Neue Wohnung : Besser als ihr Ruf: Berlins Wohnheime für Studenten

In der Hardenbergstraße lädt ein frisch saniertes Haus mit großen, hellen Apartments die Studenten zum Wohnen ein.

Anne Meyer

Ida Broszak (Name geändert) studiert Jura im sechsten Semester. Lange wohnte sie mit ihrem Freund am Rande Berlins, dann trennten sie sich. Ida wollte schnell eine neue Bleibe finden. „Guck doch mal im Studentenwohnheim“, riet ihre Schwester. Doch Ida war skeptisch. Sie stellte sich winzige Zimmer und endlose Flure vor, chaotische Gemeinschaftsküchen und morgendliche Schlangen vor der Dusche. „Ein eigenes Bad und eine eigene Kochmöglichkeit möchte ich schon haben“, sagt sie, „und auch mal meine Ruhe.“ Bei einer Besichtigung stellte sie dann aber fest, dass auch ein Wohnheim ihren Wünschen gerecht wird: Kürzlich zog sie in das frisch sanierte Haus an der Hardenbergstraße.

Die 46 Apartments, zentral in der Nähe der Technischen Universität und der Universität der Künste gelegen, sind der ganze Stolz des Studentenwerks. Helle, modern möblierte Räume mit Bad und Kitchenette lassen bei einer Größe von bis zu 28 Quadratmetern genug Platz für individuelle Freiräume. „Das ist schon fast Hotelstandard“, sagt die Architektin Brigitte Neudahm. Ihr Büro „n-vier“ hat nach den Wünschen des Studentenwerks ein Möbelkonzept für das Wohnheim entworfen.

Im Schnitt wohnen Berliner Studenten nur 16 Monate im Wohnheim. Die Möbel sollen ihren Teil dazu beitragen, dass die Zimmer nicht nach jedem Auszug komplett neu gemacht werden müssen: Eine Platte hinterm Schreibtisch verhindert, dass Studenten beim Lernen gedankenverloren mit den Schuhen die Wand besudeln. Auch am Bett gibt es diese umlaufenden Platten, „wegen der Fettflecken“, wie Ida Broszak mutmaßt. Pinnwände sollen die Studenten davon abhalten, Löcher in die Wand zu bohren. Diesem schnöden Nützlichkeitsprinzip zum Trotz sehen die Räume hell und luftig aus.

Die Apartments an der Hardenbergstraße reagieren auf zwei wichtige Entwicklungen im studentischen Wohnen: Junge Leute ziehen immer öfter um – und stellen höhere Ansprüche an ihre Bleibe. „Im Bachelor- und Mastersystem wechseln Studenten häufiger die Uni. Andererseits kommen mehr Postgraduierte in die Wohnheime, und die sind oft einen höheren Standard gewohnt als Studienanfänger“, glaubt Architektin Neudahm.

Wenn sich das Zimmerkonzept aus der Hardenbergstraße bewährt, werden es die anderen Berliner Wohnheime des Studentenwerks nach und nach übernehmen und je nach Baustil die Farbgebung variieren. Die ältesten Bauten stammen aus der Gründerzeit, das jüngste ist zehn Jahre alt. In den Etagen an der Hardenbergstraße, die in den fünfziger Jahren gebaut wurden, dominieren Grün- und Grautöne. „Für Altbauten könnte man sich ein Blümchenmuster vorstellen, für Bauten aus den 60er Jahren Blockstreifen“, sagt Neudahm.

So schick wie das Haus an der Hardenbergstraße sind beileibe nicht alle Wohnheime. Ida Broszak weiß das; sie hat sich zuvor ein Zimmer in Siegmunds Hof am Tiergarten angeschaut. „Das war nichts für mich“, sagt sie. Zehn bis zwölf Personen teilen sich in dem denkmalgeschützten Komplex aus den 50er Jahren ein Bad. „Das geht heutzutage eigentlich nicht mehr“, sagt auch Ricarda Heubach vom Studentenwerk. Deshalb ist Siegmunds Hof als nächstes mit der Sanierung dran.

Im Gegensatz zu anderen Städten ist es in Berlin relativ leicht für Studenten, günstigen Wohnraum zu finden. Nur sieben Prozent leben in den Wohnheimen, die insgesamt über 9500 Plätze verfügen. Wohnungsbaugesellschaften wie die GSW oder die Gesobau locken Studenten mit „Miet-Flats“, die Unterkünfte für mehrere Jahre zu einem Festpreis garantieren, oft sogar inklusive DSL-Flatrate und Zeitungsabo. Die Degewo bietet Studenten zwei Semester lang Wohnungen zum halben Preis an. Letztere befinden sich allerdings zumeist in Bezirken wie Britz und Marzahn, die bei Studenten ungefähr so beliebt sind wie Vorlesungen um acht Uhr morgens.

Gerade für Erstsemester und Austauschstudenten sind Wohnheime oft trotzdem die erste Wahl, weil sie dort schneller Kontakte knüpfen können. An den meisten der 35 Berliner Standorte kümmern sich „Wohnheimtutoren“ um Neuankömmlinge. „Sie helfen vor allem den ausländischen Studenten, sich schneller heimisch zu fühlen“, so Heubach. An allen Standorten gibt es Gemeinschaftsräume, oftmals mit Billardtisch, Leinwand zum Filmegucken und einer Bar. Auch Fitnessräume sind keine Seltenheit. Einige Wohnheime wie das an der Fraunhoferstraße, wo viele Studentinnen mit Kind wohnen, warten auch mit einem Kinderspielzimmer auf. Internetanschluss gibt es ausnahmslos überall.

Im Wohnheim an der Hardenbergstraße sind nur noch wenige Zimmer frei. Und das, obwohl die Studentenapartments nicht nur die modernsten, sondern mit 325 bis 345 Euro auch als vergleichsweise teuer gelten. Zum Vergleich: Am Franz-Mehring-Platz in Friedrichshain ist ein Zimmer schon für 108 Euro zu haben, der Durchschnittspreis liegt in Berlin bei 166 Euro. „Wir verhandeln immer wieder mit Investoren über Neubauten“, erzählt Heubach. „Die setzen Miethöhen von 200 Euro an, da kommen aber noch Kosten für Malerarbeiten und Möblierung hinzu.“ Wenn man dann noch die Nebenkosten hinzurechne, lande man bei weit über 300 Euro. „In Berlin sind bei solchen Preisen Wohnheime dann keine Alternative mehr“, glaubt Heubach. Statt neu zu bauen, saniert das Studentenwerk deshalb lieber.

Mehr im Internet:

www.studentenwerk-berlin.de/wohnen

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