Immobilien : Selbst ist der Bauherr

Eine kanadische Firma bietet Eigenheime als Bausätze an. Häuser zum selber bauen gibt es auch hier zu Lande zu geringen Preisen. Doch Fachleute und Verbraucherschützer warnen ungeübte Interessenten vor diesem Abenteuer

Ralf Schönball

Ein Haus für knapp 40000 Euro bietet das kanadische Unternehmen Wilderness Cabin Company an. Nur: Die Sache hat einen Haken. Zusammenbauen muss man das Eigenheim selber. Denn es wird in nummerierten Einzelteilen geliefert: Mehrere hundert Balken, Bretter, Pfeiler und Stützen, alles aus Zedernholz. Im Preis enthalten außerdem: Fenster, Türen, Holzgeländer. Ein Dach aus Metall mit Schindeln. Außerdem: Nägel und Leim – sowie eine Bauanleitung.

Auf ihrer Website verspricht die Firma eine weltweite Auslieferung ihrer Bausätze. Auch nach Deutschland. Allerdings kommen hier zu Lande Zoll und Mehrwertsteuer hinzu. Außerdem muss der Käufer extra bezahlen für die Betonplatte als Fundament (mit oder ohne Keller darunter) sowie für den Innenausbau, also für Elektrik, Heizung und Sanitäreinrichtungen. Unter dem Strich dürfte trotz der gegenwärtigen Dollarschwäche ein Haus zum selbst bauen aus deutscher Produktion günstiger kommen. Zumal einige der nationalen Anbieter das Geschäft seit Jahrzehnten betreiben.

„Wir haben in den letzten 30 Jahren 10000 Häuser ausgeliefert“, sagt Gerd Maubach, „und kein Bauherr hat in dieser Zeit die Flinte ins Korn geworfen.“ Maubach ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Vorstand vom Verband Europäischer Selbstbau. Darin haben sich Firmen zusammengeschlossen, die Bausätze anbieten. In Einzelteilen kann man ganze Häuser kaufen, aber auch einzelne Gewerke wie Heizungsanlagen oder Kamine beispielsweise.

Mitbringen muss der Bauherr nicht nur Geld und ein Grundstück, sondern auch viel Zeit. Zwischen 1200 und 1400 Stunden verbringen die Bauherren auf der Baustelle. Täglich drei Stunden nach Dienstschluss, den Jahresurlaub sowie etwa zehn Stunden am Sonnabend. Sonntag ist Ruhetag – dazu rät sogar Maubauch: „Damit das Familienleben nicht zu sehr leidet.“

Nach Angaben des Verbandschefs spart der Bauherr auf diese Weise gut 40000 Euro im Vergleich zu einem schlüsselfertig hergestellten Haus. Die Einsparung entspricht umgerechnet einem Stundenlohn von rund 33 Euro. Damit handwerklich alles klappt, ist die Begleitung der Arbeiten durch einen erfahrenen Bauleiter im Preis enthalten. Natürlich gibt es einen Bauplan und nummerierte Bauteile, so dass theoretisch nichts schief gehen kann. „Und wenn die ersten Wände stehen sowie einige hundert Arbeitsstunden geleistet sind, wächst auch das Selbstbewußtsein von Laien“, wirbt Maubach.

Beim Technischen Überwachungs-Verein und der Verbraucherzentrale sind bisher keine Klagen frustrierter Selbstbauer bekannt. Dennoch bezweifeln die Bauberater beider Vereine, dass die Errichtung eines Eigenheims in Eigenregie ganz so einfach ist, wie es die Vertreter der Branche versprechen. „Wer keine Erfahrung hat, braucht eine ständige fachliche Betreuung“, sagt Peter Dirk, Baureferent Verbraucherzentrale, „und das rechnet sich für die Hersteller allenfalls bei Baugruppen.“ Bei Projekten wie diesen schließen sich mehrere Bauherren zusammen und werden bei dem gesamten Projekte fortwährend von Architekten oder Bauingenieuren betreut.

Skeptisch ist auch der Geschäftsfeldleiter Bautechnik vom TüV: „Es besteht die Gefahr, dass der Selbstbauer Fehler einbaut, die bei der Kontrolle durch den Baubegleiter schon nicht mehr zu sehen sind“, sagt Wolfgang Voigt. Diese Gefahr habe durch die schärferen Anforderungen an die Dämmung von Neubauten sogar noch zugenommen. „Oft haben sogar Profis Probleme damit, die Häuser richtig winddicht zu bekommen“, so die Erfahrungen von Voigts aus der Überprüfung professioneller Bauprojekte.

Die schwerwiegendsten und folgenreichsten Baumängel sind gegenwärtig Fehler bei der Abdichtung der Außenhülle von Häusern. Die Stunde der Wahrheit schlägt meistens erst nach Fertigstellung des Gebäudes: mit dem so genannten Blower-door-Test. Bei diesem Verfahren wird Luft mit hohem Druck von innen nach außen gepresst. Dabei wird sichtbar, an welchen Teilen des Hauses Luft entweichen kann. Ist dies an den Fensterrändern oder an der Fassade der Fall, dann sind oft kostspieliger Nachbesserungen erforderlich.

Denn bei einer fehlerhaften Dämmung droht Schimmelbildung. Dieses Problem hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das liegt daran, dass die Häuser immer stärker gedämmt werden. Wenn die Dämmschicht dann an einzelnen Stellen Lücken oder Löcher aufweist, gibt die warme Luft des Innenraums genau dort ihre Feuchtigkeit an das Bauwerk ab. Die feuchten Stellen sind ein idealer Nährboden für die Bildung gesundheitsgefährdender Schimmelpilze.

Auch eine fachgerechte Abdichtung des Kellers gegen drückendes Wasser aus dem Erdreich zählt zu den oft auch von Profis übersehenen Baumängeln. Grund für viele Klagen von Hauseigentümern außerdem: Schallbrücken. Diese entstehen, wenn die Wände nicht von den Decken abgekoppelt werden, so dass diese dann wie ein Lautsprecher jeden Schritt vom Dach bis in den Keller verstärken und übertragen. Schallbrücken werden oft auch bei der Befestigung der Sanitäranlagen eingebaut: „Dann stehen die Bewohner Nachts im Bett, wenn jemand die Klospülung in einer anderen Etage betätigt“, sagt TüV-Mann Voigt.

Deshalb bilanziert Verbraucherschützer Peter Dirk: „Viele Bauherren sind schon mit der Begleitung und der Überwachung professioneller Baufirmen überfordert.“ Deshalb sollten sie sich genau überlegen, ob sie sich das Bauen in Eigenregie zumuten wollen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben