Grandios wölbte sich die Kuppel über der Passage

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Tacheles : Alternative zur Alternativszene
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Die fünfstöckige Passage mit einem der beiden großen Torbögen und der Freitreppe zum Vestibül.
Die fünfstöckige Passage mit einem der beiden großen Torbögen und der Freitreppe zum Vestibül.Foto: Ullstein Bild

Ähnlich war es früher, als die Friedrichstraßenpassage noch in voller Schönheit prangte. Man betrat sie durch zwei gleichartige hohe Korbtorbögen entweder von der Friedrichstraße oder von der Oranienburger Straße aus. 14 weitere Zugänge aus sieben kleinen Innenhöfen gab es, die bis auf zwei mit dem Auto befahrbar waren.

Die Kuppel in der Mitte der Passage war die erste Stahlbetonkonstruktion jener Zeit in Europa. So etwas gab es damals nur in den Vereinigten Staaten von Amerika: 27 Meter breit und 34 Meter hoch wölbte sie sich über der Passage. Wenn man heute von Konsumtempeln spricht, so wurde damals dafür der Grundstein gelegt.

In nur 15 Monaten entstand das Gebäude zwischen 1907 bis 1908 unter der Leitung des kaiserlichen Baurates Franz Ahrens. 1909 wurde das Kaufhaus eröffnet. Es beherbergte nach der Kaiserpassage Unter den Linden die zweitgrößte Einkaufspassage der Stadt.

Der Saal zum Verkauf von Teppichen war einer Moschee nachempfunden

Über den Torbögen lagen zweigeschossige Säle für Sonderausstellungen. Der Saal über dem Eingang Oranienburger Straße diente dem Verkauf von Teppichen und war einer Moschee nachempfunden. Dieser Torbogen ist heute noch erhalten. Der Saal über dem Eingang Friedrichstraße wurde für Konzerte genutzt. Dieser Teil des Gebäudekomplexes wurde 1982 zusammen mit der Kuppel gesprengt.

Insgesamt hatte die Passage fünf Stockwerke. 49 Schaufenster verteilten sich über eine Gesamtlänge von 153 Metern. Im zweiten Stock war die Passage von drei Brücken überspannt, von denen eine der Rialto-Brücke in Venedig nachempfunden war. Im Erdgeschoss konnte man über eine Treppe direkt in den U-Bahnhof Oranienburger Tor gelangen. Und über eine Freitreppe im Kuppelraum gelangte man in ein mit Travertin ausgestaltetes Vestibül, hinter dem drei weitere Säle lagen.

Neu war damals das Shop-in-Shop-Prinzip: Die Passage war eine Gemeinschaft kleiner Läden mit einer Sammelkasse im Erdgeschoss. Die Geschichte des Standorts ist eine Geschichte der Pleiten: Schon das erste Kaufhausprojekt musste bald nach der Eröffnung wieder schließen. Nachfolger Wertheim konnte sich nur bis 1914 halten. Schließlich nutzte die AEG das Gebäude als Haus der Technik.

Die Jagdfeld-Gruppe kam nicht zum Zuge

Auch in jüngerer Vergangenheit hatten Investoren wenig Glück mit dem Gelände. Bevor die jetzigen Eigentümer um die internationale Fondsgesellschaft Perella Weinberg vor gut einem Jahr das Grundstück inklusive der Tacheles- Ruine und zweier Häuser an der Friedrichstraße erwarben, hatte sich die Jagdfeld-Gruppe vergeblich um eine Bebauung der citynahen Brache bemüht.

Ein bereits seit 2000 vorliegender Masterplan im Stile des „New Urbanism“ verstaubte in der Schublade. Auch einem alternativen Kulturkonzept war am Ende kein Erfolg beschieden.

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