Immobilien : Sparsam gebaut – und ganz schön verdreht

In Frohnau irritieren sechs Häuser die Passanten, deren Form sich nur schwer beschreiben lässt. Spannende Architektur trifft auf clevere Detaillösungen - und geringe Baukosten.

Kerstin Heidecke

Der Betrachter ist ratlos. Wie soll man diese Häuser beschreiben? Ein abgerundetes Dach mit zwei diagonal liegenden Spitzen? Oder mit zwei Kissenzipfeln als krönendem Abschluss? Und wie erklärt man die zur Straße geschlossene, oben abgerundete Giebelwand, die mit ihren grau, mint und grün schimmernden Aluminiumplatten zum Hingucker wird?

Wer an klassische Einfamilienhäuser mit herkömmlichen geometrischen Formen gewöhnt ist, scheitert an den Frohnauer Giebelhäusern in der Gollanczstraße schnell. Hier haben sich die Architekten Gudrun Sack und Walter Nägeli etwas Spezielles einfallen lassen. Denn spannende Architektur muss nicht finanziell potenten Banken, Regierungs- oder Industriebauten vorbehalten bleiben, finden die beiden. Das Berliner Architektenteam wollte auch Häuslebauern etwas bieten und die ortsüblichen Giebelhäuser modern interpretieren. Herausgekommen ist ein Haustyp, an dem sich die Geister scheiden: Geschmackssache.

Gudrun Sack muss lachen: "Wie Auberginen im Wind sähen unsere Einfamilienhäuser aus, sagte ein Kunde." Damit können die renommierten Bau-Tüftler gut leben. Denn was für das ungeübte Auge etwas chaotisch wirkt, ist gut durchdacht und keineswegs frei erfunden. Kostengünstig gebaut und energiesparend dazu.

Was kompliziert aussieht, wird einfach gemacht. Konoid – so heißt die ungewöhnliche Dachform, bei der versetzt zueinander gestellte Viertelkreise diagonal mit Holzbalken verbunden werden. Die geschlossene Giebelwand zu Straße oder Nachbargrundstück bringt gleich mehrfach Gewinn: Kein Passant kann den Bewohnern auf den Teller schauen. Die teils auf der Grundstücksgrenze platzierten Häuser schaffen größere Gartenflächen. Und die geschlossene Giebelwand spart Platz, der sonst für den vorgeschriebenen Brandschutzabstand zum Nachbarn draufgegangen wäre.

Die dicht in Reihe gebauten Dreigeschosser werfen kaum Schatten auf das Nachbargrundstück. Lichthäuser werden sie deshalb auch bei den Architekten genannt. Dabei – von außen betrachtet – wirken die Fenster nicht gerade riesig. Der geschickte Schachzug erklärt sich erst aus der Innensicht: Die Fenster sind über Eck angeordnet – fast jeder Winkel in den Zimmern wirkt licht und hell. Gudrun Sack geht es aber auch um die räumliche Wahrnehmung: „So hat man auch im Innenraum ein Gefühl für draußen.“

Sechs Giebelhäuser haben die Nägeli-Architekten – die in Berlin schon mit Objekten wie der Füllung einer Minibaulücke in der Lychener Straße im Prenzlauer Berg Furore machten – geplant. Verkauft haben sie erst drei. Einfach war das im konservativen Frohnau nicht. Dabei sind die Häuser mit reinen Baukosten von etwa 1 000 Euro je Quadratmeter Wohnfläche sogar überdurchschnittlich günstig.

Auch die Betriebskosten werden sich in Grenzen halten, handelt es sich doch um Niedrigenergiehäuser, die mit Erdwärme versorgt werden. Dafür werden je zwei Tiefenbohrungen von etwa 80 Metern vorgenommen. Durch je vier Rohre wird eine Art Frostschutzmittel ins Erdreich gepumpt. Dort nimmt es die Erdwärme auf und gelangt mit einer Temperatur von etwa 10 Grad Celsius ins Haus. Eine Wärmepumpe verdichtet die Umweltwärme auf bis zu 60 Grad. Klingt aufwändig, lohnt sich aber: Zwei Drittel der Heiz- und Warmwasserkosten können so eingespart werden.

Mit Wohnflächen von 130 bis 160 Quadratmetern sind die Giebelhäuser perfekt für junge Familien. Und die haben dann auch zugeschlagen. So wie Familie Cheung, die vor wenigen Wochen hier eingezogen ist. Jennifer Cheung lobt die ökonomische Aufteilung des Hauses. "Auf einer kleinen Grundfläche haben wir eine große Küche mit Esszimmer, Wohnbereich, ein großes Bad nebst Gäste-WC und Kinder-Bad sowie genügend Platz für unsere drei Kinder. Dazu den rund 500 Quadratmeter großen Garten und eine Terrasse." Im Familien- und Freundeskreis schieden sich an der Optik des Hauses die Geister. Doch damit können die Cheungs gut leben.

Auch die Architekten wundert die Berliner Zaghaftigkeit in Sachen Einfamilienhaus-Architektur. In Zürich oder Wien sei man im Siedlungsbau mutiger, sagt Gudrun Sack: "Wir sehen uns eigentlich nicht als schräge Vögel. Aber eine Stadt braucht Ideen und Bauherren, die Lust auf Neues haben."

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