Immobilien : Natur neu erleben

An zwei sehr konstrastreichen Standorten, in Gera und Ronneburg, findet die große Schau des Garten- und Landschaftsbaus statt

Waltraud Hennig-Krebs

An Blumenpracht, Bäume und sattes Grün hat Altkanzler Kohl vermutlich nicht gedacht, als er einst den ostdeutschen Bundesländern blühende Landschaften prophezeite. Doch zumindest für Ronneburg und Gera im thüringischen Landkreis Greiz trifft die Vision im wahren Sinne seiner Worte zu. Denn an diesen beiden sehr unterschiedlichen Standorten findet bis zum 14. Oktober die diesjährige Bundesgartenschau (Buga) statt. Zum ersten Mal wurde das alle zwei Jahre stattfindende Großereignis des Garten- und Landschaftsbaus an zwei Städte vergeben. Die beiden, etwa zehn Kilometer auseinanderliegenden Bereiche sind durch einen Bus-Shuttle miteinander verbunden.

Für Ortsfremde ist es nur schwer vorstellbar, dass am Rande eines der ehemals größten Uranerzbergbaugebiete der Welt die „Neue Landschaft Ronneburg“ entstanden ist. Wo heute Rosen blühen, an Hängen Bäume wachsen und Wanderwege zum Spazierengehen einladen, hatte die militärisch geführte sowjetisch-deutsche Wismut AG auch hier tief greifende Schädigungen bei Natur und Menschen hinterlassen. Denn über 40 Jahre holte der Bergbaugigant Uranerz für die Atomwaffenindustrie der Sowjetunion aus der Erde. Im Jahr 1990 übernahm die Bundesrepublik die sowjetischen Anteile und begann mit der Sanierung der verseuchten Gebiete, und zwar nicht nur in Thüringen, sondern auch in Sachsen. Gut nachvollziehen lässt sich das gigantische Projekt durch eine Ausstellung im ehemaligen Rittergut Ronneburg auf dem Buga-Gelände.

Wer sich über das düstere Kapitel dieses Albtraumes einer Landschaft informiert hat, wird mit Begeisterung die 60 Hektar des völlig neu gestalteten Geländes erkunden und die großzügige Weite der Pflanzungen auf dem ehemaligen Tagebaugebiet bewundern. Auf den beiden Hochebenen mit Blick ins Gessental liegen die Hauptattraktionen. Zwei befestigte Rundwege führen über das Gelände, von denen einer barrierefrei ist und gut mit Kinderwagen oder Rollstuhl bewältigt werden kann. Nur wer gut zu Fuß ist, sollte den erweiterten Rundweg durchs Tal machen, denn den Besucher erwarten zwischen sechs und 15 Prozent Gefälle beziehungsweise Steigung. Eine bequeme Verbindung zwischen den beiden Höhenlagen schafft die 240 Meter lange geschwungene Holzbrücke, die beim Überqueren leicht vibriert. Sie erhielt wegen ihrer Wellenform von den Einheimischen den Namen „Drachenschwanz“. Das Einmalige an dieser Brücke ist, dass sie aus einem einzigen Holzband besteht. Es wird wie ein Seil über drei Felder jeweils rund 50 Meter weit gespannt. Von dieser Brücke aus, die Europas längste dieser Art sein soll, hat man einen faszinierenden Blick über das Gelände und hinab ins 25 Meter tiefer gelegene Gessental. Nicht zu übersehen ist in einiger Entfernung der gepflanzte grüne Namenszug „Wismut“ an den sogenannten Lichtenberger Kanten, ein terrassenförmig angelegter Hang von etwa einem Kilometer Länge. Die mit Stileichen aufgeforstete Anlage soll mit ihren streng geometrischen Formen an den Tagebau erinnern. Auch der über 20 Meter hohe Aussichtsturm ist eine Reminiszenz: Das Bauwerk ähnelt in seiner Gestaltung einem Förderturm. Neben einem schönen Ausblick bietet er Sportbegeisterten an den beiden frei stehenden Wandscheiben, verschiedene Kletterrouten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Wer das Buga-Gelände vom Haupteingang aus betritt, kann vom Gärtnermarkt aus direkt zu den „Thüringer Welten“ schlendern. Diese zwölf künstlerisch gestalteten Landschaftsbilder en miniature zeigen auf etwa 8000 Quadratmetern Regionaltypisches. So greift beispielsweise die „Gläserne Welt“ die Geschichte des Thüringer Glases auf und veranschaulicht durch pflanzliche Gestaltung die Herstellung des Materials. In einem anderen Bild wird das legendäre Rosenwunder der Heiligen Elisabeth inszeniert: Die symbolischen Brote, die sich der Sage nach in Rosen verwandeln, sind mit Weidengeflecht eingefasst und mit Roggen und Weizen bepflanzt. Auf fantasievolle Weise dokumentiert ein anderer Themengarten die Bedeutung des Thüringer Porzellans. Filigran wirkende Säulen aus gestapelten Tassen, Tellern oder auch Kaffeekannen bilden einen dekorativen Kontrast zur farbenfrohen Bepflanzung. Und selbstverständlich gehörte zu Thüringen die Rostbratwurst. Sie wird in Form einer riesigen begehbaren Hülle mit verschiedenen Kräuterfeldern und lebenden Zutaten – in Gestalt von Schweinchen – präsentiert. Im letzten der zwölf Landschaftsbilder werden die für die Saalehänge typischen Muschelkalklandschaften in Form von künstlichen Terrassen dargestellt. Auffällige Stauden, wie Graslilien, Blutstorchschnabel oder bunte Kronenwicke prägen die Vegetation. Und im Herbst sollen Perückensträucher weithin leuchten. Diese „Thüringer Welten“ liegen inmitten des Arboretums, einer neu angepflanzten Baumsammlung mit etwa 50 Arten der nördlichen Halbkugel.

Unweit der Landschaftsbilder erwarten den Besucher immer wieder großräumig angelegte Flächen mit Groß- und Wildstauden und auch Gräsern in ästhetisch ansprechenden Kombinationen, Begleitpflanzen wie Ginster und auch Bodendeckerweiden, Und es gibt geradezu ein Meer von Rosen – sei es am Hang oder im eigens geschaffenen Rosengarten. 10 000 Exemplare sollen es sein. Unter den 261 Sorten können 70 Neuheiten bewundert werden.

Die eigentliche Leistungsschau der Gärtner findet in Gera statt. Farbenprächtige Beete mit einer opulenten Blütenpracht empfangen die Besucher im Hofwiesenpark, einem attraktiven Stadtpark mit weiten Grünflächen und sanften Konturen am Ufer der Weißen Elster. Bereits am Haupteingang fasziniert der rund 500 Meter lange Blütenteppich, der den Jahreszeiten entsprechend bepflanzt wird. Schlendert man über den sogenannten Boulevard, eine der Hauptachsen, so werden Fahnen sichtbar, die in einem großen Oval stehen, das von einer hohen Hecke aus Feldahorn eingefasst ist. Es sind die Stadtwappen der zwölf nationalen und internationalen Partnerstädte von Gera. Sie präsentieren sich mit eigenen Minigärten, angeordnet nach ihrer geografischen Lage. Die kleinen Schauflächen sollen einen Eindruck der jeweiligen Stadt und des Landes vermitteln. So ist beispielsweise das niederländische Arnheim mit knallroten „Klompen“ vertreten, in die Blumen gepflanzt wurden. Jeder Garten erzählt seine eigene kleine Geschichte, über die man sich auf den Pulttafeln informieren kann.

Es sind vor allem Beet- und Prachtstauden die in breit gefächerten Farbkompositionen von Blättern und Blüten schöne Gartenbilder schaffen. Die Stauden wurden einzelnen Themen zugeordnet, so dass die Beete auch unterschiedliche Standorte haben. Angelegt in einer Senke liegt der Irisgarten. Durch die Lage können die jeweiligen Bedürfnisse der Gattung berücksichtigt werden. Es gibt Beete für feuchte, frische oder trockene Standorte. Kontraste oder Harmonien entstehend durch die Begleitpflanzen, die zu den intensiven Blütenfarben ausgewählt wurden. Sowohl den Sonne liebenden Korbblütlern, wie Mädchenauge, Sonnenhut oder Sonnenbraut, die den Kirchenpavillon umrahmen, als auch den „Schattenkindern“ ist ein eigener Bereich gewidmet. Letztere gruppieren sich unter den Blätterdächern großer Bäume, die sehr unterschiedliche Lichtverhältnisse schaffen. Hier sind ganz offensichtlich Astilben ein wichtiges Thema, da sie sich gut mit anderen Stauden und Gräsern kombinieren lassen. In unmittelbarer Nähe der Schattenstauden liegt der Gerberahügel gegenüber vom Spielplatzoval. Vorbei an diesem kleinen Kinderparadies mit riesigen Holzfiguren führt der Weg über die Weiße Elster. Auf der Brücke sollte man einen Augenblick verweilen und die schöne Flusslandschaft genießen bevor man sich am gegenüberliegenden Ufer dem Gemüse und den Kräutern der Goethezeit zuwendet.

Nicht versäumen sollten Hobbygärtner den Baumschulgarten. Einige werden staunen, auf welch vielseitige Weise Gehölze herangezogen werden können. Geradezu kühn muten die in Form geschnittenen einheimischen Exemplare, beispielsweise Kiefern, an. Sehenswert ist auch die barocke Pracht des rekonstruierten Küchengartens, der zwischen saniertem Jugendstiltheater und neu gestalteter Orangerie liegt. Zu den langjährigen Traditionen gehört nicht nur die Blumenhalle mit wechselnden Ausstellungen, sondern auch der Wettbewerb von Friedhofsgärtnern und Steinmetzen. Auch diesmal dürfte die Präsentation „Grabgestaltung und Denkmal“ ein Besuchermagnet werden, vor allem wegen der Lage. Denn der nach historischem Vorbild rekonstruierte Park mit Teichanlage einschließlich Wasserkaskade der ehemaligen Fabrikantenvilla Jahr ist der ideale Standort. Unter Bäumen, umrahmt von Rhododendren, die teilweise als Hochstämme gezogen wurden, werden in der im englischen Landschaftsstil gehaltenen Gartenanlage wahrlich meisterhafte Arbeiten von Steinmetzen gezeigt. Die Stelen und Grabsteine bilden mit der vorzüglichen gärtnerischen Gestaltung der Mustergräber für unterschiedliche Standorte ein harmonisches Ganzes.

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