Immobilien : Schimmel in der Wohnung, Mieter im Hotel

Sie sind krank und zahlen für leerstehende Räume – die Leidensgeschichte eines Paares in Wilmersdorf

Kerstin Heidecke

Nur wenn Romy Kaufmann ein besonderes Kleid oder bestimmte Papiere braucht, fährt sie in ihre Wohnung im gutbürgerlichen Schmargendorf. Vor der Wohnungstür legt sie eine Schutzmaske vor Nase und Mund. So schnell wie möglich sucht sie sich dann das Benötigte heraus. Immer dabei: das mulmige Gefühl und Angst vor Bronchitis, Atemnot und Hautausschlag. Ihre Wohnung ist von Schimmelpilzen befallen. Seit zweieinhalb Jahren leben sie und ihr Partner Frank Juhnke deshalb im Hotel.

Die Gutachter sind sich über die Schimmelbelastung uneins. So hat das Paar eine Odyssee hinter sich, die inzwischen mehrere pralle Ordner gefüllt hat; Schriftwechsel mit Hausverwaltung und Mieterverein, etliche Gutachten, ärztliche Attests, Anwaltsschreiben, Schriftsätze und Gerichtsurteile. Nie hätten die beiden damit gerechnet, dass die Frage, ab wann Schimmel krank macht, nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihre wirtschaftliche Existenz bedrohen könnte.

Begonnen hat alles im Dezember 2003. Da entdeckte das Paar eine nasse schimmelige Stelle in der Speisekammer seiner Zweizimmerwohnung. Entstanden nicht etwa durch falsches Lüften, sondern durch ein undichtes Rohr in der Wand zwischen Küche und Bad. Um das Leck zu finden, ließ die Hausverwaltung der Wohnbau GmbH die Wand aufstemmen, rückte dem Schaden dann mit einem Bautrockner zuleibe. Ein fataler Fehler, wie sich bald herausstellte. Denn das Gerät verwirbelte die Sporen in der ganzen Wohnung. Kurze Zeit später litt das Paar unter Atembeschwerden, Hustenanfällen, Augenbrennen und Hautausschlag. Romy Kaufmanns Asthma wurde schlimmer. Also zogen die beiden ins Hotel. Für ein paar Tage, höchstens Wochen. Dachten sie.

Die Mieter holten sich einen renommierten Experten an die Seite, den Gutachter Wolfgang Lorenz vom Institut für Innenraumdiagnostik, Toxikologie und Bauphysik. Der stellte hohe Schimmelpilzwerte fest und Feuchtigkeit in den Wänden von Küche und Bad der Kategorie 3. Bei dieser Kategorie soll sofort gehandelt werden, so der Leitfaden des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg. Auf Drängen der Mieter gab die Hausverwaltung nach und führte im Frühjahr 2004 eine Schimmelsanierung durch. Allerdings nicht in dem vom Gutachter geforderten Umfang. Kaum in der Wohnung zurück, litten die Mieter wieder unter Gesundheitsbeschwerden. Eine Lungenfachärztin empfahl ihnen dringend auszuziehen. Also gingen sie in die nächste Runde und zurück ins Hotel. Sie holten sich erneut einen Gutachter. Der brachte im Juni 2004 Verstärkung mit: einen Schimmelspürhund. Der schlug an – im Bad, an Fußleisten, an der Außenwand des Wohnzimmers. Der Berliner Mieterverein unterstützte das Paar, verhandelte mit der Hausverwaltung – ohne Ergebnis.

An den endgültigen Auszug dachten die beiden damals trotzdem nie. Immerhin hatten sie in den vergangenen zehn Jahren einiges in ihre helle Wohnung investiert, das Bad renoviert, neue Teppichböden und eine moderne Küche angeschafft. Zudem empfanden sie die preiswerte Mietwohnung in bester Grünlage als echten Glückstreffer. Ihr Anwalt und der Mieterverein machten ihnen Mut. Also klagten die Kaufmann-Juhnkes auf Wiederherstellung der Wohnung und Schadensersatz – vor dem Amtsgericht weitgehend ohne Erfolg. Inzwischen gibt es Bewertungen mehrerer Gutachter, ärztliche Attests, Gerichtsurteile und Berufungen. Zuletzt hat das Landgericht Berlin am 10. August die Berufung des Paares abgewiesen. Auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, sieht im Moment alles danach aus, als müssten die Kaufmann-Juhnkes die Miete für mehr als zwei Jahre nachzahlen. Mieteranwalt Axel Bosselmann spricht von einem „Fehlurteil“. Trotzdem hat die Hausverwaltung inzwischen die dritte Kündigung an das Paar geschickt. Zum Fall selbst wollte sich die Wohnbau GmbH gegenüber dem Tagesspiegel nicht äußern.

„Wir sind in der Sackgasse“ sagt Romy Kaufmann, „und mit den strittigen Mietschulden finden wir keine neue Wohnung.“ In die alte wollen sie ohne Schimmelsanierung nicht zurück. Die Hotelkosten laufen weiter. Weihnachten verbringen sie seit zwei Jahren bei Kaufmanns Mutter. Verreist sind sie seither nicht.

DIE GUTACHTERFALLE:

WARUM ES FACHLEUTE SCHWER HABEN

Man kann ihn nicht immer sehen. Mitunter nicht einmal riechen: Schimmel. Jede dritte Wohnung ist davon befallen, schätzen Experten. Der Berliner Mieterverein bilanziert etwas zurückhaltender, etwa ein Viertel aller bei ihm angezeigten Mängel, immerhin 19 000 jährlich, hätten mit Schimmel zu tun. Aber: „Die Tendenz steigt. Nicht zuletzt wegen zunehmender Modernisierungen“, so Reiner Wild vom Berliner Mieterverein. Dichtere Fenster bedeuten eben auch geringere Luftzirkulation. Längst sind die gefährlichen Pilze kein Randthema mehr, bestätigen Baubiologen. Schimmelpilze gehören zu den größten Umweltrisiken und bedeutendsten Allergenen in Innenräumen. Die Folgen: Erkrankungen der Atemwege, Reizungen von Haut und Augen, erhöhte Infektanfälligkeit, Allergien, Erschöpfungszustände, sogar krebserregend kann Schimmel sein. Besonders Allergikern und immungeschwächten Menschen können die Pilzsporen gefährlich werden.

Aber: „Einen juristisch gültigen Nachweis zu führen, ist schwer. Es gibt keine Grenzwerte“, sagt der Architekt und gerichtlich bestellte Gutachter Jürgen Dieckmann. Er bestätigte auch im Fall Juhnke-Kaufmann, dass der Pilzbefall in Bad und Küche nach der Sanierung „deutlich reduziert, nicht aber vollständig beseitigt“ wurde. Das Dilemma: Es gibt tausende Arten mit unterschiedlichen Eigenschaften. „Man muss nicht jeden Schimmelpilz sanieren“, sagt Frank Leupold von der Firma Oecolab. Seine Firma wird häufig vom Mieterverein mit Gutachten beauftragt. Leupold fordert mehr Naturwissenschaftler im Gutachterwesen, „denn die Menschen reagieren unterschiedlich“. Neben bauphysikalischen Aspekten spielen auch biologische und medizinische eine Rolle.

Schimmelpilze können kerngesunde Menschen für Allergien empfänglich machen. Dieses Risiko besteht bei 50 Prozent der Bevölkerung, schätzen Mediziner. So geschehen im Falle von Frank Juhnke. Ob er sich in der Wohnung oder anderswo sensibilisiert hat, auch darüber wird vor Gericht gestritten. Für seine Ärztin Anneliese Linnhoff, Spezialistin für Lungen- und Bronchialheilkunde, ist die Sache klar. „Bis zum Herbst 2003 war der Patient völlig beschwerdefrei. Aufgrund der Datenlage gehe ich davon aus, dass er sich in der Wohnung sensibilisiert hat.“ Laut Gutachten von Dieckmann – da ist er sich Kollege Lorenz einig – ist die umstrittene Wohnung für sensibilisierte Personen nicht nutzbar.

Sachverständige und Umweltingenieurin Beate Metzner-Klein hört so eine Geschichte nicht zum ersten Mal: „Wenn erst mal falsch mit der Schimmelsanierung begonnen wurde, bekommt die Sache schnell eine Eigendynamik. Selbst ein robuster Mensch kann sich dann sensibilisieren. Aber hier gibt es das Vorsorgeprinzip.“ Auch Gutachter Leupold bezieht Position für die Mieter: „Wenn die gesundheitliche Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann, gilt das Vorsorgeprinzip. Das heißt nicht, dass derjenige etwas beweisen muss, der gesundheitlich geschädigt wurde. Das verstößt gegen die Menschenwürde.“

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