Immobilien : Pankow wird das neue Prenzlauer Berg

Vor allem rund um die Florastraße reiht sich ein Wohnungsbauprojekt an das andere

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Das Alt-Berliner Wohnensemble Amalienpark unweit des alten Dorfkerns Pankow, Wohnort der Schriftstellerin Christa Wolf (links). Oben: Die Florastraße, eine quirlige Einkaufsstraße, führt zum S- und U-Bahnhof Pankow. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas
Das Alt-Berliner Wohnensemble Amalienpark unweit des alten Dorfkerns Pankow, Wohnort der Schriftstellerin Christa Wolf (links)....

Wer längere Zeit nicht über die Pankower Florastraße flaniert ist, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Wo sich dem Betrachter noch vor wenigen Jahren eine nicht sonderlich aufregende Straße zeigte, fühlt man sich jetzt wie in einer gemäßigten Variante der In-Viertel von Prenzlauer Berg: Es gibt ausgefallene Cafés, ein Spezialitätengeschäft für Teesorten jeglicher Art und nicht zuletzt ein breites Angebot für den Nachwuchs, das vom Kindercafé über die Kinderbuchhandlung bis zum Secondhandshop reicht.

Dabei ist der Kiez zwischen Wollankstraße und Berliner Straße derzeit noch ein förmlich festgelegtes Sanierungsgebiet. Doch eigentlich scheint er der behördlichen Obhut nicht mehr zu bedürfen – jedenfalls haben ihn längst die Immobilieninvestoren entdeckt. Mehrere Großprojekte sind dabei, das Gesicht der Gegend um den S- und U-Bahnhof Pankow zu verändern. Bereits sichtbar ist dies in der ehemaligen Garbáty-Zigarettenfabrik in der Berliner Straße, die das Würzburger Unternehmen Hilpert zu einer Wohnanlage mit 160 Einheiten umwandelt (der Tagesspiegel berichtete in der Ausgabe vom 19. Juni). Der erste Bauabschnitt soll im Frühjahr 2011 vor der Fertigstellung stehen.

Demnächst wird sich auch auf dem direkt am U- und S-Bahnhof liegenden Garbátyplatz etwas tun. Dort plant das Unternehmen Merz Objektbau aus dem süddeutschen Aalen den Bau eines Ärztezentrums mit Einzelhandelsflächen. Der Baubeginn für das 20-Millionen-Euro-Vorhaben ist nach Angaben von Projektentwickler Christian Trautmann noch für dieses Jahr zu erwarten; die Fertigstellung strebt er für das erste Quartal 2012 an. Entstehen werden 12 bis 17 Arztpraxen auf einer Fläche von 3500 Quadratmeter. Bereits vermietet sind die 2000 Quadratmeter Ladenflächen; dort werden ein Edeka- Supermarkt, ein dm-Drogeriemarkt, eine Apotheke und eine Bäckerei einziehen. Trautmann ist vom Erfolg des Vorhabens überzeugt: „Der Standort ist enorm stark frequentiert“, sagt er. „Täglich sind hier 60 000 Menschen unterwegs.“

Noch deutlich größer wird das Projekt, mit dem Kondor Wessels ebenfalls noch 2010 an der Florastraße/Ecke Gaillardstraße starten will. Auf der Brachfläche, wo einst der VEB Elektrokeramik ansässig war, will Kondor Wessels gemeinsam mit zwei Partnern unter dem Namen „Floragärten“ etwa 240 Wohneinheiten errichten, die zum Teil verkauft, zum Teil vermietet werden sollen. Bis 2014 soll der 60 Millionen Euro teure Komplex fertig gestellt sein. Kaufpreise, Mieten und weitere Details nennt Vincent Mulder, Prokurist bei Kondor Wessels, noch nicht. „Wir schaffen hier ein ganzes Quartier, das mitten in der Stadt und trotzdem in einer grünen Umgebung liegt“, sagt er. „Und wir sind überzeugt, dass Pankow im Kommen ist und das neue Prenzlauer Berg wird.“

Außerdem „wird Pankow durch die bevorstehende Schließung des Flughafens Tegel mit Sicherheit eine Wertsteigerung erfahren“, sagt Andreas Habath, Vorsitzender des Wertermittlungsausschusses des Maklerverbandes IVD Berlin-Brandenburg. Noch ist der Fluglärm unüberhörbar – trotzdem ist Pankow aus Habaths Sicht bereits jetzt „der Favorit bei jungen Familien“. Das bestätigt eine Befragung, die das Lokale Bündnis für Familie Pankow und das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg vorlegten. Demnach gaben 94,5 Prozent der Befragten an, dass sie gern in Pankow leben. Im Zentrum erklärten gut zwei Drittel der Befragten, dass der Kiez gute Bedingungen für Familien und Kinder biete.

Wie begehrt Wohnungen in der Gegend um die Florastraße sind, weiß auch Tobias Danker, beim Nürnberger Bauträger Terraplan für Marketing zuständig: Die 140 Wohnungen in der Alten Mälzerei – einem Industriedenkmal an der Neuen Schönholzer Straße, das seit der Wende leer gestanden hatte – verkauften sich glänzend. Auch die Nachfrage bei Mietern ist groß: Rechnete die Terraplan ursprünglich mit einer Kaltmiete von 8,50 Euro pro Quadratmeter, so erzielen die neuen Eigentümer jetzt 9,50 Euro. Im November wird der zweite und letzte Bauabschnitt fertig gestellt.

Mittlerweile bereitet die Terraplan eine womöglich noch spektakulärere Rettungsaktion für ein ramponiertes Baudenkmal vor: Rund 16 Millionen Euro wollen die Nürnberger investieren, um das ehemalige Gästehaus am Schlosspark Schönhausen zu sanieren. 39 Wohnungen und eine Gewerbeeinheit entstehen in dem 1968 errichteten Gebäude, das nach Ansicht der Terraplan ein bedeutendes Zeugnis der Ostmoderne darstellt. Noch bevor der Vertrieb so richtig begann, waren laut Danker schon zehn Kaufverträge unterzeichnet – und das bei für Berliner Verhältnisse sehr stolzen Preisen von 3650 bis 4000 Euro pro Quadratmeter. Allerdings muss der Investor auch einen hohen Aufwand treiben: Das Keramikwandbild „Erde, Wasser, Feuer, Luft“ des vor wenigen Tagen verstorbenen Künstlers Walter Womacka zum Beispiel wird komplett um mehrere Meter verschoben, da es sonst eine Seite einer Erdgeschosswohnung verdunkeln würde.

Wohnungssuchende, die das Gästehaus doch zu sehr an die DDR erinnert, werden möglicherweise ganz in der Nähe im geplanten „Orangeriepark“ fündig, wo die Wüstenrot Immobilien Neubauwohnungen zu Preisen zwischen 2550 und 3500 Euro pro Quadratmeter anbietet. Wie in fast allen begehrten Wohngegenden sind auch in Pankow Baugemeinschaften aktiv; am Eschengraben zum Beispiel, nicht weit von Prenzlauer Berg, sind gleich mehrere Baugruppenprojekte in Realisierung oder in Vorbereitung.

Angesichts all dieser Aktivitäten erstaunt es nicht, dass Pankow Spitzenreiter beim Berliner Wohnungsbau ist: Laut Amt für Statistik wurden 2009 im Gesamtbezirk (inklusive Prenzlauer Berg und Weißensee) 1200 Wohneinheiten fertig gestellt und damit fast ein Drittel aller neuen Wohnungen der Hauptstadt. Dazu beigetragen hat die NCC Deutschland GmbH, die derzeit an der Heinrich-Böll- Straße in Niederschönhausen eine Anlage mit 214 Wohnungen errichtet.

„Wir bemühen uns um weitere Projekte in Pankow“, sagt Fred Weber, Regionalleiter Berlin/Brandenburg bei NCC. Dabei stellt er fest, dass der Trend weggeht vom Einfamilienhaus am Stadtrand, das in Pankower Ortsteilen wie Rosenthal und Buchholz eine gewichtige Rolle spielt. „Die Menschen“, sagt Weber, „ziehen in die Innenstadt.“ Der Kiez um die Florastraße dürfte also auch künftig gefragt sein.

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