PILE UP : Häuser stapeln in der City Macher und Modelle

Urbanes Bauen ganz nah am Einfamilienhaus: Hans Zwimpfers „Pile Up“ bietet Raum und lichte Weite

Christian Hunziker

In den Jahren nach der Wende schien das innerstädtische Wohnen gerade in Berlin kaum mehr eine Zukunft zu haben. Zwar zog es Studenten und Medienmenschen nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain, doch noch mehr Familien nutzten die neuen Möglichkeiten, um sich in einem der zahllosen aus dem märkischen Sand sprießenden Wohnparks im Umland den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Doch seit einigen Jahren stellen Statistiker fest, dass dieser Trend gestoppt ist und immer mehr Eigenheimbesitzer reumütig in die Stadt zurückkehren – dorthin, wo sie nicht zwei Autos brauchen, wo die nächste Arztpraxis nicht kilometerweit entfernt ist und wo es Theater, Kinos und Restaurants gibt.

Doch wo sollen sie hinziehen, wenn sie sich ein Einfamilienhaus in der Stadt nicht leisten können und ihnen eine konventionelle Mietwohnung zu beengt ist? Vielleicht bald in eine Pile-Up-Wohnung. Denn das Konzept verbindet, so jedenfalls die Überzeugung seines Erfinders Hans Zwimpfer, „die Großzügigkeit eines Einfamilienhauses mit den Vorzügen einer städtischen Geschosswohnung“. Jahre lang tüftelte der 76-jährige Schweizer Architekt an diesem Konzept, das er sich 2005 sogar patentieren ließ und das jetzt in einer Ausstellung im Deutschen Architektur-Zentrum (DAZ) in Berlin vorgestellt wird.

„to pile up“ heißt auf englisch stapeln. Gestapelt werden in Zwimpfers Konzept Wohneinheiten, die sich vor allem durch zweierlei auszeichnen: Ihr Grundriss ist völlig flexibel, und in einem Teil des Wohnbereichs beträgt die Raumhöhe 5,60 Meter, doppelt so viel wie in den übrigen Räumen. Die Höhe der Decke ist nach Zwimpfers Überzeugung von entscheidender Bedeutung für das Wohlbefinden der Bewohner. Es sei, sagt er, ein großer Fehler der Planer gewesen, nach dem Zweiten Weltkrieg die Raumhöhe auf zweieinhalb Meter zu senken – ganz zu schweigen von der Ansicht „des lieben Kollegen Le Corbusier, der fand, 2,26 Meter reichten auch“.

Gewohnt wird in Zwimpfers Konzept auf einer Ebene. Das Einfamilienhaus aber verfügt in der Regel über zwei oder drei Geschosse. Also doch kein gestapeltes Einfamilienhaus? Zwimpfer sieht darin keinen Widerspruch. Er verweist auf seine Erfahrungen aus Basel, wo der Bungalow, also die eingeschossige Form des Eigenheims, stets als Idealvorstellung gegolten habe. Zudem sei angesichts einer alternden Gesellschaft eine barrierefreie Gestaltung wichtig – weshalb natürlich auch ein Aufzug vorgesehen ist.

Als weiteren Vorteil nennt Zwimpfer die Möglichkeit, Grundstücke bis zu einer Tiefe von 22 Meter zu bebauen. Dank dem hohen Raum sei nämlich selbst in diesem Fall die Belichtung gewährleistet. Damit das Konzept funktioniere, müsse die Wohnung aber mindestens 80 Quadratmeter groß sein. Die freie Gestaltbarkeit des Grundrisses gewährleistet Zwimpfer, indem er hohe Unterlagsböden vorsieht. Diese bieten Platz für die Leitungen, so dass Bad und Küche an jedem beliebigen Ort in der Wohnung platziert werden können.

Wer sich das Pile-Up-Konzept in der Realität anschauen will, muss allerdings vorläufig noch in die Schweiz fahren. In Rheinfelden, direkt an der deutschen Grenze, steht die erste nach den Richtlinien von Pile Up errichtete Siedlung mit 22 Wohneinheiten. Vier andere Projekte in der Schweiz – allesamt als Eigentumswohnungen konzipiert – sind derzeit in Bau. Kontakte gibt es laut Zwimpfer auch zu Nürnberg und Wien.

Für die Etablierung des Konzepts in Deutschland und anderen Ländern ist die Gesellschaft Zapco – die Abkürzung steht für Zwimpfer Architects Planners Consultants – mit Sitz in Zug zuständig. Sie will Projektentwickler und Bauträger dafür gewinnen, das patentierte Pile-Up-System in Lizenz zu realisieren. Zwimpfer und Zapco überwachen dabei die Qualität. „Sonst macht uns das die Marke kaputt“, sagt Zapco-Geschäftsführerin Tina Puffert. Deshalb haben auch nur Investoren eine Chance, die sich zusammen mit guten Architekten bewerben. Denn so viel Mühe Zwimpfer in die Entwicklung des Konzepts gelegt hat – es ist kein Fertighaus, das überall gleich aussieht, sondern wird an den jeweiligen Standort angepasst. Dabei muss es sich für Zwimpfer auf jeden Fall um einen urbanen Standort mit guter Infrastruktur handeln. Der Architekt lehnt das Bauen auf der grünen Wiese strikt ab und will statt dessen die Innenstadt verdichten, wobei er auf eine Mischung von Wohnen und Arbeiten setzt. Gerade Berlin eigne sich deshalb für das Konzept, ist Tina Puffert überzeugt. Auf dem Friedrichswerder beispielsweise (also dort, wo die bekannten Townhouses entstehen) hätten sich ihrer Ansicht nach auch Zwimpfers Geschosswohnungen gut gemacht.

Doch könnten sich die Berliner das Wohnen im Pile-Up-Haus überhaupt leisten? Zwimpfer und Puffert zufolge liegen die Baukosten lediglich acht Prozent höher als bei einem konventionellen Mehrfamilienhaus. Die reinen Baukosten beim Projekt in Rheinfelden betrugen umgerechnet knapp 2 000 Euro pro Quadratmeter. Verkauft wurden die dortigen Wohnungen für rund 3 000 Euro pro Quadratmeter. Bei günstigeren Bodenwerten lasse sich der Preis aber auf etwa 2 500 Euro senken, glaubt Zwimpfer.

Bei den Käufern in Rheinfelden handelte es sich hauptsächlich um Angehörige der urbanen Mittelschicht: Ärzte, Ingenieure, Lehrer, altersmäßig bunt gemischt zwischen 29 und 75 Jahren. Etwas allerdings müssen sich die Bewohner der Pile-Up-Wohnungen aus dem Kopf schlagen: Dass im 5,60 Meter hohen Raum eine Zwischendecke eingezogen und so zusätzlicher Raum geschaffen wird, verbietet Zwimpfer kategorisch. „Ich bin“, sagt er dazu freundlich, „doch nicht so blöd, jahrelang ein solches Konzept zu entwickeln, und dann wird es einfach verändert!“

DER ARCHITEKT

Hans Zwimpfer wurde 1930 geboren und leitet seit 1958 ein eigenes Architekturbüro in Basel. Er baute über 2 000 Wohnungen in der Schweiz, war aber auch in Ecuador, Saudi-Arabien und Ägypten tätig, wo er große Hotelprojekte realisierte. Zuletzt errichtete er in Basel eine Eissporthalle.

DIE AUSSTELLUNG

Die Ausstellung „Pile Up“ im Deutschen Architektur-Zentrum DAZ (Köpenicker Straße 48/49, 10179 Berlin) ist bis zum 26. August geöffnet (Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 14 bis 18 Uhr). Der Eintritt ist frei. Für 8 Euro in der Ausstellung erhältlich ist der Katalog "Pile Up - Zukunftslabor Wohnen".ch

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