Immobilien : Ökohäuser vom Band für Leipzig

MANFRED SCHULZE

Evelyn Harms wohnt seit einigen Wochen mit ihrer Familie im "Sonnenpark".Zwar ist es hier nicht grüner als auf zahlreichen anderen Baustellen von Reihenhäusern in den neuen Ländern und auch die sächsische Sonne steht in diesem südöstlichsten Zipfel Leipzigs nicht viel höher als im Norden der Stadt.Dennoch findet die junge Familie den Namen ihrer neuen Siedlung keineswegs falsch gewählt: Denn die Heizkosten für ihr gut 100 Quadratmeter Wohnfläche umfassendes Haus sollen jährlich nicht mehr als 100 DM betragen.

Energiesparhaus heißt das Zauberwort, das einen rekordverdächtig niedrigen Wärmebedarf dieser Art möglich machen soll.Die Vorfertigung der Bauteile in der Fabrik stellen außerdem sicher, daß nicht schon die Kosten für die Bereitstellung dieser Technik zu einer unüberwindbaren Hürde für Bauherren und Bauträger werden.Auch erschließen sich mittelständische und große Bauträgern damit einen neuen und lukrativen Markt.Denn angesichts von Kreditzinsen um fünf Prozent und dank der staatlichen Zuschüsse entschließen sich immer häufiger auch Bezieher mittlerer Einkommen, ein eigenes Haus zu erwerben.

Wenn dann noch umweltfreundliche und Energiekosten sparende Bauweisen praktisch ohne Aufpreis bei den Erwerbskosten zu haben sind, dann stehen die Kunden schon mal Schlange.Dies gilt zumindest für den "Sonnenpark".Diesen errichtet die Immobilien AG des Energiekonzerns Veba aus Bochum in mehreren Abschnitten.Die AG hat erst jüngst ihre Pläne dem Markt angepaßt.Ursprünglich sollten hier mehrgeschossige Bauten entstehen.Die nimmt der rückläufige Immobilienmarkt nicht an.Also strich der Konzern diese Projekte.Stattdessen fährt er deutschlandweit die Produktion der Doppelhaushälften und Reihenhäuser hoch: von geplanten 1250 Einheiten in diesem Jahr auf 1750 Häuser 1999.

"Vor allem im unteren Preissegment ist die Nachfrage enorm, aufgrund der günstigen Zinsen und der veränderten staatlichen Förderungspolitik", sagt Vorstandsmitglied Harry Langner.Allerdings kann auch die Veba-Immobilien gute Zuwächse nur erreichen, wenn das Unternehmen dem Kunden mehr Leistung für weniger Geld anzubieten vermag."Wir haben eigens ein Konzept entwickelt, das im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise rund 20 Prozent Kosten spart", sagt Langner.Voraussetzung dafür sei die Errichtung von mindestens 30, im Idealfall 60 Einheiten am selben Standort.Nur so seien günstige Preise beim Material und den Handwerklöhnen auszuhandeln.

Beim Leipziger Sonnenpark geht die Vorfertigung weit: Die aus Porenbeton bestehenden, tragenden Wände, die schon mit Fliesen und Anschlüssen versehenen Bäder und sogar die Dächer kommen "montagefertig" per Tieflader auf die Baustelle.Diese "Module" passen die "Monteure" dann nur noch in das vorbereitete Gebäude ein."Wir sparen so die aufwendige Koordination zahlreicher Gewerke und damit entsprechend viel Zeit und Geld", sagt Langner.Ein Baufeld mit 30 Häusern sei so innerhalb von vier Monaten schlüsselfertig herzustellen.Dadurch kann das Unternehmen die Reihenhäuser bezugsfertig und zwar einschließlich Grundstück sogar an Standorten wie Leipzig, Halle, Wittenberg oder Dresden für weniger als 300 000 DM anbieten.

Nicht nur mit diesen Kampfpreisen, sondern auch mit Qualität will Veba auf Kundenjagd ziehen: Ihre Häuser "vom Band" überbieten die Standards der 2.Wärmeschutzverordnung um mehr als 25 Prozent.Damit sparen sie den Eigentümern nicht nur Heizkosten, sondern verhelfen dem Käufer zu einer zusätzlichen staatlichen Förderung von jährlich 500 DM und zwar acht Jahre lang.Für diese guten Werte sorgt ein Bündel von Maßnahmen.Wie bei Niedrigenergiehäusern üblich ist die Wärmedämmung an der Fassade besonders aufwendig.Dasselbe gilt für das Dach sowie Fenster und Türen.Zudem legte der Entwickler die Gebäudegeometrie besonders energiesparend aus.

Schließlich baute der Energiekonzern eine innovative Heizung in die Häuser ein.Diese kommt ohne sonst übliche Warmwasserrohre und Heizkörper aus.Warme Luft strömt über je vier Einlässe in Erd- und Obergeschoß sowie zwei im Dachgeschoß in die Räume.Diese Luft ist nur geringfügig durch eine Gastherme aufgewärmt.Den größten Teil ihrer Temperatur erhält sie durch einen Wärmetauscher.Dieser entzieht der verbrauchten, über Schächte abgeführten Luft die Wärme.

Die Gefahr von "Luftzug" soll durch die große Zahl der Ausströmöffnungen gebannt sein."Die höchsten Werte erzeugen immer noch die ganz gewöhnlichen Türspalten", sagt Rüdiger Schmittlutz, Professor an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kunst.Schmittlutz begleitet das Projekt in den kommenden zwei Jahren und erstellt anschließend eine Studie.Daß die Luftöffnungen verschmutzen könnten, hält der Akademiker nicht für wahrscheinlich.Im Gegenteil, ein Filter im Heizkreislauf entziehe den Räumen sogar einen erheblichen Teil der sonst üblichen Staubpartikel.

Die Kosten für den Verbrauch der Gastherme und den Strom für den Betrieb des Ventilators beziffert Veba mit rund 600 DM im Jahr.Da der Staat den geringen Wärmeverbrauch mit 500 DM belohnt, verbleiben jährliche Energiekosten von etwa 100 DM - so die Rechnung des Strommultis.Diese gilt aber nur die ersten vier Jahre, danach beträgt die Energierechnung wieder den üblichne Preis.Und: Der niedrige Wärmeverbrauch durch gute Dämmung erkauft der Nutzer durch höhere Kosten für den Strom, der den Ventilator für den Luftaustausch antreibt.Das ist ganz im Interesse von Veba: Dessen Kerngeschäft ist die Stromproduktion.

Damit die Rechnung aufgeht, müssen die Bewohner mitspielen.Wer die Fenster im Winter zu oft öffnet, kommt mit dem geringen Wärmeaufwand nicht aus.Das Verhalten der Nutzer will Schmittlutz bei zwei Niedrigenergiehäusern verfolgen.Die Ergebnisse dürfte die geplante Ökobilanz des Universitätsprofessors stark beeinflussen."Ich glaube nicht, daß die Entwicklung Richtung Null-Energie-Verbrauch geht, weil sich der Nutzer dann kaum noch trauen darf, das Fenster zu öffnen", sagt er.Allerdings gebe es noch Optimierungsmöglichkeiten bei heute üblichen Niedrigenergiehäusern.Dazu zählten größere, nach Süden orientierte Glasflächen und die Warmwasserbereitung über Sonnenkollektoren.Derartiges ist bislang meist nur als "Sonderausstattung" zu haben.

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