PC-Simulationen : Das gibt’s doch gar nicht

Nichts gegen die Fantasie von Käufern und Bauherren. Aber mit 3-D-Modellen fällt Laien manch schwere Entscheidung leichter. Auch Architekten und Makler lieben fotorealistische PC-Simulationen: Wie ArchiCad & Co. die Immobilienwelt verändern.

Kerstin Heidecke

Du spinnst, dachte sie, als er ihr den Dachboden in dem Altbau zeigte – dunkel war der Speicher, staubig und mit nichts als ein paar alten Wäscheleinen und Matratzen drin. „Nee, hier werden wir ganz bestimmt niemals wohnen.“ Eineinhalb Jahre später sitzt dieselbe Frau unter demselbem Dach – nun aber in einer flippigen, freundlichen Wohnung mit einer tollen Terrasse, bodentiefen Dachfenstern und Wänden aus Glasbausteinen. „Wenn ich geahnt hätte, wie das fertig aussehen würde, hätte ich mir manch schlaflose Nacht erspart“, sagt die Ex-Bauherrin heute.

Dabei wäre ihr leicht zu helfen gewesen: Mit einem virtuellen Modell. In einem ersten Schritt konstruieren Architekten ihren Bau zweidimensional, sie zeichnen Grundriss und technische Elemente ihres Entwurfs am Computer. Den zweiten Schritt übernimmt der PC, ein Programm errechnet aus den drei Raumdimensionen Höhe, Breite und Tiefe ein Volumenmodell, dass man sich wie ein Drahtskelett vorstellen kann. Dieser Teil des CAD („Computer Aided Design“) kommt aus dem Maschinenbau, ist seit Jahren bewährt. Weniger verbeitet ist in der Architektur noch der Einsatz von Software, die zusätzlich „fotorealistische Simulationen“ erzeugt – gemeint sind Bilder und perspektivische Zeichnungen, die einen räumlichen Eindruck vermitteln, beinahe so wie auf einem Foto.

Die Wirkung ist einfach verblüffend. Das elektronische Reißbrett zaubert Gebäude auf Papier und Bildschirm, die es noch gar nicht gibt. Inklusive schmückenden Beiwerks wie Bäumen und Autos. Und das Beste: Am PC lassen sich die Immobilien von morgen schon heute drehen und wenden. Wir können durch das Gebäude spazieren, darüber hinwegfliegen, haben Ein- und Draufblicke, die uns selbst beim echten Gebäude verwehrt bleiben.

Bei Großprojekten haben wir uns längst an die Vorschau gewöhnt. Jan Kleihues, Meinhard von Gerkan, Axel Schultes, Hans Kollhoff – die Stars der Architekturszene tun es längst nicht mehr ohne. Ob Bundeskanzleramt, Hauptbahnhof oder das Wertheim-Areal am Leipziger Platz: Zeitungsleser und Passanten, die an Bauschildern vorbeiflanieren, wissen früh darüber Bescheid, wie ein Projekt mal aussehen und wie es die Umgebung verändern wird. Was bei Großinvestoren gang und gäbe ist, haben inzwischen auch Makler und Bauträger für sich entdeckt. Das virtuelle Modell fördert den Verkauf von Wohnungen und Einfamilienhäusern. Bei Bestandsimmobilien ist eine Besichtigung durch nichts zu ersetzen, sagt Thomas Wernicke vom Ring Deutscher Makler, „aber wenn neu gebaut wird oder Industriebauten umgewidmet werden, dann hilft die 3-D-Visualisierung durchaus.“

Die räumliche Darstellung ist nicht nur ideal für Architektur-Laien, die sich beim Blick auf Baupläne und Grundrisse nur schwer ein Bild machen können: Welche Wand hat welche Wirkung, welcher Raum welche Ausstrahlung? Anhand der 3-D-Modelle können Bauherren vernünftiger mitbestimmen denn je; verschiedene Varianten diskutieren, etwa, ob eine Treppe hinter einer Trockenbauwand verschwindet oder frei stehen bleibt. Oder wie ein zusätzliches Fenster die Belichtung des Essplatzes verbessert.

Für viele Architekten gehören Programme wie ArchiCad von der Firma Graphisoft oder Allplan von der Nemetschek AG inzwischen zum selbstverständlichen Handwerkszeug. Sie helfen beim Planen und Berechnen von kniffligen Flächen wie etwa bei Dachschrägen und demonstrieren nachvollziehbar, warum eine Schiebetür sinnvoll ist. „Die Programme schaffen mehr Transparenz und Planungssicherheit“, sagt der Berliner Architekt Andreas Thiele. Für ihn sind sie nicht nur Arbeitsmittel, sondern auch nützlich bei der Kommunikation mit den Kunden – „und das spielt eine immer größere Rolle“. Seit Thiele vor 15 Jahren begann, mit ArchiCad zu arbeiten, hat sich viel verändert, „die Möglichkeiten der Programme haben sich unglaublich entwickelt“. So wirken die Oberflächen der simulierten Projekte extrem realistisch, ganz gleich, ob Holz, Glas, Beton oder Edelstahl verarbeitet wird, selbst Licht und Schatten werden widergespiegelt.

Wie das funktioniert? Holger Kreienbrink, Produktmanager von Graphisoft, erklärt es so: Die Modelle werden mit den Abbildungen realer Bauteile erstellt. Dafür nutzen wir „Texturen“, die Oberflächen echter Materialien. Die legen wir wie einen Überzug über die entsprechenden Teile des 3-D-Modells. Ergebnis: Dachziegel sehen aus wie echte Dachziegel, Backsteine wie echte Backsteine.

Klar: ArchiCad & Co. müssen mehr können, als schöne Bilder zu produzieren. Die Software spuckt maßstäbliche Pläne fürs Bauamt aus; ermittelt auf Wunsch, wie viel an Holz, Beton und anderen Baustoffen draufgehen wird. Auch das erklärt, warum die Angelegenheit nicht ganz billig ist. Die einfachste Profi-Software kostet ab 2500 Euro, hochwertige Versionen enden im fünfstelligen Bereich. Man braucht einen leistungsstarken Rechner und – am wichtigsten – jemanden, der die aufwendige Software beherrscht, die aus einer Idee eine räumliche Darstellung macht. Die Anbieter haben ein strenges Auge auf ihre Produkte: Test- oder Studentenversionen gibt es nur zeitlich befristet oder unter Auflagen; illegale Kopien sind nahezu unmöglich.

Auch die Berliner Architekten Robert Bräunlin und sein Partner Markus Kolb haben in 3-D-Software investiert und sind heute froh darüber. Sie arbeiten mit Allplan. „Es geht in allen Bereichen des Planens zum 3D“, sagt Bräunlin. Auch seine Auftraggeber erwarten inzwischen virtuelle Modelle. Die Nachfrage wächst, und schon entsteht ein neues Feld für Dienstleister, eine Chance für Spezialisten wie Thomas Gutzeit. Er bietet Privatleuten und Firmen 3-D-Visualisierungen an. Der Innenarchitekt baut seinen Kunden ab 800 Euro ein virtuelles Einfamilienhaus, größere Gebäudekomplexe bringt er für etwa 2000 Euro auf den Monitor und zu Papier – und „immer mehr Immobilienfirmen klopfen an“.

So faszinierend die neue Planungswelt sein mag – jedermanns Sache ist das Bauen am PC nicht. Nehmen wir den Vater von ArchiCad-Produktmanager Kreienbrink. Der ist Architekt – „und zeichnet lieber ganz klassisch. Auf Papier.“

Zum Leidwesen der Architekten setzen sich manche Bauherren inzwischen mit preiswerter Software selbst an den PC. Möglich machen das Programme wie Arcon Hausdesigner und Arcon Wohnungsdesigner, zu haben ab 89 Euro. Für Profis sind solche Programme Spielerei, für den Laien und einfache Vorhaben erfüllen sie genauso ihren Zweck wie die Software zur RTL-Bestseller Serie „Einsatz in vier Wänden“ (40 Euro).

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