Immobilien : Pech für die Teekannenkuckucksuhr

Eigentlich ist der Bund spendabel in Sachen Kunst am Bau. Aber der Weg zum Werk ist oft steinig, klagen die Macher.

Ulrike Heitmüller

Eigentlich gibts in Deutschland und gerade in Berlin viel Kunst am Bau. Eigentlich. Schließlich ist durch den Umzug der Regierung eine ganz neue Kunstlandschaft entstanden, denn für Regierung und Parlament mussten alte Gebäude umgebaut, saniert, renoviert und neue errichtet werden. „In einem bisher nie dagewesenen Rahmen ist es durch den Hauptstadtausbau möglich geworden, Kunst zu fördern“, so der frühere Bauminister Manfred Stolpe.

Aber: Auch wenn sich in Ministerien und Bundestagsgebäuden durch die Anstrengungen eine große Zahl respektabler Werke findet – die reine Freude herrscht bei den Beteiligten nicht. Wer mit Kunst zu tun hat, klagt: Kaum jemand sei wirklich zuständig oder entsprechend ausgebildet, es gebe kein zentrales Archiv, in manchen Ministerien wüssten die Mitarbeiter gar nicht, was sie da eigentlich im Hause hätten. Und wenn die Beamten Bescheid wüssten, dann gerieten sich womöglich Künstler und Architekten in die Haare.

Ein Beispiel für den schweren Weg zur öffentlichen Kunst am Bau lieferte die Künstlerin und Professorin Monika Brandmeier bei einem Werkstattgespräch des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Sie hatte die Jury mit einem dreiteiligen Werk überzeugt: eine blaue Tintenlinie, ein weißer Papierstapel und ein Schwebebalken sollten ein Gerichtsgebäude im nordrhein-westfälischen Arnsberg schmücken. Aber: „Der Entwurf war eine Lust, die Umsetzung war desillusionierend. Der Präsident des Gerichts war in der Jury, da hatte er noch zugestimmt.“ Doch später sagte er nein. Der Grund: die blaue Linie, die er plötzlich „als Ironie gegen die Bürokratie verstand“. Der Justizminister setzte den Entwurf schließlich doch noch durch.

Doch auch wenn die Kunst dann am Bau ist, sind die Probleme damit noch nicht erledigt: Ursula Sax etwa, ebenfalls Künstlerin und Professorin, entwarf für einen Aufgang zur Messe Berlin eine große gelbe Schlange. Im Jahr 1985/86 überzeugte sie damit die Jury. Dann wurde eine Reihe Statiker verschlissen – das Kunstwerk wiegt die Kleinigkeit von 55 Tonnen und steht auf zwei Beinen. Doch im Jahr 1992 bekam Frau Sax den Auftrag und schließlich war die Schlange da. Aber der Messeaufgang wurde nie eröffnet und die Schlange leider auch nie gewartet. Die Farbe verblasste, und schließlich war die Skulptur weiß. Frau Sax teilte dies der Messe mit, „die sagten, sie seien zu arm und nicht zuständig“, erinnert sich die Künstlerin. Sie schrieb der Bausenatorin: „Es gab keine Antwort, aber die Schlange wurde wieder gelb.“ Happy End, immerhin.

Die Kunst schwinde im Ansehen des Bundes, diesen Eindruck formulierten Künstler ebenso wie Verantwortliche bei dem Werkstattgespräch mit dem Titel „Kunst am Bau – Lust oder Last“. „Kunst ist ’ne schwierige Sache“, seufzte etwa Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, und wurde deutlich: „Oft besteht da ein Gefälle: Man hat auf hohem Niveau eine Jury bestückt. Und aus dem Ministerium kommt jemand, der hat mal einen Töpfer- oder Batikkurs gemacht.“ In der Deutschen Schule in Peking etwa sollte ein Werk namens „Teekannenkuckucksuhr“ aufgebaut werden – feine Ironie und die Verbindung deutscher und chinesischer Kultur. Aber „in unserem Ministerium, da meinte einer, das wäre Kitsch“, so Mausbach. Aus für die Uhr.

Trotzdem existiert in öffentlichen Gebäuden eine ganze Reihe herausragender Werke. Nur: Was wo genau hängt oder steht, das weiß kaum jemand. Zum größten Teil sind die Kunstprojekte des Bundes nicht archiviert, also kann sich auch die kunstsinnige Öffentlichkeit kaum informieren. Nur über die Kunst am Bau in Berlin aus den 1990ern gibt es ein Buch. Museumspatenschaften regt deshalb Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, an: Museen könnten zu öffentlichen Kunstwerken passende Ausstellungen veranstalten und so den Blick auf die Kunst am Bau lenken – wer weiß schon, dass zum Beispiel im Innenhof eines Gebäudes des Justizministeriums eine Stahlplastik von Wolfgang Nestler liegt: ein zusammengefaltetes Hemd, eine Reminiszenz an das jüdische Textilviertel.

Selbst um eines der bekanntesten Berliner Beispiele zur Kunst am Bau gab es langes Ringen, bis es in der heutigen Form da stand: Im Reichstag hatte Kuppel-Architekt Sir Norman Foster überall russische Graffiti von Soldaten des Zweiten Weltkriegs entdeckt und sie hervorgehoben, etwa, indem er sie rahmte. Doch dann wurde außerdem der Künstler Ilja Kabakow damit beauftragt, diese Handschriften zur Geltung zu bringen. „Aber das ging nicht, weil Foster sie schon inszeniert hatte“, erklärt Kurator Kaernbach. Daraufhin nahm sich der Beirat zurück. Statt den Künstler um einen Gegenvorschlag zu bitten, wurde ein Nachfolger engagiert, Grisha Bruskin. Bei dem funktionierte es: „Er gestaltete einen Clubraum aus – auf den wäre der Beirat nie gekommen.“ Foster hatte den Raum mit roten Paneelen ausgestattet, Bruskin brachte 115 kleine Leinwandgemälde an, die alle mit russischer Geschichte zu tun haben, überall kam auch bei ihm die Farbe Rot vor. Kaernbach beschreibt die Wirkung: „Plötzlich wirkte es, als hätte Foster ihm zugearbeitet.“

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