Neubau : Die Vorgaben für Nachhaltigkeit werden immer umfangreicher

Die Bauindustrie muss ihren Beitrag leisten – und wird daran gut verdienen

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Eine Mütze hält die Hitze. Diese „Dämmstoffe“ sind garantiert umweltfreundlich. Foto: dpa
Eine Mütze hält die Hitze. Diese „Dämmstoffe“ sind garantiert umweltfreundlich. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ ZB

Gegen Ende der Veranstaltung wurde es plötzlich unruhig im großen Saal des Steigenberger-Hotels in Berlin. Gediegen- langweilig war die Diskussion auf dem Deutschen Baugewerbetag vor sich hingeplätschert. In immer neuen Formulierungen hatten die Redner betont, wie wichtig die Rolle der Bauwirtschaft für die Nachhaltigkeit sei – da wagte der Grüne Winfried Hermann, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, die Provokation: „Wenn Sie in Berlin bauen, kommen manchmal Baukolonnen zum Einsatz, die nichts von Klimaschutz wissen“, kritisierte er. Die Folge seien Fehler, die sich auf die Energiebilanz der Gebäude negativ auswirkten.

Und das hat weitreichende Folgen – denn Gebäude sind für rund 40 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland verantwortlich. Deshalb nehme die Bauwirtschaft ihre Verantwortung für die Nachhaltigkeit sehr ernst, betonte Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe. Auf dem Baugewerbetag trafen sich in der vergangenen Woche die kleinen und mittleren Betriebe der Branche. Auch der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, Interessenvertreter der größeren Unternehmen, hat das Thema für sich entdeckt. „Die deutsche Bauindustrie“, sagt Manfred Nußbaumer, Vizepräsident des Hauptverbandes, „verfügt bereits heute über die Prozesse und Technologien, um energetische Sanierungen kosteneffizient umzusetzen.“ Das bestätigt Manfred Hegger, Architekturprofessor an der TU Darmstadt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB): Im weltweiten Vergleich stehe die deutsche Bauwirtschaft gut da.

Wie wichtig die Energieeffizienz für die Branche ist, zeigen die großen Messen. Auf der diesjährigen Bautec in Berlin zum Beispiel stand das Thema „Bauen und Energieeffizienz“ im Mittelpunkt. Auch auf der Weltleitmesse Bau in München, auf der sich im Januar 2011 mehr als 1900 Aussteller präsentieren werden, findet sich das nachhaltige Bauen ganz oben auf der Tagesordnung. „Wir werden hochkarätige Experten einladen, die auf die konkreten Anforderungen nachhaltigen Bauens eingehen und diese anhand von Projektbeispielen veranschaulichen“, stellt Projektleiter Markus Geisenberger in Aussicht.

„Die Bauindustrie kann wie kaum eine andere Branche einen entscheidenden, gesellschaftsrelevanten Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten“, heißt es beim größten deutschen Baukonzern, der Hochtief AG. Das Essener Unternehmen achtet nach eigenen Angaben beispielsweise darauf, ausschließlich schadstoff-, emissions- und geruchsarme Baustoffe zu verwenden. Ebenfalls viel Wert legt der Konzern auf das Recycling der Baustoffe.

Das Ergebnis aller Bemühungen sind energieeffiziente Gebäude wie das von Hochtief errichtete Unilever-Haus in Hamburgs Hafencity. Der Neubau, mit einem Preis des von der Fondsgesellschaft Union Investment ausgelobten Prime Property Award ausgezeichnet, wird durch eine spezielle Membranfassade aus Kunststoff vor Wind und Auskühlung geschützt. Licht spendet die Energie sparende LED-Technik und die Heizung des Gebäudes erfolgt sparsam über Betonkernaktivierung und Wärmerückgewinnung der Abluft.

Dass es immer mehr Immobilien wie das Unilever-Haus gibt, hängt mit dem Siegeszug der Nachhaltigkeitszertifikate zusammen. Eine wachsende Zahl von Bauherren will nachweisen, dass ihr Objekt energieeffizient und nachhaltig geplant und gebaut ist. Sie beantragen deshalb ein entsprechendes Gütesiegel. Dadurch wächst der Druck auf die Bauwirtschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen – denn die beste Planung führt zu keinem guten Ergebnis, wenn sie nicht angemessen umgesetzt wird.

Gefragt sind dabei nicht nur die Baufirmen, sondern auch die Hersteller von Bauprodukten. Denn Breeam, Leed, DGNB und die anderen international verbreiteten Nachhaltigkeitszertifikate beurteilen, wie viel Energie ein Gebäude im Lebenszyklus verbraucht und stellen auch strenge Anforderungen an Schadstoffarmut sowie Recycelbarkeit der Baustoffe.

Den Nachweis, dass diese Anforderungen eingehalten werden, erbringen Bauherren mit den sogenannten EPDs. Das ist die Abkürzung für Environmental Product Declaration (Umweltproduktdeklaration). EPDs beurteilen beispielsweise Dämmstoffe, Bodenbeläge und Holzwerkstoffe daraufhin, ob sie die Ozonschicht schädigen, sauren Regen verursachen oder anderweitig die Umwelt beeinträchtigen. Derzeit haben nach Angaben des in Königswinter ansässigen Instituts Bauen und Umwelt (Ibu) gut 50 Hersteller für mehr als 130 Produkte oder Produktgruppen eine solche Deklaration beantragt – und es werden immer mehr.

Derweil werden die gesetzlichen Vorgaben an die Energieeffizienz immer strenger: Für 2012 wird eine verschärfte Fassung der Energieeinsparverordnung (Enev) erwartet, und ab 2021 sollen nach dem Willen des EU-Parlaments alle Neubauten fast keine Energie mehr verbrauchen. „Ökonomisch“, sagt Nachhaltigkeitsexperte Manfred Hegger, „wird die Bauindustrie der große Gewinner dieser Entwicklung sein.“

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