Immobilien : So eine Schule macht auch ohne Schüler Schule

Früher wurde in dem Gebäude unterrichtet. Jetzt wird umgebaut – fürs Generationenwohnen

Insa Lüdtke

Das Schulgebäude steht in rotem Backstein direkt gegenüber einer Natursteinkirche, schmucke Wohnhäuser säumen beide Seiten der Gundelfinger Straße. Kindergeschrei hört man nicht, nur stetiges Rascheln – der Frühlingswind umspielt das mit Planen bespannte Gerüst. Die Mietergenossenschaft Selbstbau e.G. lässt das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1899 in Karlshorst zu einem generationsübergreifenden, integrativen Wohnhaus umgestalteten. „Sich im Alltag gegenseitig helfen“, so beschreibt Peter Weber das Prinzip der Initiatoren. Weber koordiniert den Bauprozess sowie die Entscheidungsfindung der Bewohnergruppe.

1990 gründeten Bewohner zweier Häuser in der Rykestraße in Prenzlauer Berg die Selbstbau. Gemeinsam sanierten sie ein Blockareal – und mit der Zeit wurden aus einigen Mietern auch Freunde. Auch deshalb beschloss man, die Genossenschaft zu erweitern, um ähnlichen Hausprojekten eine Plattform zu geben. Im Vordergrund sollen dabei preisgünstiges Wohnen für sozial Schwächere stehen, auch die gemeinsame, selbstbestimmte Gestaltung sowie die Unterstützung von kulturellen, sozialen oder handwerklichen Projekten. Im Fall eines Mieterwechsels sucht die Genossenschaft nach Nachmietern. Beim Generationenprojekt sichert sie zudem den für die Förderung gebundenden Belegungsmix: Ein Drittel der Bewohner müssen Menschen mit Behinderungen, ältere oder pflegebedürftige Bewohner sein. Den Einsatz von Eigenkapital konnte die Genossenschaft mindern, da sie das Grundstück nicht erwerben musste. Die Stiftung Trias überlässt es der Mietergenossenschaft in Erbpacht.

Ab 2008 soll das vom Senat zu einem Drittel der Umbaukosten geförderte Modellprojekt in Karlshorst dann für ganz Berlin Schule machen: Junge Familien leben gemeinsam mit Alleinstehenden, behinderten Menschen, älteren Menschen in dem fünfgeschossigen Bau. „Es ist wohl die erste Schule für Menschen im Alter von null bis 99 Jahre“, freut sich Architekt Ralf Weißheimer. Die Altersspanne reicht derzeit tatsächlich schon von null bis Ende siebzig. In einem Geschoss werden sogar drei Generationen zusammen bzw. in zwei separaten Wohnungen nebeneinander leben.

Die Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen werden zwischen 55 und 140 Quadratmeter groß sein.16 der 21 Einheiten werden barrierearm, fünf sogar rollstuhlgerecht ausgestattet. Grundsätzlich „soll der Charme des alten Schulgebäudes auch nach der Sanierung spürbar bleiben“, sagt Architekt Christian Thommes. Die Planer vom Berliner Büro „Institut Feiner Dinge“ setzen die neuen Küchen und Bäder wie Boxen in den Bestand ein. So bleibt der Charakter der knapp vier Meter hohen ehemaligen Klassenräume mit den großen Fenstern erhalten. Der neue Aufzug im alten Treppenhaus wird für eine schwellenlose Verbindung zwischen den Etagen sorgen. Die Wohnungen nach Osten erhalten einen Balkon mit Blick in den Garten mit altem Baumbestand. Das ehemalige Aborthaus wird zum Gemeinschaftshaus und bietet Platz für Feiern und gemeinschaftliche Aktivitäten der Bewohner. Im alten Schuppen werden eine neue Pelletheizanlage sowie Abstellräume Platz finden.

Der ersten Probe einer funktionierenden Hausgemeinschaft haben sich die künftigen Bewohner bereits im Herbst mit der Ausrichtung des Richtfestes erfolgreich gestellt. In der ehemaligen Turnhalle feierten Bauarbeiter, Planer und künftige Bewohner wie auch Nachbarn gemeinsam. Bei diesem Projekt müssen die Bewohner zwar nicht (wie sonst bei der Mietergenossenschaft Selbstbau) Hand anlegen, statt dessen fanden sich aber kleine Arbeitsgruppen wie etwa die Gruppe „Öffentlichkeitsarbeit“ zusammen – schießlich soll das Projekt ins Quartier ausstrahlen.

Auch im Haus selbst steht Integration hoch im Kurs, wie eine 35-jährige Alleinerziehende sagt: So erhofft sich die künftige Bewohnerin und alleinerziehende Mutter für sich und ihren fünfjährigen Sohn eine Erweiterung der sozialen Kompetenzen: „Wo kann man schließlich so selbstverständlich mit alten Menschen und Menschen mit Behinderungen in gegenseitiger Nachbarschaft leben?“ Der Alltag werde natürlich zeigen, wie tragfähig das Konzept tatsächlich sei.

Wie die Gruppe mit den bevorstehenden Herausforderungen umgeht, soll die wissenschaftliche Begleitung des Projekts durch die Katholische Hochschule für Sozialwesen dokumentieren. Die Ergebnisse dieser Studie sollen zukünftigen Projekten bei der Umsetzung ihrer Ideen zum Generationswohnen helfen.

Trotz bisheriger positiver Erfahrungen ist „solch ein Projekt sicherlich nicht für jeden geeignet“, sagt Peter Weber, der sich als Moderator versteht. Erste Konflikte regten sich etwa, als sich der Verein Kinderhaus Berlin - Mark Brandenburg e.V. für die separate Wohnung im ersten Obergeschoss interessierte. Weber gelang es, aus Bedenkenträgern Befürworter zu machen – entscheidend dafür war die Besichtigung eines bereits bestehenden Kinderhauses. Sein Fazit: „Sich zwischen mehreren Generationen zu arrangieren, scheint entspannter möglich zu sein als unter Gleichaltrigen.“

www.generationenwohnen.de

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