Studentenbleibe : Container, Küche, Bad

Wohnraum für Studenten bleibt knapp. In ihrer Not ziehen einige in Turnhallen, Altenheime und andere kuriose Unterkünfte.

Jonas-Erik Schmidt, Nico Pointner, Steffen Trumpf
Studenten wird es zu bunt. Wer kein Wohnheim findet, muss auf dem freien Markt mit hunderten anderer Bewerber um eine überteuerte Bleibe buhlen. Foto: W. Dufner/PantherMedia
Studenten wird es zu bunt. Wer kein Wohnheim findet, muss auf dem freien Markt mit hunderten anderer Bewerber um eine überteuerte...Foto: W. Dufner/PantherMedia

Auf laute WG-Feten verzichtet Abusar Ahmadi gerne. Während seine Kommilitonen in ihren Studentenbuden feiern, lebt der Medizinstudent aus Hannover in eher ruhiger Umgebung. „Meine Nachbarn sind höflich, machen keinen Lärm und liegen auch nicht besoffen vor der Tür“, sagt Ahmadi. Nur manchmal drehen sie den Fernseher lauter. „Weil sie nicht mehr so gut hören.“ Der 27-Jährige wohnt in einem Altenheim, zusammen mit hunderten Senioren.

Abusar Ahmadi ist dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge und des Wegfalls von Zivil- und Wehrdienst strömen Erstsemester an die Unis wie nie zuvor. In Deutschland studieren derzeit gut 2,5 Millionen Menschen – öffentlich geförderte Wohnheimplätze gibt es aber nur etwa 230 000. Bundesweit sind das nach Angaben des Deutschen Studentenwerks (DSW) mindestens 25 000 Plätze zu wenig. Insgesamt gebe es Bedarf von rund 70 000 Wohnungen für Studenten, vermutet DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde.

Ein Grund für den Wohnungsmangel: Während die Zahl der Studenten seit 1999 von 1,7 auf 2,5 Millionen anstieg, hat sich der Platz in den Wohnheimen nicht sonderlich erhöht. „Bund und Länder müssen ein gemeinsames Förderprogramm auflegen“, fordert deshalb Meyer auf der Heyde. Ein Runder Tisch bei Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) vereinbarte Anfang Juni zwar weitere Initiativen zwischen Immobilienwirtschaft, Investoren und Studentenwerken. Kurzfristige Lösungen sind jedoch nicht in Sicht. Auch in Abusar Ahmadis Stadt ist bezahlbarer Wohnraum Mangelware. Rund 38 000 Studenten stehen in Hannover genau 2318 Wohnheimplätze zur Verfügung. „Die Wartezeit kann bis zu einem Jahr betragen“, sagt Ingrid Kielhorn, beim Studentenwerk für die Abteilung Wohnen zuständig.

Eine Handvoll Studenten hat nun eine außergewöhnliche Bleibe gefunden. Im Altenheim Eilenriedestift wohnen 16 angehende Akademiker Tür an Tür mit Senioren. Ahmadi ist einer von ihnen, seit zwei Semestern lebt er dort auf 28 Quadratmetern. „Ich war total überrascht, dass hier Studenten wohnen können“, erzählt er. „Und ich danke Gott, dass es geklappt hat.“ Stiftsdirektorin Susanne Hartsuiker berichtet, dass die Apartments vor zwei Jahren schnell vergriffen waren. Bad, Balkon, eine kleine Kochnische: Nur 250 Euro zahlt Ahmadi für sein Zimmer.

„Das ist nicht mit einem Wohnheim zu vergleichen. Keine Toilette auf dem Gang, keine Küche, wo jeder seinen Dreck lässt“, findet der Medizinstudent. Regeln gibt es kaum. Nur während der Mittagsruhe müssen die jüngeren auf die älteren Semester Rücksicht nehmen. Als Gegenleistung für den günstigen Wohnraum helfen sie den Senioren im Alltag, lesen aus der Zeitung vor, machen Spaziergänge, erledigen Einkäufe. Ahmadi übersetzt den Bewohnern Arztbriefe und hilft ihnen bei medizinischen Fachbegriffen.

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