Stadtentwicklung in Berlin und Brandenburg : Zwanzig Jahre vertane Chancen bei der Siedlungsplanung

Kluge Wohnkonzepte können Berlin und Brandenburg nur gemeinsam gelingen. Konkrete Vorschläge lieferte bereits der Berliner Flächennutzungsplan von 1994.

Franziska Springer Ulrich Springer
Wohnraum wird knapp. In den vergangenen fünf Jahren wuchs Berlin um eine Viertelmillion Einwohner.
Wohnraum wird knapp. In den vergangenen fünf Jahren wuchs Berlin um eine Viertelmillion Einwohner.Foto: imago/blickwinkel

Berlins Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum trifft auf eine äußerst angespannte Lage bei der Wohnraumversorgung. Am Stadtrand und im Speckgürtel sind vorhandene Freiflächen ebenso rar wie begehrt, vor allem mit günstiger Verkehrsanbindung. Stadt und Umland wachsen zu einem einheitlichen Wohnungsmarkt zusammen. Beide Teilräume schieben sich durch Siedlungszunahme ineinander. Die Verkehrsbelastung und die Zahl der Arbeits-, Einkaufs- und Freizeitpendler nehmen unablässig zu. Ein hohes wirtschaftliches Gefälle bei offenen Grenzen führt zu starken Wanderungsströmen. All dies macht eine Steuerung – eine gemeinsame Planung von Berlin und Brandenburg – unumgänglich. Andernfalls drohen Fehlentwicklungen, der unnütze Verbrauch natürlicher und finanzieller Ressourcen sowie eine Beeinträchtigung der langfristigen Lebens- und Standortqualität in beiden Ländern.

Was sich wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung liest, ist bereits mehr als zwei Jahrzehnte alt und findet sich in den Erläuterungen zum Berliner Flächennutzungsplan von 1994. Dessen Autoren rechneten damals für das Jahr 2010 mit 3,7 Millionen Einwohnern. So viele sind es jetzt. Auch vieles andere in diesem Plan war weitsichtig, durchdacht und mit konkreten Vorschlägen unterlegt. Darunter der Ausbau der S-Bahn zu den Siedlungsschwerpunkten im Speckgürtel sowie die Einrichtung schneller Regionalbahnverbindungen. Das Straßennetz zwischen Berlin und den regionalen Siedlungs- und Gewerbezentren im Metropolraum sollte sinnvoll ergänzt, Menschen und Arbeit, Verbraucher und Waren effizient zusammengeführt werden.

Nur das Verzahnen von Verkehrs- und Siedlungsplanung könne ein steigendes Verkehrsaufkommen bremsen, hieß es seinerzeit. Eine entscheidende Rolle komme dabei dem Wohnungsbau zu. Ratsam sei – neben der integrierten Raum- und Regionalplanung – eine gemeinsame Wohnungsbauförderung beider Länder, um die gewünschten Lenkungswirkungen zu erzielen. Unabhängig von der Länderfusion müssten Berlin und Brandenburg eine gemeinsame Landesentwicklungsplanung aufsetzen.

Der alte Plan zeigt schonungslos 20 Jahre vertane Chancen

Als Vermächtnis dieses reifen Planungsdokuments ist nur der letzte Punkt geblieben. Die meisten Wünsche, Empfehlungen und Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die Politik hat eifersüchtig über die Planungshoheit für das eigene Land gewacht und Konkretes tunlichst vermieden. Allgemeine, wolkige, unverbindliche Leitlinien prägen die Kooperation – bis heute.

Vieles ist seit 1994 passiert, was die Planer von einst nicht voraussahen: Das Platzen der Immobilienblase, genannt Aufbau-Ost. Die scharfe Rezession der Nachwendezeit, die Euphorie in Depression umschlagen ließ. Ein tiefgreifender Strukturwandel in Brandenburg bei riesigen Transferleistungen von West nach Ost und großen Wanderungsbewegungen von Ost nach West. Und nicht zuletzt die schwierige Neugründung Berlins, das sich aus drei Teilen zusammenfinden und -fügen musste: Osten, Westen, Hauptstadt.

Der alte Plan zeigt jedoch schonungslos 20 Jahre vertane Chancen. Einer vertrauensvollen und pragmatischen Zusammenarbeit beider Länder hat das Scheitern der Länderfusion nachhaltig geschadet. Zwar wurden danach noch ein paar Institutionen und Behörden zusammengelegt, doch in zentralen Bereichen kam es zu Rückschritten und Stillstand. Bei der Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik gibt es bis in die Gegenwart eine bestenfalls lauwarme Kooperation in länderübergreifenden Technologieclustern. Tatsächlich tut jede Regierung, was sie für geboten oder opportun hält.

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