Immobilien : Raus aus der Isolation

ANDREAS LOHSE

Miteinander reden und auch Wäsche waschenim Nachbarschaftsladen in der Willibald-Alexis-StraßeVON ANDREAS LOHSE Mit nachbarschaftlicher Hilfe wirkt man in Kreuzberg dem entgegen, was in Großstädten so weit verbreitet ist: Isolation und Anonymität.Seit einigen Jahren schon können sich die Anwohner der Willibald-Alexis-Straße (Telefon: 693 71 07) in den zwei kleinen Räumen des Nachbarschaftsladens treffen.Reden, Pläne schmieden und Kaffee trinken ist nur eine der Devisen."Hierher kommen auch Kinder, die spielen, malen oder einfach nur neugierig sind", erzählt Brigitte Komnick vom Vorstand des als Verein organisierten Ladens.Sogar Wäsche waschen und trocknen ist möglich - die "Glücksspirale" finanzierte die Ausstattung.Eine Dusche gebe es ebenfalls, zumindest theoretisch, denn sie sei "schon seit einem halben Jahr in Reparatur".Zudem pflegt man rege Kontakte zu anderen Initiativen, Projekten und Beratungsstellen, mit denen man beispielsweise auch sozialpolitische Fragen und Probleme erörtert.Gruppen können die Räume sogar mieten: Für eine Kostenbeteiligung von vier Mark die Stunde ist man dabei. Mit öffentlichen Mitteln wurde die inzwischen schon 13 Jahre alte Initiative lediglich anfangs gefördert - damals war der Laden noch ein paar Straßenecken weiter.Von 1985 bis 1987 gab es eine Anschubfinanzierung aus dem Senatstopf für Selbsthilfegruppen.Doch dann versiegte der Geldstrom."Man meinte, es habe schon genug anderer solcher Einrichtungen im Bezirk gegeben." Der Betrieb ging trotzdem weiter.Die laufenden Ausgaben werden seitdem aus Mitgliedsbeiträgen des gemeinnützigen "Vereins zur Förderung nachbarschaftlicher Kommunikation und Selbsthilfe" sowie durch Spenden bestritten.Diese Einnahmen sind jedoch zu gering, um dem Laden dauerhaft die Zukunft zu sichern."Unsere monatlichen Kosten liegen bei 800 bis 1000 Mark", errechneten die durchweg ehrenamtlich arbeitenden Mitstreiter.Nur rund 200 Mark werde für die Miete ausgegeben, das Dreifache frißt die Bewag: 600 Mark zahlt man für Strom, denn geheizt wird mangels Alternative elektrisch.Und die Räume sind kalt, besonders fußkalt.An manchen Stellen bezeugen noch Wandkacheln, daß hier einst eine ungeheizte Waschküche war. So gering die Miete auch sein mag: Die vorhandenen Rücklagen aus Beiträgen und Spenden sind nahezu aufgebraucht.Zum Jahreswechsel drohte deshalb das Aus.Ein Antrag auf Zuschüsse durch den Bezirk wurde abgelehnt.Auch die personellen und ideellen Ressourcen waren nahezu erschöpft."Zwölf bis 15 Leute arbeiten hier heute mit", erklärt Brigitte Komnick; was freilich früher, als manche noch studierten, einfacher zu organisieren war.Es hatte sich gezeigt, daß nur jene Tätigkeiten, die keine regelmäßige Zeitplanung erforderten, ehrenamtlich erfüllt werden konnten, beispielsweise Verwaltung, Buchführung oder Reinigung der Räume.Für die Öffnungszeiten des Cafés, für die Gesprächs- und Beratungsangebote sowie die Anleitung von Gruppen hätten sich ständig besetzte Personalstellen als notwendig erwiesen. Also bot man vor einigen Jahren gezielt Neues an, wie Gesundheitsberatung, Kultur- und Medienarbeit, und bekam dafür ABM-Personal."In diesem Jahr ist es uns allerdings nicht gelungen, auch nur eine einzige ABM-Stelle zu bekommen," bedauert Andreas Steinert vom Vereinsvorstand. Gleichwohl ist zur Freude aller vorerst zumindest die finanzielle Zukunft gesichert: Eine Geschäftsfrau aus der Nachbarschaft wird sowohl die Miete für die Räume als auch die Nebenkosten für ein ganzes Jahr übernehmen.Das freilich sollte niemanden abhalten, dem Nachbarschaftsladen seine Hilfe anzubieten.Auf Dauer nämlich, so Andreas Steinert, "sind die Vereinsmitglieder auf sich allein gestellt und ständig überfordert".

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