Immobilien : Pflanze mit Untermietern

Birgit Mory

Nachstehend veröffentlichen wir die vom Botanischen Garten für diese Woche herausgegebene Zusammenstellung besonders sehenswerter Pflanzen, die im Freigelände oder in den Gewächshäusern mit einem roten Punkt gekennzeichnet sind. Der Garten ist täglich von 9 Uhr an geöffnet, die Gewächshäuser am Wochenende ab 10 Uhr.

Gewächshäuser. Beim Betreten des vorderen Teils des Victoriahauses, nahe der Tür auf der linken Seite, fallen kleine rote Früchte hoch über den Köpfen auf. Es sind die Beeren der Ameisenwurzel-Medinilla (Medinilla), eines Schwarzmundgewächses (Melastomataceae). Aus dieser Gattung ist die seit 1850 von den Philippinen eingeführte Prächtige Medinilla (M. magnifica) besonders geschätzt. Sie hat sich ihren Platz als Zimmerpflanze erobert mit der Fülle rosaroter Blüten, die von großen rosa Tragblättern gleich einem Biedermeierstrauß umfasst werden. M. myrmecorhiza aus dem tropischen Tiefland-Regenwald von Brunei auf Borneo wurde erst 1990 beschrieben. Sie wächst epiphytisch, das heißt, sie ist eine Aufsitzerpflanze im Geäst von Bäumen und hat mit ihren Wurzeln keinen Kontakt zur Erde. Die luftige Höhe benötigt sie, um in den Genuss des Lichtes zu gelangen, der ihr durch das dichte Blätterdach des tropischen Waldes auf der Erde vorenthalten wird. Das Problem der Nährstoffversorgung löst sie, indem sie in ihrem Wurzelbereich Ameisenstämmen Unterschlupf bietet. Ameisen häufen in der Umgebung ihres Nestes organischen Abfall an. Vor allem Stickstoff- und Phosphorverbindungen, die besonders wichtigen Elemente für das Pflanzenwachstum, sind dort reichlich vorhanden. Wahrscheinlich erweisen sich die Ameisen auch sonst noch ganz nützlich. Sie halten ihrem „Vermieter“ unliebsame tierische Feinde fern, die es oftmals auf die Samen abgesehen haben. Tag und Nacht sind die Ameisen auf der Pflanze unterwegs, „patroullieren“ auf ihr. Dabei entdecken sie zum Beispiel Insekteneier und entfernen sie durch einfaches Herabwerfen. Der Schutz der Ameisen geht aber möglicherweise noch weiter. Mit den Mundwerkzeugen werden die Triebe konkurrierender Pflanzen aus der Nachbarschaft, die vielleicht durch Beschattung schaden könnten, so lange bearbeitet, bis sie absterben.

Innerhalb ihrer mehr als 500 Arten umfassenden Gattung hat M. myrmecorhiza bisher als Einzige diese noch recht lockere partnerschaftliche Beziehung zu den Ameisen aufgenommen. Andere Vertreter der Schwarzmundgewächse, die in den Tropen Amerikas vorkommen, haben ein wesentlich tieferes Verhältnis zu den Ameisen. Sie stellen ihnen sogar „Wohnungen“ zur Verfügung. Am Grunde der Blattspreiten befinden sich Myrmekodomatien (griech.: myrmex = Ameise, domation = Schlafzimmer), zwei sackförmige, etwa zwei bis sechs Zentimeter lange und ein bis zwei Zentimeter breite Ausstülpungen. Auf ideale Weise erfüllen diese die Anforderungen der Ameisen an einen Nistplatz: Schutz vor Fressfeinden und vor schlechter Witterung. Die Besiedlung hat jedoch einen Nachteil für die Ameisen: Die Blätter sind relativ kurzlebig und ein „Umzug“ lässt sich mitunter nicht vermeiden.

In den Gewächshäusern finden wir weitere Beispiele für Ameisenpflanzen mit Schutzräumen, zum Beispiel in den Stämmen des Ameisenbaumes (Haus A) oder in den Knollen der epiphytischen Rötegewächse Myrmecodia und Hydnophytum (Haus E).

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