Immobilien : Nur wenige erwärmen sich für den Energieausweis Beim An- und Verkauf von Immobilien

spielen die Energiekosten noch keine große Rolle

Monika Hillemacher

Langfristig soll der Energieausweis allen Beteiligten helfen, Energie zu sparen. Mieter können ihre Kosten kalkulieren. Eigentümer bekommen Hinweise, in welchen Bereichen eine Modernisierung nötig ist. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht allerdings anders aus. Der Architekt Achim Linhardt aus Stuttgart bescheinigt zwar vielen Mietern und Käufern Sensibilität im Umgang mit Energie, aber nach einem Energieausweis fragten die wenigsten. „In der Verkaufspraxis spielt der Energieausweis keine Rolle“, sagt der Fachbuchautor. Er habe in seiner Beratungstätigkeit das Papier nie gesehen. Stattdessen erkundigten sich die Interessenten nach konkreten Einsparmöglichkeiten: Heizung, Fenster, Dämmung.

Linhardt korrigiert eine verbreitete Fehleinschätzung: „Der Ausweis liefert keine Angaben zum tatsächlichen Energieverbrauch.“ Dieser hängt unter anderem von den Gewohnheiten der Bewohner ab. Ist der Kühlschrank vereist, steigen die Kosten. Wer auf Mallorca überwintert, verbraucht weniger Heizenergie. Ein Ein-Personen-Haushalt benötigt erfahrungsgemäß weniger als eine vierköpfige Familie. Dieses Verhältnis spiegelt der verbrauchsorientierte Energiepass wider. Er basiert auf dem Verbrauch der vergangenen drei Jahre und ist in der Wohnungswirtschaft gängig. Zur Information des Energiebedarfs reiche das Papier, sagt Linhardt.

Der Deutsche Mieterbund (DMB) in Berlin tritt dagegen für den sogenannten bedarfsorientierten Ausweis ein, der Zufälligkeiten unberücksichtigt lässt und auf den Zustand des gesamten Hauses abstellt. „Der Ausweis liefert zuverlässige Werte und ist nicht vom Zufall bestimmt“, sagt Sprecher Ulrich Ropertz. Die Angaben beruhen auf einem vom Vermieter oder Verkäufer beauftragten oder selbst erstellten Gutachten. Schummeleien kamen dem DMB bislang nicht unter. „Wenn dem so wäre, könnte der Vermieter in Regress genommen werden“, so Ropertz.

Es gibt jedoch qualitative Unterschiede. Als „schlecht und wenig aussagekräftig“ gelten über Online-Portale erstellte Pässe. Dazu gibt der Eigentümer bestimmte Kennzahlen ein und bekommt – teilweise schon für 20 Euro – einen Beleg. Der Griff zum Taschenrechner ist eine andere preiswerte Do-it-yourself-Methode, die Vermieter vor allem für die verbrauchsorientierte Variante des Ausweises nutzen können. Ein professionell erstellter Energieausweis kann an die 1500 Euro kosten, weil dahinter aufwendige Berechnungen stehen. Eine gute Qualität bescheinigen Fachleute generell den im Rahmen eines Bauantrags erstellten Pässen.

Im allgemeinen, so die Einschätzung, könne der Verbraucher aber für bare Münze nehmen, was im Energieausweis steht. Dieser braucht nicht in Zweifel gezogen werden. Bei hohen Werten sehen die Fachleute allerdings Misstrauen angebracht. Welche Daten einzuhalten sind, steht unter anderem in der Energieeinsparverordnung, kurz EnEV. Deren Anlage 3 nennt Anhaltspunkte für Gebäudeteile, erläutert Thomas Penningh vom Verband Privater Bauherren (VPB) in Braunschweig.

Die Daten im Pass sollten allerdings hinterfragt werden. So nutzt etwa eine angeratene Deckendämmung nichts, wenn eine offene Treppe in den Keller führt. Interessenten sollten sich von Vermieter, Verkäufer oder Makler den kompletten Ausweis zeigen lassen, um Wesentliches wie Heiz- und Stromkosten im Detail zu prüfen. Auf dem üblicherweise ausgehändigten Deckblatt sind lediglich Angaben in den von Haushaltgeräten vertrauten Skalen ohne konkrete Werte ablesbar.

Einen Energieausweis ausstellen „darf im Grunde genommen jeder, vom Schornsteinfeger bis zum Architekten“, sagt Linhardt. Hier setzt seine Kritik an: Weil der Ausweis Einspar- und Modernisierungsvorschläge machen soll, sei „Geschäft Tür und Tor geöffnet“. Der Dachdecker rate zum neuen Dach, der Heizungsbauer zur neuen Anlage. Penningh berichtet von einem alleinstehenden Hausbesitzer, dem der Elektriker ein kleines Blockheizkraftwerk aufschwatzte: „Das lohnte sich aufgrund des sowieso schon geringen Energieverbrauchs nicht.“

Ähnliches kann bei älteren Häusern passieren. Während der Ausweis einen Bedarf von 400 Kilowattstunden pro Quadratmeter angebe, werde in der Praxis im Schnitt halb so viel verbraucht. Daher sollten Aufwand und Nutzen von Verbesserungen abgewogen werden. Wenn sparsam gewirtschaftet wird, lässt sich auch wenig einsparen. (dpa)

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