Selfstorage : Verlagertes Leben

Selfstorage-Häuser haben viele Kunden. Einige stellen darin kurzfristig etwas ab, andere mieten sich auf Dauer ihren Haushaltsraum.

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Die Frau, die am Tresen des Beratungsraums in der Holzhauser Straße in ihrem Kaffeebecher rührt, ist offensichtlich eine gute Kundin. Als sie ihre Altbauwohnung in Tempelhof sanieren ließ, brauchte sie einen Lagerraum für ihre Möbel, erzählt die Ärztin, die zwar ihren Namen nicht nennen will, davon abgesehen jedoch gern darüber Auskunft gibt, was sie in das Selfstorage-Center in Reinickendorf geführt hat. Am Lagerraum schätzt sie besonders, dass er trocken ist und dass sie jederzeit problemlos Zugang hat. So begeistert ist die Tempelhoferin vom Angebot, dass sie noch immer eine Lagerbox gemietet hat, obwohl ihre Wohnung mittlerweile fertig saniert ist.

Damit steht sie nicht alleine da. Räume, in denen man in eigener Regie Möbel und Waren lagern kann – auf Neudeutsch Selfstorage genannt –, liegen im Trend. Laut einer Übersicht des Marktforschungsinstituts BulwienGesa betrieben Mitte 2009 in Berlin die wichtigsten Anbieter (MyPlace Selfstorage, Lagerbox, Secur und Pickens) insgesamt zehn solcher Lagergebäude. Dabei handelt es sich nicht um einfache Hallen in Gewerbegebieten, sondern um in der Regel eigens für diesen Zweck errichtete, mehrgeschossige Gebäude in innerstädtischer Lage. Diese beinhalten abschließbare und von außen nicht einsehbare Lagerabteile.

Das Besondere am Selfstorage-Prinzip ist, dass diese Abteile für den Mieter fast jederzeit frei zugänglich sind. Das Selfstorage-Haus der Firma Secur in Reinickendorf zum Beispiel ist an 365 Tagen im Jahr zwischen 6 und 22 Uhr geöffnet. Zugang erhält der Nutzer über einen Pin-Code, mit dem er die Zufahrtsschranke zum überdachten Parkplatz und die Tür zum Gebäude öffnet. Die Lagerbox selbst ist mit einem konventionellen Vorhängeschloss gesichert. In dem Zusammenhang hat Michael Gadzali, Leiter Unternehmensentwicklung, seine eigene Schloss-Interpretation entwickelt. „Je kleiner das Schloss“, sagt er, „desto kürzer die Mietdauer. Und die aufwendigsten Schlösser haben die Zeitschriftensammler.“

Ein solcher Sammler, erzählt Gadzali weiter, hat seit Eröffnung des Centers im Jahr 2004 ununterbrochen eine Box angemietet. Das aber ist die Ausnahme: Die meisten, berichtet Kundenbetreuerin Rosemarie Thiele, mieten die Lagerfläche entweder für ein bis drei Monate oder aber für ein bis zwei Jahre. Während manche Mieter zuhause einfach zu wenig Platz für ihre Sportgeräte oder ihre Magazinsammlung haben, bewältigen andere mit Hilfe der Selfstorage-Flächen eine private Umbruchsituation – sei es Trennung oder Scheidung, sei es ein Wohnortwechsel oder ein Studienaufenthalt im Ausland. Hinzu kommen mit einem Anteil von etwa einem Drittel gewerbliche Kunden – zum Beispiel professionelle eBay- Händler oder Steuerberatungsbüros, die Akten auslagern.

Während das Selfstorage-Prinzip in den USA und Großbritannien seit Jahrzehnten bekannt ist, wurde das erste Lagerhaus dieser Art hierzulande erst 1997 in Düsseldorf etabliert. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 60 Selfstorage-Häuser. Dabei boomt dieser Immobilientyp besonders in den Großstädten, wo es viele kleine Wohnungen gibt und wo zahlreiche mobile, beruflich flexible Menschen wohnen.

Die Mietkosten beginnen bei den meisten Anbietern bei rund 30 Euro für vier Wochen. Dafür gibt es ein Abteil von einem Quadratmeter, was bei einer Raumhöhe von drei Metern drei Kubikmeter entspricht. Darin kann man zwischen 15 und 20 Umzugskartons unterbringen. Wer den kompletten Hausrat einer Drei- Zimmer-Wohnung einlagern möchte, braucht dafür 20 bis 25 Kubikmeter. Bei Secur in Reinickendorf kostet das ab 145 Euro für vier Wochen, wobei es bei längerem Mietvertrag Rabatt gibt.

Wer nicht darauf angewiesen ist, ständig Zugang zu seinen Sachen zu haben, weil er sich etwa längere Zeit im Ausland aufhält, hat Alternativen. Möbel und andere Haushaltsgegenstände lagern nämlich auch die meisten großen Umzugsunternehmen ein – zu oft günstigeren Konditionen. Dort, argumentiert Secur-Chef Gadzali, sei jedoch nicht immer gewährleistet, dass die Flächen trocken und klimatisiert seien. Zudem schätzten viele Kunden an den Selfstorage-Flächen, dass sie keine Rechenschaft über ihr Lagergut ablegen müssten – wobei verderbliche und explosive Güter in der Lagerbox ebenso wenig etwas verloren haben wie Tiere.

Einmotten bis zum nächsten Winter. Wer eine Lagerbox nutzt, sollte auf ausreichenden Versicherungsschutz achten. Während manche Hausratversicherungen auch gelten, wenn ein Teil des Gutes für einige Monate anderswo liegt, ist bei einer kompletten Auslagerung auf jeden Fall eine neue Police abzuschließen. Fotos: picture-alliance/dpa (2), Promo/Secur
Einmotten bis zum nächsten Winter. Wer eine Lagerbox nutzt, sollte auf ausreichenden Versicherungsschutz achten. Während manche...Foto: picture-alliance/ dpa

Achten sollten Mieter auf einen ausreichenden Versicherungsschutz. Während manche Hausratversicherungen auch dann gelten, wenn ein Teil des Hausrats für einige Monate ausgelagert wird, ist bei einer kompletten Auslagerung auf jeden Fall eine neue Police abzuschließen. Einige Selfstorage-Unternehmen bieten eine zusätzliche Versicherung an. Auf jeden Fall ist empfehlenswert, rechtzeitig mit seinem Versicherungsberater Kontakt aufzunehmen.

Selfstorage-Center sind im übrigen nicht nur für unter Platzmangel leidende Großstädter attraktiv, sondern auch für Investoren. So finanziert zum Beispiel der Betreiber Pickens seine neuen Projekte über einen geschlossenen Immobilienfonds, wobei er den Anlegern einen jährlichen Wertzuwachs von 14,5 Prozent nach Steuern in Aussicht stellt. Tatsächlich ist die Miete von rund 30 Euro für einen Quadratmeter Lagerfläche an einer Ausfallstraße höher als für einen Quadratmeter Bürofläche am Gendarmenmarkt – wobei, wie Secur-Chef Gadzali betont, das Risiko zu berücksichtigen ist, dass jedes neue Objekt von null auf vermietet werden muss.

Trotzdem wollen die großen Anbieter insbesondere in Berlin weiter expandieren. Vor kurzem hat beispielsweise Lagerbox im umgebauten ehemaligen Hertie- Kaufhaus in der Neuköllner Karl- Marx-Straße eine Filiale eröffnet. „Ganz entscheidend ist der Standort“, sagt Secur-Chef Gadzali. Das bedeutet in erster Linie, dass das Lager mit öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem jedoch mit dem Auto problemlos erreichbar ist.

Nur einer Hoffnung sollte man sich nicht hingeben: Wer glaubt, sich mit dem beheizten, trockenen Lagerraum auch gleich noch eine billige Übernachtungsgelegenheit gesichert zu haben, hat sich getäuscht – das verhindert ein Alarmsystem, das jeden nächtlichen Gast meldet.

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