Immobilien : Symbol des Frühlings

Osterglocken werden auch als unechte Narzissen bezeichnet, weil früher nur die Dichternarzisse bekannt war

Gert D. Wolff

Ihr Anblick stimmt heiter und vermag die Erinnerung an trübe Wintertage zu vertreiben: Goldgelbe Trompetennarzissen, die beliebten Osterglocken, bevölkern jetzt wieder Parkwiesen, Gärten, Balkonkästen, Schalen und Blumenvasen. Mit dem freundlichen Gelb ihrer Blüten scheinen sie wie dafür geschaffen, unser Gemüt zu erfreuen und uns auf den Frühling und das Osterfest einzustimmen. Narzissen als Zier- und Schnittblumen gibt es heute in vielen tausend Variationen. Bei aller Vielfalt an Formen und Farben dieser schönen Zwiebelgewächse werden die meist im März und April blühenden Trompetennarzissen mit der charakteristischen röhrenförmigen Nebenkrone inmitten der sechs Blütenblätter immer noch am häufigsten gekauft.

Narcissus pseudonarcissus (unechte Narzisse), so der botanische Name der wilden Stammform, ist vorwiegend im südlichen und westlichen Europa verbreitet. Sie liebt Feuchtwiesen, kalkarme Bergwiesen und lichte Mischwälder und kommt bei uns als geschützte Pflanze unter anderem noch in der Eifel wild vor.

„Unecht“ heißt sie, weil von den Autoren des klassischen Altertums stets nur die damals bekannte stark duftende weiße Dichternarzisse (Narcissus poeticus) erwähnt wurde, die bei uns für gewöhnlich erst im Mai / Juni blüht. Um sie rankten sich schon früh Mythen und Sagen.

Selbstverliebter Narziss

So wird ihr Name gerne auf den schönen griechischen Jüngling Narkissos (Narziss) zurückgeführt. Er soll die Liebe der nach ihm schmachtenden Nymphe Echo verschmäht und dadurch die Götter verärgert haben. Die straften ihn mit unstillbarer Eigenliebe. Der Anblick seines eigenen schönen Spiegelbildes auf dem Wasser eines Teiches lockte ihn daraufhin so unheilvoll, dass er sich vor lauter brennender Selbstverliebtheit hineinstürzte und ertrank. Immerhin verwandelten die gnädigen Götter ihn dabei in eine schöne Blume, die Narzisse, die heute noch seinen Namen trägt. Und auch die Bezeichnung für krankhafte Eitelkeit – Narzissmus – spielt auf diese Geschichte an.

Eine andere Version besagt, dass unser vom lateinischen narcissus entlehnter Name der Blume vom griechischen nárkissos übernommen wurde, der seinerseits auf nárkê (Krampf, Lähmung, Erstarrung) zurückgehen soll. Mit dem starken Duft, den die Dichternarzisse im Gegensatz zu ihrer gelben Schwester verbreitet, sollen nach der griechischen Mythologie schon die Furien, die griechischen Rachegöttinnen, ihre Opfer wehrlos gemacht haben. Die lähmende Wirkung verschiedener Inhaltsstoffe dieser Amaryllisgewächse – vorwiegend in der Zwiebel enthalten – nutzten Heilkundige des Mittelalters zum Narkotisieren vor Operationen. Der Volksmedizin lieferte die Pflanze, die bereits seit dem 16. Jahrhundert kultiviert wurde, Mittel zur Behandlung von Hautflechten, Beulen und Geschwüren und diente auch als Brechmittel. Vergiftungen durch die in der Narzissenzwiebel und den anderen Pflanzenteilen enthaltenen Alkaloide können Lähmungen auslösen und zum Kollaps führen.

Auch in der Vase zeigt sich die Schöne recht aggressiv und duldet keine anderen Blumen neben sich. Der Saft aus den Stängeln würde ihnen schnell den Garaus machen. Gärtner und Floristen können ein Lied davon singen: Beim häufigen Hantieren mit den Zwiebelgewächsen kommt es manchmal zu unangenehmen Hautentzündungen, der so genannten Narzissen-Dermatitis.

Ungeachtet dessen haben Narzissenzüchter und -liebhaber, die es vor allem in England und den Niederlanden sehr zahlreich gibt, in der Neuzeit unzählige Zuchtsorten der beliebten Frühlingsblüher in vielfältigen Formen und Farben kultiviert. Und jedes Jahr kommen weitere Neuzüchtungen auf den Markt. Im mittlerweile riesigen Sortiment finden sich die unterschiedlichsten Variationen der klassischen gelben Osterglocke, der eleganten, duftenden Dichternarzisse und anderer der rund 25 bekannten Arten. Reizvoll sind auch die kleinen gelben Wildnarzissen mit Mini-Trompete, die im Topf angeboten werden.

Nahrung für die Seele

Narzissen wurden zu allen Zeiten als Symbol des Frühlings und der wieder erwachenden Natur nach dunklem, lebensfeindlichen Winter angesehen. Weil sie sich den Sommer über scheinbar zurückziehen und erst im Frühjahr wieder zu neuer Lebenskraft und Schönheit erwachen, hat man sie mit Schlaf, Tod und Auferstehung in Verbindung gebracht. So sind diese Frühlingsblumen in der arabischen Welt häufig auf Grabsteinen als Symbol der Hoffnung auf Wiedergeburt dargestellt. Hatte doch schon Mohammed festgestellt: „Wenn du zwei Brote hast, so verkaufe eines davon und kaufe dir dafür Narzissen, denn das Brot nährt den Körper, die Narzissen aber nähren deine Seele“. In China, wo die Narzisse einst wahrscheinlich durch arabische Händler eingeführt wurde, heißt sie „Wasser-Fee“. Sie gilt als besonderes Glückssymbol zum chinesischen Neujahrsfest und dient als Orakelblume.

Wie die Lilie und das Maiglöckchen wird die Narzisse in der christlichen Kunst des Mittelalters symbolisch als Paradies- und Marienpflanze dargestellt. Weil sie in der Osterzeit aus dunkler Erde zum Licht und zu strahlender Schönheit emporsteigt, ist sie auch ein Symbol der Auferstehung Christi und ein Hinweis auf seinen Sieg über Tod und Finsternis. Der evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt, 1657 bis 1666 Pfarrer an der Nikolaikirche in Berlin, besingt die Schönheit der traditionsreichen Blume in seinem 1656 entstandenen Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. In der zweiten Strophe heißt es: „Narzissus und die Tulipan, / die ziehen sich viel schöner an / als Salomonis Seide."

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