Moskaus Kampf um die Plattenbauten : Wolkenkratzer statt Chruschtschowka

Die alten fünfstöckigen Plattenbauten in Moskau sollen zugunsten eines groß angelegten Stadtumbauprogramms fallen.

Matvey Gritsyuk Anna Malpas Claudia Thaler
Nach dem Moskauer Generalbauplan sollen mehr Hochhäuser in der Metropole gebaut werden. 
Nach dem Moskauer Generalbauplan sollen mehr Hochhäuser in der Metropole gebaut werden. 

Moskau ist aufgebracht. Die Wut gegen die Behörden ist groß, genauso die Ratlosigkeit. Denn der kremlnahe Bürgermeister Sergej Sobjanin hat vor der Wahl im kommenden Jahr ein großes Vorhaben, quasi ein Prestigeprojekt. Er und seine Stadtplaner wollen die Metropole mit geschätzt 14 Millionen Einwohnern umkrempeln. Rund 5000 alte Wohnhäuser sollen abgerissen und gegen neue, moderne Appartements ausgetauscht werden. Es geht nach offiziellen Angaben um Wohnungen für 500 000 Menschen. Was genau ist geplant?

Für viele Bewohner ist das geschätzt rund 50 Milliarden Euro schwere Bauprojekt eine Katastrophe. Denn in den meisten Fällen sind die Wohnungen Privateigentum. Nach dem Ende der Sowjetzeit wurden sie einfach den Bewohnern übertragen. Sollten diese sich nun weigern, freiwillig innerhalb zweier Monate auszuziehen, müssen sie zwangsumgesiedelt werden.

Auf dem Papier sieht der „Renowazija“ (Renovierung) getaufte Plan vielversprechend aus: Die Jahrzehnte alten fünfstöckigen Familienhäuser auf den besten Baugründen Moskaus, sogenannte Chruschtschowki, sollen abgerissen werden. Die Wohnungen, viele davon nicht größer als 40 Quadratmeter, wurden in den frühen sechziger Jahren unter Parteichef Nikita Chruschtschow gebaut. Heute sind einige baufällig und marode, doch bei Weitem nicht alle.

58 Häuser sollen in Moskau abgerissen werden

Ende Februar gab Bürgermeister Sobjanin seinen Plan zur Beseitigung der Chruschtschowkas bekannt. Damals bezog er sich auf 8000 Gebäude mit rund 1,6 Millionen Einwohnern. Inzwischen wurde das Projekt auf gut die Hälfte zusammengestrichen, denn viele Einwohner wollen die angestammten Quartiere nicht verlassen. 58 fünfstöckige Häuser sollen aktuell in Moskau abgerissen werden (Stand: 7. Juni 2017).

Chruschtschowkas haben extrem kleine Küchen, Fahrstühle gibt es nicht. Nicht alle sind Plattenbauten, es gibt auch Ziegel-Chruschtschowkas. In jedem Fall handelt es sich um Billig-Mietskasernen der post-stalinistischen Zeit, die in Moskau und vielen anderen russischen Städten in kürzester Zeit errichtet wurden, um der Wohnungsnot der 50er und 60er Jahre zu begegnen. Chruschtschowkas sind vier oder fünf Etagen hoch. Insgesamt stehen sie für rund ein Zehntel des Moskauer Wohnraums.

Nach Einschätzungen von Forbes können zirka 60-70 Millionen Quadratmeter Wohnfläche nach dem Abriss von Chruschtschowki neu errichtet werden.

Die Bürger sprechen von "Deportation"

Ende Mai stellte Moskaus Chefarchitekt Sergej Kusnetsow seine Vision des zukünftigen Stadtbildes auf der 22. Internationalen Ausstellung für Architektur und Design vor. Er trat für den Neubau einzelner Stadtviertel ein. Jedes soll einen geschützten Innenhof erhalten. Dort lassen sich viele neue Parkplätze unterbringen – zur Entlastung der Anliegerstraßen. Aber natürlich soll es hier auch Blumenrabatten und Ruhebänke geben. Die Zahl der Bäume und Sträucher soll insgesamt nicht reduziert werden, sagte Sobjanin dem Fernsehsender Rossiya 24.

Radwege, Spiel- und Sportgeräte sollen „aufbauend“ wirken wie der Baustil. Gegen das „Grau“ der „Schlafbezirke“ sollen ein modernes Design und wohl auch mehr Farbe eingesetzt werden – nicht zuletzt, um die Kriminalitätsraten in den Vierteln zu senken. Kusnetsow sagte in einem Interview mit der „Rossijskaja Gazeta“ („Russische Zeitung“), dass es bei den zu errichtenden Neubauten nicht um irgendwelche Wolkenkratzer gehe. Das historische Stadtbild und die Bevölkerungsdichte würden bei der Neugestaltung eine Rolle spielen. Fünfgeschossige Häuser seien jedoch „ein großer Luxus“ für die Großstadt, sagte Kusnetsow mit Blick auf die „Chruschtschowki“. Moskaus Bürgermeister wurde im Interview mit Rossiya 24 deutlicher. Selbstverständlich wird Moskau insgesamt höher: „Es werden Wolkenkratzer anstelle von weit ausgelegten Siedlungen gebaut.“

Die Sorgen der Bürger sind groß: Sie sollen andere Grundstücke beziehen. „Deportiert“, bezeichnet eine Rentnerin bei einer Demonstration den Umzug. Den Bewohnern wird nach Angaben der Stadt zumindest garantiert, eine Wohnung „entsprechender“ Größe und im angestammten Wohnviertel zu bekommen. Viele fürchten dennoch, an den Stadtrand gedrängt zu werden.

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