Immobilien : Pfarrer Cauers Leben auf der Baustelle

RALF SCHÖNBALL

Einziger Bewohner der Jacobstraße 77d behält Gottvertrauen trotz Schräglage und Mißmanagement der Concordia-BauVON RALF SCHÖNBALLZornig zu sein, hätte Emil Cauer allen Grund.Als er seine Wohnung im Januar 1994 für den stattlichen Preis von 6900 DM pro Quadratmeter erwarb, sicherte man ihm zu, er könne im Mai 1996 einziehen.Heute, eineinhalb Jahre danach, lebt der Pensionär mit seiner Gattin in einer kleinen Geisterstadt mitten in Berlin: Er ist der einzige Bewohner der Jacobstraße 77d, wo Schutt noch in den Hausfluren liegt, die Türen auch nachts offenstehen, und der Aufzug nicht fährt.Doch Emil Cauer berichtet mit Sanftmut von den Mißständen, allenfalls begleitet seine Worte ein unverständiges Kopfschütteln, das bald von einem gewinnenden Lächeln auf dem aufgeschlossenen Gesicht verdrängt wird - so eben, wie die christlichen Tugenden den Gläubigen lehrten, den Unbillen des Lebens zu trotzen: Den pensionierten Pfarrer, Vorsteher des Berlin-Brandenburgischen Gemeindekirchenrats und Käufer einer Wohnung von Concordia, die Berliner Milliardenprojekte um ein Haar in den Konkurs trieb. "Wir wohnen hier wie Hausbesetzer", sagt Emil Cauer.Das ironische Wort trifft rechtlich den Punkt: Pfarrer Cauer und seine Gattin stehen weder als Eigentümer im Grundbuch noch zahlen sie Miete.Lediglich einen Kaufvertrag halten sie in der Hand, und sie bezahlten Raten, die wie üblich nach Baufortschritt zu leisten waren.Die Conordia versprach zwei Mal, die Bleibe bewohnbar zu übergeben - hielt aber nicht Wort.Dennoch war der Pfarrer redlich genug, 320 770 DM von insgesamt 345 900 DM vom Kaufpreis der Wohnung zu überweisen.Die Bezugsfertigkeit aber mochte er nicht bestätigen.Kein Wunder, die Einkaufstüten muß das Paar vier Stockwerke hochtragen, ihr Auto können sie nicht in den mit der Wohnung erworbenen Tiefgaragenplatz abstellen, und Bauschutt liegt sogar im Flur des vierten Stockes, vor Cauers Wohnung. Die Liste der Mängel in der eigenen Wohnung bringt Cauer nur beiläufig zur Sprache - das sei üblich für Neubauten und lasse sich beheben.Sorgenfalten bereiten ihm das nachlässige Management: "Die Concordia geht auf Tauchstation und verhält sich so, wie wir es von Mittelständlern kannten, die bald darauf Konkurs machten", sagt er und weiß, wovon er redet: Cauer war als Vorsitzender des Finanzausschusses der Evangelischen Kirche kaufmännisch verantwortlich für diverse Gemeindebauten.Das schärft die Sicht - und dennoch darf sich der Bauträger glücklich über die Moralität ihres Käufers schätzen: Cauer selbst war es, der die Concordia daran erinnerte, daß diese noch keinen Baufortschrittsbrief über die Vollendung des Rohbaus verschickt hatte."Theoretisch hätten wir und andere Eigentümer gar nicht zahlen müssen", so Cauers Fingerzeig.Denn erst wenn der Baubrief dem Eigentümer ergeht, muß er die entsprechende Teilrate für sein Eigentum überweisen. Mißmanagement bescheinigt der einstige Finanzmanager "im Auftrage des Herrn" nicht nur Concordias Kaufleuten, sondern auch ihren Bauleuten.Als sie ihm die Wohnung "bezugsfertig" übergaben, gab es keine Mülltonne im Gebäude.Tägliche Nachfragen blieben folgenlos; erst als der Wohnungsnutzer das Ordnungsamt anzurufen versprach, durfte er Haushaltsabfälle ordnungsgemäß entsorgen - eine Woche nach Bezug.Zwei Wochen dauerte es, bis die Heizung für Raumtemperaturen über 17 Grad taugte.Strom gab es zunächst von den Bauleuten und erst seit Kurzem von der Bewag.Den Zähler aber las zuvor niemand ab, bis heute nicht - auch hier mahnt Cauer vergeblich. Ähnliches gilt für Aufzug und Garagenplatz.Ohne Rückmeldungen, muß sich Cauauf himmlisch gute Kontakte zu den Bauleuten verlassen: "Der Aufzug ist technisch und die Garage baulich nicht abgenommen", kolportiert er Gerüchte.Auch von Prozessen mit dem Nachbarn, dem offenen Immobilienfonds Difa aus Hamburg, sei die Rede.Durch die Erdarbeiten seien Senkrisse im benachbarten Difa-Altbau aufgetreten.Auf Nachfrage geben sich die Norddeutschen zugeknöpft: Sie hätten ein Wegerecht durch die Tiefgarage der Concordia erkauft.Sonst trübe kein Wässerchen das gute Nachbarschaftliche Verhältnis. Bemüht, aber mit wenigen, unrichtigen Informationen über die Pannen, tritt Concordia-Niederlassungsleiter Berlin den Vorwürfen entegegen: "Die Bezugsfertigkeit ist gegeben", sagt Gerhard Köhne.Denn: Bezugsfertigkeit sei ein juristischer Begriff, und der habe wenig mit dem tatsächlichen Zustand der Bauten zu tun.Die erbetene schriftliche Bestätigung dieser Aussage folgt nicht.Stattdessen ein Fax, in dem die Verantwortung für die mißlichen Zustände auf Dritte geschoben wird: "bedingt durch den Ausfall des Generalunternehmers ergab sich für diesen Eigentümer (Pfarrer Emil Cauer, Anm.d.Red), vor der vollständigen Inbetriebnahme einzelner Einrichtungen des Gesamtobjektes in seine fertiggestellte Wohnung zu ziehen." Diese Darstellung ist falsch: Der Generalunternehmer Grassetto fiel bereits Anfang 1995 aus und wurde 1996 durch Bilfinger & Berger ersetzt, die bis heute in der Jacobstraße arbeiten.Und: In einem Schreiben im Frühjahr 1997 kündigte die Concordia die Übergabe der Wohnungen bereits für den vergangenen Juli an.Nachdem dieser Termin nicht eingehalten wurde, versprach ein zweites Schreiben vom 1.Oktober: "die Baumaßnahme ist jetzt soweit fortgeschritten, daß wir Ihnen die Wohnung ab dem nachfolgenden Termin, gemäß Paragraph 10 des Kaufvertrages bezugsfertig übergeben können".Emil Cauer lapidar dazu: "Ganz abgesehen vom Bauzustand, die Übergabe der Wohnung regelt Paragraph 8 und nicht 10 des Kaufvertrages". Wenig tröstlich stimmt Pfarrer Cauer die Tatsache, daß die Concordia AG ihm Bares verspricht: Um ihre Liquiditätsengpässe zu mildern, sagte der Bauträger eine Verzinsung "vorfristiger Zahlungen" mit sieben Prozent zu.Allein Pfarrer Cauers Zinsforderungen belaufen sich nun auf 52 000 DM.Da im Concordia-Projekt "Kleines Regierungsviertel" noch etwa 160 verkaufte Wohnungen zur Vermietung anstehen, dürften sich Zinsen und Mietausfallzahlungen zu stattlichen Beträgen summieren.Zumal sich Kapitalanleger, die Eigentumswohnungen erwerben, zumeist die Garantien geben lassen, daß sie vermietbar sind - wenn dies nicht oder nach dem vorgesehenen Zeitpunkt geschieht, muß der Verkäufer einspringen. Erstaunlich ist das wenig koordinierte Wirken der Concordia umso mehr, als sie immer noch um ihre Existenz bangt, nachdem sie vor einem Jahr am Konkurs vorbeischrammte.Vorstandsvorsitzender Günter Minninger, der mit seiner Familie rund 35 Prozent der Anteile hielt, mußte zurücktreten.Seine Anteile wurden verpfändet.Die Banken verzichteten auf Zinsen und Verbindlichkeiten.Schließlich einigten sich die Großaktionäre auf einen "Feuerwehr-Fonds" zur Sanierung des angeschlagenen Baukonzerns. Zu den wichtigsten Sanierungsmaßnahmen zählt die Erhöhung des Gesellschaftskapitals, das unter der Konsortialführung der Bankgesellschaft Berlin erfolgt.Anleger sollen zwei Anleihen kaufen, die mit Verzinsungen von bis zu knapp 10 Prozent locken.Diese hohe "Rendite" spricht eine deutliche Sprache, die sich auch das Emissionshaus nicht verbieten läßt: Es sei keinesfalls sichergestellt, daß die Concordia überlebe, deshalb sollten sich Anleger einen Kauf von Anteilen reiflich überlegen - nach wie vor gebe es Probleme mit der Liquidität.Zwar seien die Bilanzen bereinigt und die Immobilien im Wert berichtigt, dennoch hänge das Schicksal der Gesellschaft auch von der weiteren Entwicklung des Immobilienmarktes ab.Sollte die Sanierung schief gehen, dann bliebe auch Pfarrer Cauer auf seinen Forderungen sitzen.Das ist ihm wohlbewußt, er aber nimmts mit Gottvertrauen: "So hat es ja doch einen Vorteil, daß die Handwerker noch da sind", sagt er; sie könnten die Baumängel sofort bearbeiten.Wenn die Männer erst einmal abgezogen sind, dann werde das sehr viel schwerer - ob es die Concordia dann noch gibt oder nicht.

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