Immobilien : Plagen fast wie im alten Ägypten

ANDREAS LOHSE

Wenn Ameisen und anderes Getier als ungebetene Mietbewohner eingezogen sindVON ANDREAS LOHSEErstmals 1886 wurde in Berlin wissenschaftlich die "Ägyptische Hausameise" erwähnt.Der Entomologe Carl Fromholz beobachtete, daß eine große Zahl der Tiere sich an seiner Raupenzucht labte: "Ihre Anwesenheit flösste mir durchaus zunächst keine Besorgnis ein, da ich glaubte annehmen zu können, dass die Thiere durch Zufall mit dem Raupenfutter in den Kasten gelangt waren und daher wohl leicht zu vertilgen sein würden.Als aber nach kurzer Zeit die ungebetenen Gäste sich noch in mehreren anderen Kästen zeigten, sah ich ein, dass das Tödten der einzelnen Thiere, so weit ich derselben habhaft werden konnte, zu deren gänzlicher Vertilgung nicht ausreichte und dass immer neue Ersatztruppen an die Stelle derjenigen traten, die ihren unerlaubten Besuch bereits mit dem Leben gebüsst hatten."Doch nicht nur in seiner Raupenzucht beobachtete der Mann die gefräßigen Untermieter, denn er hatte - so schrieb er in seinem Bericht für die "Entomologische Rundschau" aus jener Zeit - auch "in der Küche herumlaufende Thiere eines Tages in großer Anzahl auf einem Teller mit geschnittener Leberwurst zu einem fröhlichen Festessen versammelt gefunden".Über deren Herkunft vermutete er, daß sie "mit afrikanischen Insectensendungen, die auch bei mir öfters vorhanden waren, in meine Behausung gekommen sind."Heutzutage kommen Ameisen in der Regel nicht per Post, sondern zumeist konventionell durch undichte Fenster und Türen ins Haus.Sie bewegen sich auf ihren "Straßen" zu süßen Lebensmitteln und Krümeln.Bei geringem Vorkommen soll, laut einer etwas älteren Ausgabe der Zeitschrift "test", bei trockenem Untergrund "sehr wirksam" sein, über mehrere Tage entlang der Ameisenstraße Backpulver zu streuen: Die Tiere fressen es und platzen.Weder dieses noch ein anderes Mittel konnte allerdings Traudel P.helfen: Ihr und ihrer Tochter rückten im Wortsinn die Ameisen dramatisch auf den Leib."Vor fünf Tagen mußte ich mitten in der Nacht das Bett meiner Tochter in die Mitte des Zimmers schieben, da das ganze Zimmer voll mit Ameisen war", meldete sie sich völlig entnervt beim Mieterverein.Am Fensterbrett waren sie, in der Küche, selbst im Wäschekorb "hatte ich circa 1000 Ameisen".Als die Kühlschranktür mal nicht richtig schloß, zählte sie darin 150 tiere.Dabei habe man schon viel versucht: Ritzen verspachtelt, Teppichboden hochgeklappt, Silikon in Lücken geschmiert.Erfolglos."Es ist nicht zumutbar", schrieb Traudel P.ihrer Vermieterin, "daß meine Tochter Fruchtsaft trinkt, der etwas tropft, ich zwei Stunden später 50 Ameisen auf 10 Quadratzentimeter finde".Auch von ungestörter Nachtruhe könne keine Rede mehr sein.Ein Kinderarzt attestierte, daß wegen massiven Ungezieferbefalls der Wohnung das Kind gesundheitsgefährdet war."Ein unverzüglicher Wohnungswechsel ist dringend empfehlenswert." Da die Vermieterin sämtliches Bitten und Mahnen beharrlich ignorierte, gab es nur eine Möglichkeit: Traudel P.kündigte fristlos und machte sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe.Ist eine Mietwohnung von Ungeziefer befallen, kann dies als Mangel angesehen werden und ein Mietminderungsgrund sein."Silberfische (20-25) in der Wohnung mindern den Wohnwert um bis zu 20 Prozent", entschied beispielsweise das Landgericht Lahnstein (in: "Wohnungswirtschaft & Mietrecht" 88,55).In Ausnahmefällen kann der Mieter das Mietverhältnis sogar fristlos kündigen, wenn wegen des Ungezieferbefalls eine Gesundheitsgefährdung zu befürchten ist.So beschied unter anderem das LG Freiburg eine solche Kündigung positiv, nachdem ein "Mieter vor seinem Einzug" feststellte, "daß die angemietete Wohnung mit Kakerlaken befallen" war ("WM" 86, 246).Demgegenüber meinte das LG Kiel: "Ist die gesundheitsgefährdende Beschaffenheit der Wohnung wegen Kakerlakenbefalls sofort behebbar, ist die fristlose Kündigung ausgeschlossen" ("WM" 92, 122).Unter Umständen kann allerdings der Vermieter sogar verpflichtet sein, die Kosten für Umzug und Beschaffung einer Ersatzwohnung zu zahlen (BGH, "WM" 74, 213).Zunächst jedoch muß der Vermieter sofort unterrichtet werden, sonst könnte der Mieter schlimmstenfalls sogar schadenersatzpflichtig werden.Für die Beseitigung der Schädlinge hat grundsätzlich er zu sorgen.Eine Klausel im Mietvertrag, wonach der Mieter dies auf eigene Kosten zu erledigen hat, ist unwirksam.Dabei erstreckt sich die Beseitigungspflicht des Vermieters neben der Wohnung "auch auf das Treppenhaus seines Hauses", weil der Mieter "auf die Mitbenutzung dieses Gebäudeteils zur Ausübung seines Mietgebrauchs angewiesen ist" (AG Berlin Tempelhof-Kreuzberg, Az: 19 C 253/91).Rührt das Ungeziefer jedoch vom Mieter her, hat er sich unter Umständen und im Einzelfall auch selbst um dessen Vernichtung zu kümmern.Kann der Vermieter nun die ihm entstandenen Auslagen über die Betriebskostenabrechnung wieder hereinholen? Nicht zwangsläufig, meinte das LG Siegen: "Die Umlage der Kosten der Ungezieferbekämpfung setzt voraus, daß es sich um laufende Betriebskosten handelt", deren erforderlichen jährlichen Turnus der Vermieter nachweisen muß ("WM" 92, 630)."Die Bekämpfung eines besonderen Ungezieferbefalls" habe der Vermieter allein zu tragen, meint zwar auch das AG Köln ("WM" 92, 630), wurde aber vom örtlichen Landgericht im Einzelfall eines anderen belehrt: "Die Umlagefähigkeit von Ungezieferbekämpfungskosten ist nicht an die Voraussetzung geknüpft, daß die Ungezieferbekämpfungsmaßnahmen turnusmäßig anfallen." Auch die Kosten für eine akute Bekämpfung seien gesondert umlegbar ("ZMR" 95, XII).

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