Immobilien : Stadt der Baumaschinen

Potsdam wächst und wächst. Obwohl Wohnraum knapp ist, verkaufen sich gehobene Eigentumswohnungen nicht wie von selbst.

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Nah am Wasser gebaut. In der Speicherstadt, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs, baut die Groth Gruppe 210 Eigentums- und 50 Mietwohnungen. Foto: Promo Groth Gruppe
Nah am Wasser gebaut. In der Speicherstadt, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs, baut die Groth Gruppe 210 Eigentums- und 50...

In Berlin denkt man ja oft, man sei der Nabel der Welt. Dabei würde es sich lohnen, gelegentlich über den eigenen Tellerrand zu gucken – zum Beispiel nach Potsdam. Dort packen die Verantwortlichen nämlich Vorhaben, über welche die Hauptstädter fleißig debattieren, einfach an. Zum Beispiel das Thema Wohnungsbau: Bis 2019 will die Stadt jährlich tausend neue Wohnungen errichtet sehen, wobei allein die kommunale Wohnungsholding Pro Potsdam im Gesamtzeitraum tausend Wohneinheiten errichten wird.

Nötig sind die Baumaßnahmen, weil Potsdam stark wächst. Mitte dieses Jahres wohnten 158 000 Menschen in der brandenburgischen Landeshauptstadt, 2000 mehr als ein Jahr zuvor. Innerhalb der letzten sechs Jahre ist die Einwohnerzahl damit um gut sieben Prozent gestiegen. Und diese Entwicklung dürfte weitergehen. Den Grund dafür benennt Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der Pro Potsdam, kurz und bündig: „Potsdam weist eben eine sehr hohe Lebensqualität auf.“

Die Kehrseite der Medaille: Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist jetzt schon angespannt. Bei der Pro Potsdam beträgt der Leerstand im vermietbaren Bestand 0,4 Prozent. Und der kürzlich veröffentlichte neue Mietspiegel weist für die letzten zwei Jahre eine Steigerung der Durchschnittsmiete um fast acht Prozent auf 5,74 Euro pro Quadratmeter aus. Damit liegt der Wert deutlich über dem Durchschnitt des Berliner Mietspiegels (5,21 Euro).

Wesentlich teurer sind die neuen Wohnungen. Westphal beziffert die Durchschnittsmiete in Neubauten der Pro Potsdam auf rund neun Euro. Zu den 224 Wohnungen, die das kommunale Unternehmen in diesem Jahr errichtet, gehören neben ganz normalen Einheiten – beispielsweise in der Wollestraße am Schlosspark Babelsberg – auch ungewöhnliche Projekte. Im Bornstedter Feld etwa errichtet das kommunale Unternehmen ein Passivhaus, und gleich daneben baut es für den Verein Konvoi ein Mehrgenerationenhaus. „Das ist für uns ein Pilotprojekt, um Erfahrungen zu sammeln“, sagt Westphal.

Doch auch im Bestand verfolgt die Stadt Potsdam innovative Ansätze. So haben Stadt und Pro Potsdam ein neues Modell der sozialen Wohnraumförderung entwickelt (sieht dazu das Interview mit Matthias Klipp). Zudem gibt es einen Familienbonus: Mieter der Pro Potsdam erhalten zwei Jahre lang für jedes Kind einen monatlichen Mietnachlass von 50 Euro. Und weil viele Menschen in einer eigentlich zu großen Wohnung bleiben, weil eine kleinere Alternative teurer wäre, hat sich das Unternehmen den Wohnflächenbonus einfallen lassen: Kleinere Wohnungen werden an Bestandsmieter zehn Prozent günstiger vermietet, als der Mietspiegel angibt. „Die billigste Wohnung ist die, die gar nicht gebaut werden muss“, sagt Westphal.

Mit dieser Maxime ließen sich für Bauträger allerdings keine Geschäfte machen. Dabei haben auch sie längst die Attraktivität Potsdams entdeckt. Die Preise halten dabei mit Berlin mit: „In der Innenstadt sind heute Preise von bis zu 4000 Euro pro Quadratmeter zu erzielen, in der Berliner Vorstadt von bis zu 4500 Euro“, sagt Dirk Kröger, Vertriebsleiter des Unternehmens Thamm & Partner, das gerade das Projekt Leibl 22 fertig stellt. Während die 19 Wohneinheiten im Leibl 22 fast alle verkauft sind, tun sich manche Bauträger mit der Vermarktung schwer. „Die Interessenten sind deutlich anspruchsvoller als in Berlin“, stellt Thomas Hölzel, Chef der Artprojekt-Gruppe, fest. Hohe Preise, bestätigt Dirk Kröger von Thamm & Partner, würden nur dann akzeptiert, wenn die Lage erstklassig sei und die Wohnung und die Dienstleistungen höchsten Ansprüchen genügten.

Dass sich Eigentumswohnungen in Potsdam nicht wie von selbst verkaufen, müssen selbst namhafte Projektentwickler erfahren. Die Bayerische Hausbau zum Beispiel konzipiert ihr Neubauprojekt in der begehrten Berliner Vorstadt derzeit um, weil die vorgesehenen großen Wohnungen bei den Interessenten nicht gut ankamen. Andere Entwickler haben zwar mit den Bauarbeiten begonnen, haben aber noch viele Wohnungen im Angebot. So hat Kondor Wessels von den 20 Wohnungen in seinem im Bau befindlichen Wohnhaus in der Nansenstraße 3 erst deren drei verkauft.

Ein zweiter Entwicklungsschwerpunkt liegt rund um den Alten Markt, wo derzeit der neue Landtag entsteht. Gleich daneben, an der Alten Fahrt, vergab die Stadt mehrere Grundstücke an Investoren. Im Palais Barberini – Kernstück der Neubebauung – entsteht anders als zunächst geplant kein Hotel: Am Mittwoch erteilten die Stadtverordneten dem Berliner Unternehmer Abris Lelbach den Zuschlag, der darin ein Restaurant, Ateliers und Wohnungen schaffen will. Ungewöhnlich ist auch das Projekt der Bürgerstadt AG: Sie vermarktet Wohnungen in einem Musikerhaus, das sich an professionelle Musiker richtet – ein ähnliches Vorhaben realisierte das Unternehmen bereits am Berliner Spittelmarkt.

Im Frühjahr 2013 will zudem die Artprojekt-Gruppe mit den Arbeiten an den Nikolai Gärten – 14 Townhouses und 36 Eigentumswohnungen mitten in der Innenstadt – beginnen. Wohnungen sind auch auf dem Areal des ehemaligen Langen Stalls geplant; der Architektenwettbewerb wurde vor wenigen Tagen entschieden. Und Hochtief Solutions hofft, im ersten Halbjahr 2013 die Baumaschinen für das Projekt Charlotte & Luise in der Berliner Vorstadt – 89 Eigentumswohnungen für durchschnittlich 3.530 Euro pro Quadratmeter – auffahren lassen zu können.

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