Immobilien : Mobile Mieter

ANDREAS LOHSE

Wer über den Tellerrand schaut, entdeckt die Welt.Wessen Blick dann sogar bis Gießen reicht, sieht, mit welchen Ideen Wohnungsunternehmen neue Dienstleistungen für ihre Mieter anbieten und dabei zugleich ihr Image aufpolieren können: Car-Sharing in Wohnsiedlungen, initiiert von einer Wohnungsbaugesellschaft, bietet den Mietern dort Mobilität, ist ökonomisch effizient, ökologisch tragfähig und kann allen Beteiligten helfen, Kosten zu sparen.

Als Institutionen, die am ehesten in der Lage sind, die Vorteile eines verringerten Individualverkehrs in einem Gesamtkonzept auch planerisch und baulich umzusetzen, haben Wohnungsunternehmen mit Car-Sharing-Konzepten entscheidende Vorzüge, meinen die "Wohnungswirtschaftlichen Informationen" (WI) des Gesamtverbandes deutscher Wohnungsunternehmen.Die Idee: Wohnungsgesellschaften stellen ihren Mieterinnen und Mietern einen Fuhrpark aus verschiedenen Fahrzeugen vom Kleinwagen bis zum Transporter zur Verfügung."Dies ist mit angepaßten Konzepten prinzipiell sowohl im Bestand als auch bei Neubauprojekten möglich", so die WI.

Hilfestellung geben dabei die beiden Firmen "Invers" in Siegen und "Consult 21" in Gießen.Deren Dienstleistungsangebot - "Innovatives Car-Sharing System Wohnen" (incars wohnen) genannt - umfaßt die Auswahl geeigneter Wohnanlagen, Marketing einschließlich Mieterbefragung, Projektmanagement bis hin zur Bereitstellung der notwendigen technischen Komponenten sowie die Feinabstimmung mit den jeweiligen Rahmenbedingungen des Wohnungsunternehmens.

Kern der technischen Komponente ist ein von Invers entwickeltes System mit Namen COCOS, mittels dessen sich Kunden und Fahrzeuge verwalten, Fahrten reservieren sowie abrechnen lassen.Dazu stellt das Wohnungsunternehmen den Mietern eine Chipkarte zur Verfügung.Am Stellplatz des Fahrzeugs in unmittelbarer Nähe der Wohnungen steht ein Tresor, in dem Autoschlüssel sowie ein Datenschlüssel verwahrt werden, womit man das Auto öffnet und startet.Die Fahrt kann sofort beginnen.Wird das Fahrzeug später wieder an seinen Stellplatz zurückgebracht, werden mit Hilfe des Datenschlüssels die Fahrdaten aus dem Bordcomputer in den Rechner des Wohnungsunternehmens übermittelt.Am Ende jeden Monats bekommt der Nutzer eine Rechnung mit den Angaben zu seinen einzelnen Fahrten.

Dieses Konzept erweitert das bereits in vielen Städten und auch in Berlin existierende, als Alternative zum Individualverkehr mit dem persönlichen Pkw entwickelte Car-Sharing."Im Unterschied zum herkömmlichen Car-Sharing ist in Gießen ein Wechsel zwischen spontaner Nutzung und Vorbuchung möglich", erläutert Holger Fischer von Consult 21.Auch werde der Verwaltungsaufwand minimiert, da die Mieterdaten in der Regel bereits in digitalisierter Form vorliegen und die Übertragung der Fahrdaten automatisiert erfolgt.Zudem sei aufgrund der engen Bindung der Mieter an den Vermieter eine zusätzliche Kaution nicht zwingend erforderlich, die sich als Hürde für potentielle Car-Sharing-Interessenten erweisen könnte.Über die Chipkarte lassen sich weitere Dienstleistungen durch das Unternehmen anbieten und abrechnen sowie unzuverlässige Nutzer ausschließen.Anderen hingegen, beispielsweise Stammkunden, können Vorteile offeriert werden.

Als Nutzen für die Wohnungswirtschaft skizziert Holger Fischer vorrangig weniger direkte als indirekte Vorteile: "Image-Gewinn und die Profilierung als moderner Dienstleister." Die Mieter würden sich stärker an das Unternehmen binden.Und bei Neubauprojekten seien weniger Stellplätze notwendig, wodurch das Bauen flächensparender und preiswerter werde, heißt es dazu in der WI.Auch könne das Unternehmen selbst auf diesen Fuhrpark zugreifen.

Soweit die Theorie.In der Praxis wird die Gießener Gesellschaft für soziales Wohnen (GSW) das Konzept unter dem Namen "MieterMobil" in ihrem Bestand umsetzen.Dazu wurden Ende 1997 alle 213 erwachsenen Mieter über das Projekt informiert.Ein Tarifmodell unterscheidet zwischen Basis- und Stammkundentarif, wobei der Basistarif allen Mietern mit Führerschein offensteht.Stammkunden zahlen im Gießener Pilotprojekt einen Monatsbeitrag von 15 Mark, für jede halbe Fahrstunde zudem knapp zwei Mark (bei maximal 35 Mark pro Tag) sowie pro Kilometer 25 Pfennig.Eine Wochen- und Wochenendpauschale ist möglich, die Nutzungsdauer ohne Vorbuchung allerdings vorerst auf 72 Stunden begrenzt.Das Wohnungsunternehmen stellt die Autos, übernimmt technische Kontrollen, Wartung und Reinigung der Fahrzeuge sowie Spritkosten.Der Startschuß, so jedenfalls war der Plan bei Redaktionsschluß, fiel am vergangenen Donnerstag.

Berliner Mieter von Wohnungsunternehmen, die an solchen Konzepten Interesse haben, sollten sich mit ihrer Verwaltung in Verbindung setzen.Bei Consult 21 jedenfalls betont man, daß sich das Gießener System übertragen und an die Bedürfnisse anderer Wohnungsbaugesellschaften anpassen lasse.Anfragen weiterer Kommunen lägen bereits vor, unter anderem aus Lüneburg, Frankfurt, Koblenz und Mannheim.Nach etwa zwei bis drei Jahren habe sich die Investition amortisiert.

Ansprechpartner beim Beratungsbüro Consult 21, Gießen: t (0641) 943 30 - 33 /-34.Firma Invers Innovative Verkehrstelematiksysteme, Siegen: t (0271) 238 05 38.

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