Immobilien : Schön und geheimnisvoll

Die Christrose galt in früherer Zeit als Zauberpflanze und als die Königin unter den Blumen

Gert D. Wolff

Seit Urzeiten gilt die Christrose als die schönste aller weihnachtlichen Symbolpflanzen – und als die geheimnisvollste. Wie keine andere verkörpert sie die weihnachtliche Hoffnung. Denn mitten im Winter, häufig schon im November, bringt sie trotz Eis und Schnee ihre zarten Blüten hervor, weshalb sie auch als Schneerose oder Winterrose bekannt ist. Die Menschen früherer Zeiten sahen dieses jährlich wiederkehrende Naturwunder als einen Hinweis auf die Wurzel Jesse an, die mitten im Dunkel der unerlösten Welt erblüht war – ein Sinnbild für die Geburt des Heilands. Dass diese Wunderblume geheimnisvolle Kräfte besitzen musste, verstand sich von selbst. Im Volksglauben spielte die Christrose deshalb eine besondere Rolle.

Auf den Bauernhöfen pflanzte man „Christwurz“ mit Vorliebe neben der Haustür, um böse Geister abzuwehren. Und zu Weihnachten diente die Zauberpflanze als Orakelblume. Man stellte zwölf Blütenknospen ins Wasser, eine für jeden Monat. Von ihrem Zustand am Heiligen Abend glaubte man das Wetter des kommenden Jahres ablesen zu können. Geöffnete Blüten bedeuteten gutes, geschlossene schlechtes Wetter für den jeweiligen Monat. Weil sie dem lebensfeindlichen Winter so erfolgreich trotzte, galt die kleine Blume auch als wirksames Mittel gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh und zählte zu den Heilpflanzen. Die dunklen Wurzeln von Helleborus niger – so der botanische Name des Hahnenfußgewächses – enthalten ebenso wie die übrigen Pflanzenteile ein starkes Gift.

Schon die berühmten Ärzte des Altertums wussten damit umzugehen. Griechische Mediziner behandelten Geisteskranke und Epileptiker mit einem milden Absud der Wurzel. Auf diese Weise soll auch Herakles von einem Wahnsinnsanfall geheilt worden sein. In der Volksmedizin des Mittelalters galt die Christrose geradezu als eine Wunderpflanze. Man verwendete sie unter anderem gegen Gicht, Schlagfluss, Seitenstechen, Krätze und Pest. Vor allem aber – wie schon in der Antike – gegen Epilepsie und „Unsinnigkeit“. Aus der getrockneten und zerriebenen Wurzel, die stark schleimhautreizend wirkt, stellte man zudem ein Niespulver her, das bis zur Einführung des Tabaks zum Schnupfen verwendet wurde. Noch heute hat die Christrose auch den Beinamen „Schwarze Nieswurz“. Angesichts der Giftigkeit dieser Pflanze fehlte es auch nicht an warnenden Stimmen. So hieß es zum Beispiel, sie sei „weder den Weibern, Alten, Kindern, zarten Menschen noch solchen zu geben die einen kurzen Atem haben“. Wer die Christwurz nicht in seinem Bauerngarten hatte, konnte sie bei Hausierern und Quacksalbern kaufen. Oder in den Apotheken, wo die getrockneten Wurzelstöcke bis ins späte Mittelalter unter dem Namen Radix Hellebori nigri für teures Geld angeboten wurden.

Am wirksamsten freilich soll der Zauber der geheimnisvollen Pflanze gewesen sein, wenn man sie am Heiligen Abend ausgegraben hatte. Zu seinem eigenen Schutz hatte der Wurzelsucher einige Regeln strikt zu befolgen: Betend und nach Osten schauend musste er mit dem Schwert einen Kreis um die Pflanze ziehen und sie dann geschwind ausgraben. Dabei durfte ihn kein Adler erblicken, denn das hätte den Tod bedeutet.

Konrad von Megenberg empfahl im 14. Jahrhundert den Wurzelsammlern, vorher Knoblauch zu essen und starken Wein zu trinken, „darumb daz ez in (ihnen) nicht schaden pringt“. Naturwissenschaftler der Neuzeit haben die Christrose längst entzaubert und ihre Inhaltsstoffe – zwei sehr giftige Glykoside namens Helleborin und Hellebrin, Harz und ätherisches Öl – erforscht. Ihr winterliches Blühen haben sie auf den Begriff „Frostkeimer“ reduziert. Und auch die Beschaffung der einstigen Zauberblume, die heute nur noch oberhalb Berchtesgadens und in den österreichischen Kalkalpen wild vorkommt und inzwischen streng geschützt ist, ist völlig gefahrlos geworden: Staudengärtnereien bieten Helleborus seit langem in zahlreichen Arten und Kreuzungen in verschiedenen Blütenfarben für den Garten an. Und auch Gartencenter und Blumenläden werden rechtzeitig beliefert – mit bereits blühenden Christrosen versteht sich. Dennoch hat die zierliche Blume bis heute nichts von ihrer alten Zauberkraft verloren: Der Anblick ihrer strahlenden Blüten lässt noch immer die Herzen höher schlagen.

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