Immobilien : Schatzsuche im Gemüsebeet Verein „Dreschflegel“ spürt alte Nutzpflanzen auf

Holger Szyska/ddp

Vor 25 Jahren war die „ostfriesische Palme“ ein typisches Gewächs hinter ostfriesischen Gartenzäunen. Heute ist die Grünkohlsorte kaum noch in den Gemüsebeeten zu finden. „Aus der EU-Sortenliste ist sie längst rausgeflogen“, sagt Reinhard Ehrentraut aus Schatteburg im Kreis Leer. Er will verhindern, dass die Ostfriesen-Palme auch vom Küchentisch verschwindet. Denn offiziell vermarktet werden dürfen nur Pflanzen, die in der EU-Liste stehen.

„So sterben die alten Sorten aus“, sagt Ehrentraut. Dagegen geht der Biobauer als Mitglied des Vereins „Dreschflegel“ vor, in dem sich bundesweit zehn ähnlich strukturierte Höfe zusammengeschlossen haben.

Durch den Rechtsstreit um die Kartoffelsorte „Linda“ sei vielen Menschen das Problem bewusst geworden, freut sich der 37-Jährige. In diesem Fall hatte die Pflanzenzuchtfirma Europlant die Kartoffel vom Markt nehmen wollen und deshalb Proteste von Landwirten geerntet. Aus Sicht Ehrentrauts ist „Linda“ jedoch nur ein Beispiel für eine besorgniserregende Entwicklung.

Seit 1950 werde immer weniger Saatgut in den Gärten ausgesät. „Nur noch eine Handvoll Firmen stellen Saatgut für Privatleute her“, sagt der gelernte Landwirt. Zwar soll die Deutsche Genbank im anhaltischen Gatersleben dafür sorgen, dass pflanzengenetische Ressourcen für nachfolgende Generationen erhalten bleiben. „Aber das läuft nicht automatisch“, betont Ehrentraut. Deshalb spürt er mit den anderen „Dreschflegeln“ alte Nutzpflanzen auf, um das Saatgut biologisch zu züchten und zu vermehren. Längst ist Ehrentrauts Blick so geschult, dass er in den Gärten manche vom Aussterben bedrohte Sorte findet. Insgesamt rund 120 habe er bisher entdeckt, sagt der Biobauer. In Ostfriesland sei das mitunter leichter als andernorts. Hier seien es zumeist ältere Leute, die Nutzpflanzen wie eine lieb gewordene Grünkohl- oder Zuckererbsensorte immer wieder aussäen. „Die Mentalität der Selbstversorger macht sich noch bemerkbar“, sagt Ehrentraut, dem auch die damit verbundene Kultur am Herzen liegt.

Die vor 15 Jahren aus der Taufe gehobene „Dreschflegel“-Initiative unterstützt die Selbstversorger jeden Herbst durch die Herausgabe eines Katalogs mit biologischem Saatgut für den Hausgarten. „Viele dieser Sorten wären längst aus den Gärten verschwunden, wenn sie über all die Jahre nicht wenigstens privat getauscht oder weitergegeben worden wären“, heißt es in dem Heft. Denn gewerblich vertrieben werden dürfen eben nur die Sorten mit amtlicher Zulassung.

Zudem leidet die Vielfalt nach Auffassung der „Dreschflegel“ unter gentechnischen Manipulationen und Patentierungen durch multinationale Konzerne. Aus diesem Grund mischen sie sich politisch ein und schreiben Stellungnahmen zu Änderungsentwürfen für Gesetze an die EU und die Bundesregierung. Von Lebensmittelkonzernen wollen sie sich nicht diktieren lassen, was künftig in den Kochtopf kommt.

Um ihr Ziel zu erreichen, setzt der Verein auf die Geschmacksnerven. Ehrentraut hofft, dass sich die Verbraucher nicht mit einem Einheitsbrei aus Standardsorten zufrieden geben. Schließlich sei der Variantenreichtum von Nutzpflanzen wie Bohnen, Erbsen, Grünkohl, Zwiebeln oder Tomaten nahezu unerschöpflich. So gebe es Grünkohl mit krausen oder glatten, harten oder weichen Blättern, mit hohem oder mit niedrigem Stamm.

Doch während allerorten die Grünkohlsaison eröffnet oder der Kohlkönig gekürt werde, böten die Supermärkte nur noch eine Tiefkühlkostsorte an. Ehrentraut: „Die Zeit eilt. Es gibt Grünkohlsorten mit Geschmacksrichtungen von süß bis kohlig. Wenn man sich jetzt nicht darum kümmert, ist das vorbei.“ Dann wäre die Ostfriesen-Palme endgültig passé.

Weiteres im Internet:

www.dreschflegel-saatgut. de

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