Immobilien : Mit der Stadt ist das so eine Gechichte

RALF SCHÖNBALL

Mit der Stadt ist das so eine Geschichte - weil sie historisch wächst.Wie für andere, prominente Orte gilt dies auch für die East-side-Galerie, weil hier noch die Mauer steht; ein zu Stein geronnenes Kapitel der deutschen Geschichte.Wie schnell dieses Monument andernorts fast ganz aus dem Stadtbild verschwand, das ist knapp zehn Jahre nach dem Fall des "antifaschistischen Schutzwalles" offenkundig: Wo einst Grenze war, ist heute Stadt.Sollte, was andernorts recht ist, nicht auch hier billig sein? Der Senat für Stadtentwicklung suchte auf diese Frage im Rahmen eines Ideenwettbewerbes eine Antwort.Die Architekten Backmann und Schieber gingen in die Konkurrenz um diese geschichtsträchtige Wasserlage.Während ihre Vorschläge bisher nur auf dem Papier stehen, baute Architekt Georg Kieferle wenige Kilometer entfernt für Roland Ernst - und plant weitere Bauten am Wasser.

"Vierzig Jahre heftigste Stadtgeschichte befinden sich an diesem Ort", sagt Rolf Backmann.Ein derart symbolisch besetztes Stück Stadt neu zu ordnen, sei keine einfache Aufgabe.Zumal er mit seinen Partnern Eugen Schieber und Nicolas Westphal die Quadratur des Kreises suchte: Einerseits wollten sie die Mauer "nicht plattmachen", andererseits wollten sie deren einstige Funktion als Demarkationslinie von zwei einst politisch getrennten Stadtteilen aufheben: "um die Uferzone ins Stadtgebiet hineinzuziehen", so Backmann.

Auf keinen Fall aber wollten die Planer, auf ihrer Suche nach einer städtebaulichen Lösung, das Gebiet einfach "überplanen".Was dabei verloren geht, sei in der Nähe von London zu begutachten.Dort, unweit von Stonehenge, legten die Planer Straßen und Siedlungen quer über das Areal, das einst religiösen Zeremonien vorbehalten war.Damit zerstörten sie die Topographie des Ortes."Mit einer solchen Rücksichtslosigkeit wollten wir an der East-side-Galerie nicht vorgehen", sagt Backmann.

Mit Respekt habe er vorgehen, das Geschichtliche dabei aber nicht als unantastbar verstehen wollen.Diesen Konflikt lösten die Architekten mit einer beachtenswerten Strategie: Sie "versenkten" die Mauer in einen Graben und legten sie dort in einem Winkel von etwa 45 Grad ab.Über das Denkmal schlugen sie eine Fußgängerbrücke.Dadurch erschließen sie den Passanten die Wasserkante und das umliegende Gebiet."Die Mauer behält aber dennoch ihre Raumwirkung", sagt Backmann.Diese "Plastizität" gehe dagegen verloren, wenn man das Bauwerk einfach wie Straßenpflaster auf den Boden gelegt hätte.

Dürfte die Mauer durch diese "Inszenierung" aber nicht zu einem willkommenen Abenteuerspielplatz für kletterfreudige Heranwachsende werden? Das sei durchaus "ein Schwachpunkt", räumt der Architekt ein und fügt einen weiteren hinzu: "Die Mauer ist durch ihre Lage dann stärker der Witterung ausgesetzt".Allerdings schlagen in diesem Punkt zwei Herzen in der Brust des Architekten: "Sicher, man kann einen Schutz aus Plexiglas über die Mauer legen, andererseits hat auch die Vorstellung etwas für sich, sie der Geschichte zu überlassen".

Welche dieser zwei Lösungen auch gewählt würde, die "Versenkung der Mauer" gäbe den Blick frei auf den Landschaftsstreifen, der bisher im Schatten der Mauer liegt.Dort sieht der Plan der Baumeister dann Punkthochhäuser vor, durch recht große Abstände voneinander getrennt.Lediglich im Bereich des Ostbahnhofes sehen die Planer dichte Zeilenbauten vor.Außerdem verbinden sie die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg durch zwei neue Brücken.Dort, auf der "westlichen" Flußseite, sollte ein Park entstehen."Dieser Plan würde aber am Bezirk scheitern.Kreuzberg will selbst Gewerbe", sagt Backmann.

Einige Kilometer weiter, stadtauswärts, "ist dem Bezirk alles Recht, Hauptsache es wird etwas gebaut".Davon ist zumindest Georg Kieferle überzeugt.Der Stuttgarter Architekt ist im Auftrag von Roland Ernst tätig.In Treptow realisierte er schon die sogenannten "Twin towers".Die zwei Bürohäuser haben eine Ähnlichkeit "wie Zwillinge" und ragen 65 Meter in die Höhe.Kieferle zufolge zeichnen sie zusammen mit dem Allianz-Hochhaus - 123 Meter hoch - eine urbane Silhouette."Diese Skyline wollen wir jetzt um ein zweites Zwillingspaar ergänzen", sagt Kieferle und fügt hinzu: "Aber Roland Ernst bekommt kalte Füße." Büros, die ursprünglich hier entstehen sollten, finden in dezentralen Lagen wie Treptow nur schwer Mieter.Darauf reagierte der Investor mit neuen Plänen: Wohnungen sollen nun entstehen.

"First-class-Wohnungen direkt am Wasser", sagt Kieferle.Diesen hohen Anspruch will der Architekt durch großzügig bemessene Wohnungen einlösen: 180 Quadratmeter pro Einheit.Die Wohnungen sollen zudem mit zwei Geschossen und "durchgehenden Grundrissen" aufwarten.So könne der Nutzer auf dem Südbalkon Sonne tanken und auf der Nordseite den Wasserlauf verfolgen.Als Bautypus schwebt dem Planer ein "Stadthaus" vor "wie wir es aus Wien oder Berlin kennen" - großzügig, aber mitten in der Stadt.Während der angrenzende Allianzbau mit grauem Marmor den gewerblichen Charakter herausstreiche, sollten die Wohnhäuser "durch Putz oder Naturstein ein schönes Kleid" erhalten.So herausgeputzt könne der Investor eine hübsche Stange Geld beim Verkauf des Wohneigentums einnehmen, glaubt Kieferle: "Es gibt Leute, die 10 000 DM pro Quadratmeter bezahlen für Wohnungen in Hochhäusern".In Hochhäusern wohlgemerkt.Deshalb denkt der Planer auch laut über Stadthäuser nach, die 15 Geschosse hätten, statt sechs.Damit würden sie weit höher als 22 Meter "über dem Fußboden" hinwegragen.Von dieser Höhe an beginnen die Baugesetze für Hochhäuser: Zwei Fluchttreppen und schärfere Richtlinien zum Feuerschutz; sie verteuern das Bauen um sieben bis zehn Prozent.Ob sich wohl für solchen Luxus auch in dieser Lage Käufer finden?

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