Metropolen-Monopoly (1) : Aufgekratzt zu neuen Ufern

Über dem Rangierbahnhof der Long Island Rail Road sollen in Manhattan 15 Hochhäuser und ein neues Wohnviertel entstehen. Einer der Wolkenkratzer soll das Empire State Building überragen.

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Im Südwesten Manhattans wird - hier noch als Animation zu sehen - das nach Angaben der Baufirma größte nicht-öffentliche Bauprojekt in der Geschichte der Vereinigten Staaten entstehen: Bis 2025 sollen mehrere Bürotürme, rund 4000 Wohnungen, ein Luxushotel, eine Schule und viele Grünanlagen fertig gestellt sein.
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Um 1800 lebten nur drei Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Räumen. Die einzige Millionenstadt: Peking. Heute sind es fast vier Milliarden Menschen, die in Städten leben, bis 2050 werden es Schätzungen zufolge rund 6,5 Milliarden sein. Der Großraum Tokio gilt mit 38 Millionen als größtes Ballungsgebiet der Welt, die Bevölkerung in Delhi könnte bis 2030 von 25 auf 36 Millionen wachsen. In der ecuadorianischen Hauptstadt Quito hat sich der dritte UN-Weltsiedlungsgipfel mit den Problemen rasant wachsender Großstädte befasste. Was gehört zu einer modernen Infrastruktur, wie werden Verkehrskollaps und Slums vermieden, was macht eine soziale und klimafreundliche Stadtplanung aus?

Der Tagesspiegel greift die Themen dieser urbanen Agenda in loser Folge in einer Serie über Neubaugebiete in den Metropolen der Welt auf. Sie alle stehen vor ähnlichen Schwierigkeiten: Die Flächen für Projektentwicklungen werden knapp, die Ansprüche und Bedürfnisse der Bewohner werden größer.

Grafik: Gitta Pieper-Meyer

New York City ist eine der dynamischsten Wirtschaftsräume der Welt. Die Stadt, die niemals schläft, zieht Tag für Tag Menschen aus aller Welt an, die hier ihr Glück suchen. Mittlerweile leben in den fünf Bezirken – Brooklyn, Queens, Manhattan, der Bronx und Staten Island – über 8,5 Millionen Menschen, allein auf Manhattan Island sind es über 1,6 Millionen. Damit ist New York City die am dichtesten besiedelte Stadt der USA und eine der bevölkerungsreichsten der Welt – mit allen Vor- und Nachteilen einer angehenden Megacity.

Auf der einen Seite hat die vibrierende Medien- und Kulturmetropole eine energiegeladene und innovative Startup- Szene. Neben dem Finanzsektor ist Silicon Alley inzwischen der stärkste Wirtschaftsfaktor der Stadt. Allein 2015 haben Tech-Unternehmen in New York über 7,3 Milliarden Dollar Wagniskapital eingespielt und über 300 000 Menschen beschäftigt. Tendenz steigend. Andererseits hat 2015 eine Studie der Stadt ergeben, dass New York sich einigen Herausforderungen stellen muss, wenn sie lebenswert und attraktiv bleiben will.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in New York so weit auseinander, dass fast 45 Prozent der New Yorker an der Armutsgrenze leben, mehr als im US-Durchschnitt. Hinzu kommt eine in die Jahre gekommene, teils marode Infrastruktur mit entsprechenden Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Ob Abwasser oder Stromversorgung, Wärme oder Straßennetz: New York bedarf dringend einer Generalüberholung. Ein neuer Plan der städtischen Verkehrsverwaltung sieht daher unter anderem vor, das Fahrradwegenetz auszuweiten und mehr Busspuren einzurichten, damit mehr New Yorker Alternativen zum Auto und zur U-Bahn finden. Außerdem werden die Regionalbahnen unterirdisch ausgebaut.

Leben und arbeiten an einem Ort

„Der Verkehr staut sich hier immer“, sagt Lincoln Patel, stellvertretender Geschäftsführer der Hudson Yards Development Corporation, dem städtischen Unternehmen, das für die Infrastruktur im „neuen“ Stadtteil Hudson Yards zuständig ist. „Immer mehr Menschen suchen daher Quartiere, in denen sie eine echte Work-Life-Balance finden. Hudson Yards wird so ein Stadtteil.“ Der Bereich im Westen Manhattans, der grob von der 11th Avenue und der 8th Avenue sowie der West 42nd Street und der West 28th Street eingegrenzt wird, wird seit 2001 umgebaut und revitalisiert.

Aus dem Industriegebiet – vor einhundert Jahren leiteten hier „Urban Cowboys“ noch Güterzüge mit einer roten Laterne auf das richtige Gleis – soll ein modernes, grünes Quartier werden. Die Rede ist von 20.000 neuen Wohnungen und 2,6 Millionen Quadratmetern Verkaufs- und Bürofläche. Noch aber prägt der riesige Rangierbahnhof diese Stadtlandschaft.

„Traditionell haben wir in New York eher segmentierte Quartiere, die überwiegend einen Fokus auf Gewerbe oder auf Wohnungen haben“, sagt Patel. „Aber mit der steigenden Nachfrage nach beidem war Hudson Yards eine Gegend, in der Entwickler beides realisieren konnten, wo Menschen wohnen und arbeiten können.“

Die Wohnungen werden per Lotterie vergeben

Es sei eine Frage der Lebensqualität. In Manhattan haben der Financial District und Downtown bereits viel zu bieten. Dort setzte sich eine gemischte Quartiersentwicklung in den letzten Jahren durch, sagt Patel. Hudson Yards habe den Vorteil, dass man hier bewusst eine Mischung aus Büros, Einzelhandel und Wohnungen planen könne. Entstehen sollen nicht nur Eigentums-, sondern überwiegend Mietwohnungen. 5000 sind als bezahlbare Wohnräume vorgesehen und werden per Lotterie vergeben.

New York ist eine Mieterstadt, in der in erster Linie Menschen mit niedrigem Einkommen auf Wohnungssuche sind und dabei aus der Innenstadt verdrängt werden. Dieser Prozess der Gentrifizierung ist, wie Experten seit Jahren warnen, eines der größten ökonomischen und sozialen Probleme der modernen Stadtentwicklung. Dagegen setzt nun der Beschluss des Weltsiedlungsgipfels von Quito ein Zeichen und hofft auf Städte, in denen „sozialer Zusammenhalt, Inklusion und Sicherheit in friedlichen und pluralistischen Gesellschaften“ möglich sind.

Wie in Berlin („kooperative Baulandentwicklung“) macht New York Projektentwicklern Auflagen. Private Entwickler sind über Partnerschaften mit der Stadt daran gebunden, einen Teil der geplanten Wohnungen zu erschwinglichen Preisen zu vermieten. Das gilt auch für Hudson Yards, wo die Stadt in neue Infrastruktur investiert hat. „Die Verlängerung der U-Bahnlinie 7 bis zur 34th Street und 11th Avenue verbindet den Stadtteil mit einer besseren Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz.

Hudson Park und Boulevard haben auch neue Grünflächen ermöglicht, die die Aufenthaltsqualität und Umwelt deutlich verbessern,“ sagt Pate. Hudson Yards soll ein Vorbild sein für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

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