Smart Cities : Intelligente Städte sind uns noch fern

Die Immobilienleitmesse Expo Real zeigte, dass die digitale Performance der Branche bisher nur im Gebäudesektor läuft.

Rahel Willhardt
Die Zukunft der digitalen Stadt hat in Deutschland noch kein Zuhause gefunden. Andere Länder sind da schon weiter.
Die Zukunft der digitalen Stadt hat in Deutschland noch kein Zuhause gefunden. Andere Länder sind da schon weiter.Foto: Jesussanz/ Fotolia

Drei Tage lang schoben sich Kolonnen von Anzugträgern in dieser Woche auf der Immobilienleitmesse Expo Real in München durch sechs Hallen. Die Stimmung unter den 37.800 Besuchern und 1700 Ausstellern war ungetrübt gut. Denn Deutschlands Immobilien stehen bei in- wie ausländischen Investoren hoch im Kurs. Eben das lässt andere Probleme wie rare Baugrundstücke, sinkende Renditen, leicht steigende Zinsen oder wachsende Bauauflagen handhabbar erscheinen.

Wer in diese Selbstgefälligkeit hinein mit Umbruchphänomenen wie Smart City, Digitalisierung oder Disruptive Innovation konfrontierte, erntete meist eins: Großes Unverständnis! Denn wieso Wagnisse eingehen, wenn sich Geld auch ohne verdienen lässt? Insofern waren zukunftsträchtige Themen eher Randerscheinungen.

Umso überraschender war das „Fitnessprogramm für Digitalisierung“, das Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW, auf der Pressekonferenz „Intelligente Urbanisierung“ ankündigte. Gemeinsam mit dem finnischen Innovationszentrum Espoo und dem Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft will man raus aus der Digitalapathie, denn „Deutschland soll nicht zur Absatzplattform asiatischer Billigprodukte und der Technik von US-Internetgiganten verkommen.“

Klappt alles wie geplant, mausern sich Tablets zu Haushütern. Die optimieren Energieverbräuche besser als durch die Energieeinsparverordnung aufoktroyierte Dämmorgien. Oder sie werten Vitaldaten aus und koordinieren Sturzsensoren, was Älteren das längere Daheimleben ermöglicht. Und all das zum erschwinglichen Preis.

Finnland machte Breitbandanschlüsse zum Grundrecht

Neu sind die Ideen nicht, aber die Ernsthaftigkeit, mit der sie geäußert wurden. Die eigentliche Sensation des Panels war die verklausulierte Aussage, dass der Innovationszug für die deutsche Immobilienwirtschaft – international gemessen – fast schon abgefahren ist. Die andere, dass man mit den Finnen - und namentlich mit Nokias ehemaligem CEO Erkki Ormala - einen Partner wählte, der Digitalisierung aus dem Effeff beherrscht.

Bereits 2010 erhob Finnland Breitbandanschlüsse zum Grundrecht. Und während die Deutschen 2018 auf 50 Mbit Anschlüsse hoffen, wollen die im Norden bis zum Jahresende doppelt so schnelle besitzen.

Data Mining wie in Minority Report? Bei einer Messe in Peking zeigt eine Aussteller eine Plattform, die Daten der intelligenten Stadt bündelt.
Data Mining wie in Minority Report? Bei einer Messe in Peking zeigt eine Aussteller eine Plattform, die Daten der intelligenten...Foto: imago/Xinhua

Dort sind eHealth oder eSecurity keine Fraunhofer-Hirngespinste, sondern gelebte Realität. Und Innovationen gelingen dank flacher Hierarchie und Internationalität schnell. Statt wie aktuell in Deutschland mikroskopisch zu debattieren, welche Baustandards verzichtbar sein könnten, würde man am finnischen Innovationszentrum „Wohnen für 200 Euro im Monat“ entwerfen. Anschließend sucht man geeignete Wege, die Vision umzusetzen. Man könnte auch sagen: Sie denken vom Nutzer aus, wir zu ihm hin.

Beim finnischen Gebäudetechnikspezialisten Caverion im Kompetenzteam Gebäudeautomation nachgefragt, zeichnet sich für die gewerbliche Gebäudeautomation eher eine schrittweise Weiterentwicklung ab. Hier sind maßgeschneiderte Lösungen gefordert. Die werden durch ein wachsendes Angebot an standarisierten Schnittstellen, Plug & Play-Lösungen oder kompatibleren Steuerungen einfacher.

Einschneidend Veränderungen kündigen sich mit dem Internet of Things an – also mehr als nur Regeln und Steuern, hin zu vorausschauender Diagnostik, Fernwartung oder gewerkeübergreifenden Ansätzen. Aber konkreteres will man noch nicht über die Entwicklungspipline reden.

In Bristol löst man Probleme der Stadt mit Big Data

Digitalisierung von Gebäuden ist ein großes Thema, Wege zur intelligenten Stadt ein anderes. Unterschiedlichste Panel diskutierten auf der Expo Real: Wie können Städte qualitativ wachsen? Und wie im weltweiten „Krieg um Talente“ konkurrenzfähig bleiben?

Mögliche Wege dorthin stellten Smart City Konzepte aus Wien, Bristol oder auch Stockholm vor. Deutsche fehlten auf dem Podium. Aber vielleicht nicht mehr lang: „Wir arbeiten an einer Europäischen Version der Smart City“, verwahrt sich Klaus Illigmann, Stadtplanungsleiter in München, gegen chinesische Retortenstädte. Sie reduzierten „smart“ aufs digitale, was zu Kontrollzuständen führt, die an den Zukunftsthriller „Minority Report“ erinnern.

Für München, die Nummer acht der lebenswertesten Städte weltweit, kommt das nicht in Frage. „Lernen von Wien“, heißt es bei den Bayern. Ob Grünflächenerhalt, erneuerbare Energie, Ausbau von Radwegen und Öffentlichem Verkehr, Gesundheitsprävention oder Planungsformen, die Bürger wie Wissenschaft systematisch einbezieht: Überall bekleidet Wien im internationalen Vergleich vordere Ränge.

Woran es den deutschsprachigen Ansätzen mangelt, zeigt Bristol: Ob Verkehrstau, Umweltverschmutzung, Kriminalität oder Altenbetreuung – hier löst man Probleme über Big Data. Und weil sich auf Datenmassen neue Geschäftsmodelle gründen lassen, löst man das Problem zukunftsfähiger Arbeitsplätze gleich mit. „Spätestens in zwei Jahren haben wir ein Lebensumfeld geschaffen, dass Bristol zum weltweiten Vorreiter für die Zukunft der smarten Stadt macht“, stellt Dimitra Simeonidou, High Performance Networks Lab, Bristol University in Aussicht.

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