eingepackt

Gideon Heimann

Wer ein Haus oder eine Wohnung kauft oder mietet, interessiert sich für die Wohnfläche, den Preis, die laufenden Betriebskosten, die Nachbarn, den Garten, den Ausblick und die Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten. Er will so gut wie alles wissen. Nur nach dem Aufbau des Gebäudes fragt er nicht. Dabei ist es überaus spannend, dessen Wachstum über die einzelnen Phasen hinweg zu betrachten. Vor allem, wenn es um den Wärmeschutz geht, der die Heizkosten und den Wohnkomfort in der künftigen Behausung bestimmen wird.

Stapfen wir also über die größte Baustelle Berlins, durch das Schweizer Viertel, nördlich der Goerzallee in Lichterfelde. Knapp 800 Wohneinheiten errichtet die Baufirma Kondor Wessels nach Entwürfen des Architekturbüros Kay Wieland seit 2001 hier auf einem gut 21 Hektar großen Gelände, das zuvor von den amerikanischen Streitkräften genutzt worden war. Gebaut werden vorrangig Reihenhäuser.

„Stein auf Stein“? Das war vorgestern. Heute braucht man kein geziegeltes Mauerwerk mehr, das 24 oder gar 36 Zentimeter dick ist. Auch die vorgefertigten Großplatten aus Beton sind weitgehend Vergangenheit. Heute gibt es sozusagen Legosteine für Erwachsene: Einen Meter breit, 60 Zentimeter hoch, mit Nut und Feder aneinander gesteckt und verklebt. Drei bis vier Geschosse tragen sie leicht, obwohl diese Steine aus Kalksandstein in der Tiefe nur 15 Zentimeter messen.

Jetzt kommt noch die Wärmedämmung drauf. Und die ist mit dem Putz darauf fast ebenso dick: 14 Zentimeter. Ein Pelz fürs Haus, der den Heizwärmebedarf je nach Gebäudetyp auf nur 45 bis 63 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr senkt, im Durchschnitt sind es 56 kWh. Das ist wenig, und kommt immer mehr in Mode, weil die Schonung der Energieressourcen vorgeschrieben wird. Wie der Bauherr das macht, bleibt ihm selbst überlassen, auf die Gesamtbilanz kommt es an. Für den Wärmeschutz an der Fassade sorgt hier die Firma Casa aus Werder bei Neuruppin. Michael Grothe erklärt, wie das geschieht.

Schon beim Verarbeiten der steinernen Elemente muss darauf geachtet werden, dass die Fugen lückenlos verklebt sind – da darf später kein Lufthauch hindurch ziehen können. Ebenso sorgfältig werden darauf die zwölf Zentimeter dicken Polystyrol-Hartschaumplatten angebracht, auch ihre Fugen müssen dicht sein. Darauf kommt ein etwa ein Meter breites Vliesband aus Glasfasern, das als Träger für den Unterputz benötigt wird. Und erst auf diesem wird schließlich der Kratzputz aufgetragen, der die Oberfläche bestimmt.

Aber weshalb werden an manchen Stellen Mineralfaser-Dämmmatten angebracht? „Wegen des Brandschutzes“, sagt Grothe. Die Häuser werden in Segmenten errichtet, die einen senkrechten Trennspalt aufweisen; ein Feuer darf sich nicht von einer „Scheibe“ des Hauses zur nebenan stehenden durchfressen. Und da Polystyrol (PS) ein Kohlenwasserstoff ist, der eben auch brennen kann, muss Mineralfaser den Übersprung verhindern – zu beiden Seiten mehr als 60 Zentimeter breit. Allerdings erfüllen die hier verwendeten PS-Hartschaumplatten die DIN-Norm 4102 (Stoffklasse B1), sie sind schwer entflammbar und selbstverlöschend. Das bei Hitze zähflüssig werdende Material darf also nicht etwa brennend abtropfen.

Und warum nimmt man die Mineralfasermatten nicht überall? „Aus Kostengründen, aber auch wegen der geringeren Festigkeit“, sagt Grothe. Zum Beweis für die Haltbarkeit klopft er mit dem Fuß gegen die gelblichen Polystyrolplatten im unteren Bereich der Dämmung, dort, wo sie dem Boden besonders nahe ist. „So etwa 50 Zentimeter vom Erdreich an aufwärts stoßen spätere Hausbewohner schon mal versehentlich gegen die Wand, da muss alles richtig fest sein, sonst bricht leicht etwas weg.“ Die Hartschaumplatten darüber sind nicht mehr ganz so stoßfest, aber das brauchen sie in der Höhe auch nicht zu sein.

Wie wertvoll die Wärmedämmung ist, lässt sich einer Tabelle entnehmen: Eine Wand aus Beton müsste gut sechs Meter dick sein, um die selbe Schutzwirkung wie die zwölf Zentimeter „Kunstpelz“ zu entfalten. Bei Vollklinker sind es noch knapp 2,50 Meter und selbst beim energiesparenden Porenbetonstein wären es 36 Zentimeter. Das heißt: Dämmstoff – ob nun aus Polystyrol oder Mineralfaser – ist auf wirtschaftliche Weise durch nichts zu ersetzen.

Das gilt überall, beim Mehrfamilienhaus-Neubau ebenso wie bei der Sanierung eines Einfamilienhaus-Altbaus. Die Vorgehensweise sollte dabei stets die selbe sein: sorgfältig und lückenlos. Besonders präzise müssen die Fachleute an Übergängen vorgehen, dort, wo ein Bauteil an ein anderes stößt. Vor allem die Laibungen an Fensterrahmen werden daher genau bearbeitet. Jene Stellen, an denen die Wand einen „Rücksprung“ zum Fenster hin macht, müssen zum Schluss nicht nur sauber rechtwinklig aussehen, sondern auch gut abgedichtet sein.

Es geht darum, Wärmebrücken zu verhindern. In der Wohnung darf es keine besonders kalten Ecken geben, an denen die Luftfeuchtigkeit im Raum zu Wasser kondensiert. Denn das schädigt die Bausubstanz und kann zu Schimmel führen, der die Gesundheit der Bewohner beeinträchtigt.

Die hölzernen Pultdächer enthalten eine Mineralfaserdämmung, die Terrassen der Wohnungen oben sind zu den darunter liegenden Räumen ebenfalls mit zehn Zentimeter dickem Polystyrol isoliert sowie mit Kunststoffbahnen gegen Feuchtigkeit abgedichtet. Die unterirdischen Wände für die Keller und die Tiefgaragen wurden aus wasserundurchlässigem Beton gegossen. Denn die Grünflächen sollen ja Regenwasser aufnehmen und es dem Erdreich zuführen.

Unter Gesichtspunkten des Energieeinsatzes sammelt die Siedlung auch bei der Heizungsart „EnEV-Pluspunkte“. Denn die Gebäude sind an die Bewag-Fernwärme angeschlossen. Diese stammt hier aus Kraft-Wärme-Kopplung des Heizkraftwerks Barnackufer. Der Energieträger wird dabei wesentlich besser ausgenutzt als bei der alleinigen Herstellung von Elektrizität.

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