Immobilien : "Nicht nur Umsatz und Ertrag sollten entscheiden"

RALF SCHÖNBALL

Zu den größten Aufgaben der Industrie zählt der Umbau der Energiewirtschaft im Osten des Landes.Nachdem die Treuhand die DDR-Kombinate "Braunkohlekraftwerke" und "Verbundnetze Energie" zur Vereinigten Energiewerke Aktiengesellschaft (Veag) zusammengefaßt hatte, erwarben unter anderem PreussenElektra, RWE Energie, Bayernwerk und Bewag deren Anteile.Vor dem Wettbewerb blieb die Veag bisher verschont: Sie muß keinen Strom von Konkurrenten durch ihr Netz leiten.Im Gegenzug hat sie den politischen Auftrag, die primärenergieintensive Braunkohleverstromung weiterzuführen.Das sichert Arbeitsplätze.Dazu dient auch die Entwicklung nicht betriebsnotwendiger Liegenschaften.Verantwortlich dafür ist im Veag-Vorstand Martin Martiny.Mit dem Arbeitsdirektor sprach Ralf Schönball.

TAGESSPIEGEL: Sie wollen für 1999 eine Rendite ausschütten, obwohl Sie das vor kurzem noch ausschlossen wegen des 20-Mrd.-DM-Investitionsprogrammes.Was veranlaßte Sie zu dem unverhofften Meinungsumschwung?

MARTINY: Wir wählten eine neue Abschreibungspolitik.Sie verbesserte die Ertragslage und das Jahresergebnis deutlich.

TAGESSPIEGEL: Sind die Steuergeschenke der Regierung nach Fördergebietsgesetz so groß, daß sich das Ergebnis von einem Jahr aufs Nächste um dreistellige Millionenbeträge verbessert?

MARTINY: Die Veag zahlte ihren Gesellschaftern seit 1991 keinen Pfennig Dividende für deren Investitionen.Wir haben unsere Abschreibungspolitik geändert und können dadurch eine Ausschüttung bezahlen.Daß wir eine neue Geschäftspolitik fahren, liegt nicht zuletzt daran, daß unsere Gesellschafter in Zeiten des Share-holder-values selbst unter dem Druck stehen, gute Ergebnisse auszuweisen.Dem tragen wir Rechnung.Unsere Kunden vergessen wir dabei nicht.1998 senkten wir die Strompreise und entlasteten Abnehmer so um Kosten von 400 Mill.DM.

TAGESSPIEGEL: Und den Spielraum verschafften Sie sich durch einen fortgesetzten Stellenabbau...

MARTINY: Wir setzen das größte Mittelstandsprogramm Ostdeutschlands durch unsere Strukturmaßnahmen um.Wir siedelten 200 Firmen an unseren Standorten an und lösten Investitionen in Höhe von 650 Mill.DM aus.Rechnet man die Familienmitglieder hinzu, dann ermöglichten wir einschließlich der Beschäftigten auf den Baustellen 45 000 Menschen im Osten den Erwerb ihres täglich Brot und vielleicht auch der Butter dazu.Diese Zahl enthält Ausgründungen und angesiedelte Unternehmen etwa aus der Gipsverarbeitung, auf den aufbereiteten Flächen unserer stillgelegten Kraftwerke.Der Baustoff Gips fällt als Nebenprodukt der Braunkohleverstromung bei der Entschwefelung des Rauchgases an.Wenn das Kraftwerk Lippendorf fertig ist, wird die Veag der größte Gips-Produzent Europas.Insgesamt entstehen in diesem Zweig der Bauindustrie 400 Arbeitsplätze.

TAGESSPIEGEL: Gekündigte Arbeitnehmer ohne neuen Job dürfte das kaum trösten...

MARTINY: Das ist richtig, und für einen Arbeitsdirektor ist es traurig, wenn die Zahl der Mitarbeiter Jahr für Jahr sinkt.Ansehen und Gewicht eines Vorstandes müßten auch daran gemessen werden, wieviel Mitarbeiter ein Unternehmen hat und nicht allein wie hoch dessen Umsatz und dessen Ertrag sind.Immerhin hat Veag seit Gründung rund 7000 Arbeitsplätze durch Ausgründungen außerhalb des Unternehmens geschaffen.Das sind mehr als unser Unternehmen selbst heute zählt.Eben diese Arbeitsplatzbilanz ist aus meiner Sicht entscheidend und nicht etwa die Frage, ob eine Gesellschaft im Konzern ein Dutzend Mitarbeiter mehr oder weniger beschäftigt.

TAGESSPIEGEL: Wie viele Stellen werden Sie noch abbauen?

MARTINY: Mit einer Teilzeitquote von 37 Prozent haben wir noch einen Spitzenwert.Wir sind noch nicht am Ende des Tunnels.Wie viele Stellen noch wegfallen, das hängt nicht zuletzt vom Erfolg unseres Flächenmanagements ab.Wir zählen nach Umorganisationen im Bereich der Immobilienverwaltung und Entwicklung 120 unserer insgesamt knapp 7000 Mitarbeiter.Diese Angestellten erbrachten eine großartige Leistung indem sie eine Bestandsaufnahme und Sicherung des Grundeigentums erhoben, Flächen ausgliederten und Nutzungskonzepte für nicht produktionsnotwendige Areale entwickelten.Zudem waren sie mit 330 Restitutionsansprüche konfrontiert, von denen noch heute 60 ungeklärt sind.Wir haben nun immerhin verläßliche Daten über unser 5500 Hektar umfassendes Grundeigentum, können über Altlasten Rechenschaft ablegen und kurzfristig Industrie- sowie Gewerbeflächen bereitstellen.

TAGESSPIEGEL: Im Eigentum der Kombinate waren auch Wohnungen.Wie viele?

MARTINY: Wir haben 14 Arbeiterwohnheime und 12 Ferienheime, zum Teil in Randlagen, die schwer zu vermieten sind.Darüberhinaus verwalten wir 1600 betriebseigene Wohnungen, unter anderem an Stillegungsstandorten von ehemaligen Kraftwerken.Darunter ist eine Perle ostdeutscher Siedlungskultur, die Gartenstadt in Zschornewitz.Sie wurde nach Plänen von Walter Klingenberg errichtet.Wir sanieren sie denkmalgerecht mit einem zweistelligen Millionenbetrag und nehmen damit Teil an der Expo 2000.Da das Gebiet der Gartenstadt nur 20 Minuten von Dessau, dem Sitz des Bauhauses, entfernt ist, werden die einzelnen Häuser auf große Akzeptanz stoßen.Insbesondre für die Mitarbeiter des Umweltbundesamtes dürfte die Anlage von Interesse sein.Das Amt zieht ja im Rahmen des Hauptstadtvertrages nach Dessau.

TAGESSPIEGEL: Viele ehemalige Industrieanlagen dürften nur mit Mühen an den Käufer zu bringen sein...

MARTINY: Im Gegenteil, die Vorteile gegenüber Grüne-Wiese-Projekten überwiegen.In Industriearealen müssen Strom- und Wärmeleitungen, Straßen und Eisenbahntrassen nicht erst gelegt werden, es gibt sie bereits.Unsere Strategie zielt zudem auf eine Entwicklung aus einer einzigen, aus unserer Hand.Dabei kooperieren wir mit allen relevanten Behörden und den betreffenden Gemeinden und Landkreisen.Ein solches komplexes Planungsverfahren setzen wir derzeit erneut in Lübbenau um und stehen kurz vor der Unterzeichnung der Verträge.Für unsere Gesamtstrategie spielt die Vergabe der Grundstücke im wesentlichen über Erbbaurecht eine wichtige Rolle.Das Erbbaurecht ist ein oft unterschätztes, aber sehr wertvolles Insturment.So beleihen die Banken unserer Ansiedler das Erbaurecht wie Eigentum.Das ist besonders für Existenzgründer ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, da die jungen Unternehmer dadurch kein Geld für den Grunderwerb aufnehmen müssen.Durch diese Gesamtstrategie wollen wir die Zersiedlung durch Neubauten auf der Grünen Wiese brechen.

TAGESSPIEGEL: DaimlerChrysler will bei seinen Immobilienprojekten eine Rendite erzielen, die über der in der Branche gerne als Referenzwert gehandelten acht Prozent vor Steuern liegt.Bei Ihrem Optimismus wollen Sie sich daran bestimmt messen...

MARTINY: Was Manfred Genz Ihnen als Maßstab nannte, ist auch unsere Meßlatte.Wir dürften uns im oberen Drittel bewegen.So legten wir in Berlin eine Punktlandung hin.Rechtzeitig zum Umzug nach Mitte haben wir unser Areal in Marzahn vermarktet.Dabei mieteten wir vom Käufer Restflächen für unsere Informationsverarbeitung und unsere zentrale Steuerungsstelle zurück, also für den sogenannten Backoffice-Bereich der Veag.Außerdem errichteten wir den neuen Sitz unserer Zentrale äußerst günstig im Rahmen eines Leasing-Modells, wobei wir uns zugleich eine Kaufoption bei Ablauf der Laufzeit sicherten.

TAGESSPIEGEL: Zu Ihren Immobilienprojekten zählt auch ein Ausbildungszentrum.Wie halten Sie es mit der Personalpolitik im Mitarbeiterstamm und beim Nachwuchs?

MARTINY: Wir haben eine Ausbildungsquote von zehn Prozent, und das ist ein Spitzenwert in der Wirtschaft überhaupt.In vier neue Ausbildungszentren in unmittelbarer Nähe der Kraftwerke und in das Veag-Qualifizierungszentrum Lübbenau investierten wir fast 90 Mill.DM.Damit sichern wir eine praxisnahe Fortbildung unserer Mitarbeiter.Viele andere Firmen werden sich in einigen Jahren fragen, ob sie in diesem Bereich genug getan haben.Denn der Knick in der demographischen Kurve schlägt sich spätesten 2003 auf den Ausbildungsmarkt nieder.Da die Ausbildungszeit für Spitzenberufe etwa dreieinhalb Jahre dauert, müssen Unternehmen heute handeln.Tun sie es nicht, werden sie viel Geld aufwenden müssen, um Mitarbeiter anderer Firmen abzuwerben.

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