Immobilien : Mehr Futter für Karlson vom Dach

Wer statt Bitumen oder Blech einen Pflanzenteppich aufs Dach legt, verbessert damit die Energiebilanz – zu Kosten ab 30 Euro/qm

Kai Althoetmar

In der Antike waren sie eines der sieben Weltwunder: „Die hängenden Gärten der Semiramis“ aus Babylon. Heute kommen sie wieder in Mode: begrünte Dächer.

Begrünte Dächer sammeln Regenwasser. 50 bis 90 Prozent des Niederschlags werden gespeichert. Dagegen speichern mit Teer und Beton versiegelte Flächen kein Wasser, so dass der Regen schnurstracks in Kanäle und Flüsse abfließt. Gründächer vermindern somit die Abwasserspitzen und damit die Hochwassergefahr. Artenreiche Gründächer bieten auch Ausgleich für verloren gegangene Grünflächen und binden Staub und Schadstoffe, so auch das klimaschädliche Kohlendioxid. Zudem mindern sie die Schallreflexion, sie schlucken Lärm. Ein weiterer Vorteil: In heißen Sommern bleiben die Räume etwas kühler, weil das bepflanzte Dach die Hitze besser abschirmt.

Ob flach, rund oder schräg, heutzutage lassen sich viele Dächer begrünen. „Inzwischen wird jedes siebte Flachdach begrünt, das neu gebaut oder saniert wird“, sagt Wolfgang Ansel vom Deutschen Dachgärtner Verband e.V. (DDV). Die Begrünung erfolgt nicht immer freiwillig. Vor allem in Ballungsgebieten mit hoher Versiegelungsdichte wie dem Ruhrgebiet und dem mittleren Neckar-Raum ist die Dachbegrünung in vielen Bebauungsplänen vorgeschrieben. Der Verband sieht noch viel Potenzial in Deutschland: Mehr als zwei Milliarden Quadratmeter Flachdächer seien unbegrünt. Die brachliegende Fläche sei zehnfach größer als der Nationalpark „Bayerischer Wald“.

Wer sein Dach begrünt, hat die Wahl zwischen einer intensiven Begrünung, zum Beispiel einem japanischen Garten, und einer extensiven Begrünung mit einer anspruchslosen, niedrigwüchsigen Bepflanzung. Extensiv heißt, dass alles von allein wächst. Nur in der ersten Saison sollte man sich um Wachstum und Bewässerung kümmern, später reichen ein bis zwei Wartungsgänge pro Jahr, um Unkraut zu entfernen. Wer es mag, kann den Wildwuchs auch stehen lassen und sich an einjährig blühenden Kleearten erfreuen. Die extensive Begrünung ist nicht nur pflegeleichter, sondern auch billiger.

Nicht nur für Flachdächer kommt sie in Frage, auch für leicht geneigte Dächer. „Dabei können bis zu einer Dachneigung von zehn Grad auch auf schrägen Dächern die normalen Dachbegrünungssysteme für Flachdächer verwendet werden“, schreibt das Fachmagazin „Haus & Energie“. Ob Flach- oder Schrägdach: Die Statik des Hauses sollte man bei der Planung nicht überstrapazieren. Jeder Quadratmeter Dachgrün bedeutet eine Zusatzlast von 60 bis 100 Kilogramm. Was ein Dach verträgt, wissen Statiker und Architekt.

Der Vegetationsaufbau extensiven Dachgrüns ist einfach. Zunächst wird eine nährstoffarme, mineralische Substratschicht aufgebracht; Aufbauhöhe: acht bis 15 Zentimeter. Gepflanzt werden dann anspruchslose, niedrigwüchsige Pflanzengesellschaften, und zwar verschiedenfarbig blühende Sedumarten, die das Substrat schnell durchwurzeln. Ideal sind robuste Pflanzen, die große Wassermengen speichern können. „Aber auch Nelkenarten, Korbblütler und Trockengräser kommen mit den extremen Bedingungen, denen eine Dachfläche in der Regel ausgesetzt ist, gut zurecht“, so „Haus & Energie“.

Eine alternative Bepflanzung erlauben vorkultivierte Vegetationsmatten mit jungen Sedumpflanzen. Bei schwierigen Dachformen wie Tonnen bieten die Matten Abrutschsicherheit. Matten auf Flachdächern sieht DDV-Mann Anseln aber skeptisch: „Die Matten sind sehr teuer. Weil dann oft am Substrat und Unterbau gespart wird, sind sie schnell hinüber."

Intensive Begrünungen machen mehr Arbeit. Wer auf einem Flachdach ganze Rasen, Stauden, Sträucher und Bäume pflanzt, kann so einen kompletten (zweiten) Garten schaffen. Auch Wege, Sitzplätze und Teiche können frei gestaltet werden. Die Substratstärke muss rund 30 Zentimeter betragen, die Vegetation regelmäßig mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden.

Problematisch wird es, wenn durch das Wurzelwerk in der Dachhaut ein Leck entsteht. Dann muss die über Jahre gewachsene Vegetation abgetragen werden, um die Schadensstelle zu finden. „Eine solche Durchwurzelung verhindert man mit einer Wurzelschutzfolie“, sagt DDV-Sprecher Ansel. Wer das Horrorszenario einer Lecksuche ausschließen will, kann außerdem so genannte Koordinaten-Sensor-Matten verlegen, die das Leck punktgenau anzeigen.

Die Kosten einer pflegeleichten, extensiven Begrünung liegen laut DDV bei 25 bis 30 Euro je Quadratmeter. „Etwa 40 Jahre müsste die Begrünung dann halten“, so Dachgrünexperte Ansel. Wesentlich teurer kommen Nutz- und Freizeitgärten auf dem Dach. Hier ist mit 50 bis 150 Euro pro Quadratmeter zu rechnen. Die Kosten des Baukrans hängen davon ab, in welcher Höhe das Dach liegt - der Bungalow kommt billiger weg als die Dachterrasse des Wolkenkratzers. Eine weitere Faustregel: Je steiler die Dachneigung, desto höher die Kosten, da zusätzlich so genannte Schubschwellen aufgebaut werden müssen, die gegen Erosion schützen.

An den Kosten beteiligen sich manche Kommunen direkt oder indirekt, darunter Großstädte wie Stuttgart und München. Jedes begrünte Dach senkt die Entwässerungskosten und entlastet die Stadtwerke. Der DDV unterhält eine Datenbank über Fördermittel. In Berlin ist die Förderung ausgelaufen. Doch sparen Dachbegrüner in der Hauptstadt bei den Abwassergebühren. Die Gebühr für Niederschlagswasser fällt laut DDV in Berlin geringer aus.

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