Immobilien : Rätselhafte Irrwege

Aus der Vogelperspektive geben Labyrinthe und Irrgärten ihr Geheimnis preis. Fotograf Jürgen Hohmuth auf der Spur eines Phänomens

Waltraud Hennig-Krebs

Große Labyrinthe und Irrgärten mit ihren rätselhaften Wegeführungen offenbaren ihr Geheimnis am besten, wenn man sie aus der Vogelperspektive betrachtet. Jürgen Hohmuth, Architektur- und Städtebaufotograf reiste zwei Jahre kreuz und quer durch Europa - dem Phänomen auf der Spur. Die Suche hat sich gelohnt: Herausgekommen ist ein Bildband mit 161 großformatigen, faszinierenden Farbfotos.

Um diese Luftaufnahmen machen zu können, entwickelte Hohmuth eine ungewöhnliche Methode. Ein acht Meter langes Mini-Luftschiff, das an einer langen Leine hängt und an der Unterkonstruktion eine Kamera trägt, schwebt langsam in geringer Höhe über das ausgewählte Objekt. Die ferngesteuerte Kamera überträgt die Bilder auf einen Monitor. Der Fotograf steht am Boden, trotzdem sieht er einem Vogel gleich die geschlungenen Pfade in Labyrinthen, die geometrischen Linien auf mittelalterlichen Bodenmosaiken oder mit Pflanzen gestaltete Irrgärten. Es sind 55 traditionelle oder moderne Anlagen, die Hohmuth für sein Buch ausgewählt hat. Nachdenkliche und hintergründige Texte verschiedener Fachautoren ergänzen die großartigen Bilder.

33 000 Kilometer hat Hohmuth, der unter anderem auch einen Band über die Berliner Museumsinsel verfasste, für die „Labyrinthe und Irrgärten“ zurückgelegt: mit seinem Bus, dem aufgeblasenen Luftschiff auf dem Anhänger und auf schönes Wetter wartend. Er war in Schweden, England, Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, in der Schweiz und auch auf Kreta. In einem Nachwort schildert der Fotograf humorvoll seine „Irrwege durch Europa“, erzählt, wie er schwitzend durch einen norditalienischen Bergwald rannte und in der „Hast und Gier auf das nächste tolle Bild“ seinen Ariadnefaden verlor, um dann festzustellen, dass er dabei an einer unscheinbaren Sensation vorbeigestürzt war: Ein dezent in den Stein geritztes Labyrinth, das sich zwischen Hunderten Lanzen schwingender Strichmännchen und gehörntem Getier verbarg. Die Fotos mit den kurzen Erläuterungen machen neugierig auf die ausführlichen Texte. Sie stammen allesamt von Experten, die von Labyrinthen und Irrgärten fasziniert sind und sich aus psychologischer, architektonischer und historischer Sicht mit dem Thema auseinandersetzen.

Zu den Fachautoren, die mit ihren Artikeln zum Gelingen des Buches beitragen, gehört auch Adrian Fisher. Er gilt als der einflussreichste Irrgarten-Designer der Moderne und hat bereits weltweit über 300 dieser künstlichen Gärten in 23 Ländern entworfen. Als Materialien dienen ihm unter anderem auch Pflastersteine – wie im Bildband zu sehen. Fisher nimmt den Leser mit in die kreative Welt des Entwerfens. Für ihn steht fest, dass jeder noch so kleine Aspekt eines Entwurfs, sei es das Material, senkrechte Abgrenzungen oder ein durchgehender Pfad ohne Wegekreuzungen, zum Charakter des jeweiligen Irrgartens oder Labyrinths beiträgt. Jeder gestalterische Hinweis kann bestimmend für die abenteuerliche, symbolische oder meditative Reise sein, auf die sich der Besucher begibt. Fishers Überzeugung nach gilt das für jeden fantasievoll angelegten Garten.

Der englische Autor Jeff Saward macht den Leser in in seinem Beitrag mit der Historie von Labyrinthen vertraut. Denn als symbolisches Motiv tauchten sie erstmals vor rund 4000 Jahren in Europa auf und verbreiteten sich auf dem gesamten Kontinent. Fast alle Labyrinthe, die auf Tonscherben, in Felswände auf Grabmälern oder Gebäude geritzt gefunden wurden, zeigen das gleiche Grundmuster: sieben sorgfältig miteinander verbundene und auf ein zentrales Feld in der Mitte ausgerichtete konzentrische Kreisgänge. Auf dem Boden aufgezeichnet, dienten sie Reitern als Geschicklichkeitstest und Kindern zum Spielen, das berichtete der Römer Plinius bereits in vorchristlicher Zeit.

Das früheste Labyrinth, das eine genaue Datierung zulässt, so erfährt der Leser, befindet sich auf einer Tontafel aus dem mykenischen Palast im griechischen Pylos. Diese Tontafel blieb vom Feuer verschont, das den Palast um 1200 vor Christus zerstörte. Aus der traditionellen Form des Labyrinths entstanden dann zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert die ersten Irrgärten in Frankreich und Holland. Doch England folgte schnell und nirgendwo sonst wird seitdem diese Spielart der Gartenkunst so fantasievoll gepflegt wie auf der Insel. Für die Text-Autoren Simone Augustin und Martin Rasper trifft die Mischung aus historischer Tradition, gärtnerischem Können und die sportliche Herausforderung des Rätsellösens den Nerv der Engländer.

Das Buch macht Lust darauf, sich selbst einmal auf diese besonderen Irrwege einzulassen. Eine Liste im Anhang erleichtert die Auswahl.

Jürgen Hohmuth: Labyrinthe und Irrgärten. Frederking & Thaler, München. 2003. 176 Seiten, 161 Farbfotos. 50 Euro.

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