Immobilien : Teures Vergnügen

Der Rekordsommer bringt Bewegung auf dem Immobilienmarkt: Die Nachfrage nach Ferienhäusern und Datschen im Berliner Umland wächst. Die Preise sind noch stabil - selbst dann, wenn ein Bootssteg oder ein Badestrand in der Nähe sind.

Rita Gudermann

„Das ist unsere Badewanne“, sagt Jörn Jaschke und meint den See, der an sein Wochenendgrundstück am Rande der Schorfheide anschließt. Ein Schlauchboot gibt es natürlich auch an diesem 50 mal 200 Meter kleinen See, einer ehemaligen Tongrube der Zehdenicker Ziegeleien. Mit seiner Frau und den beiden Enkelkindern ist Jaschke so oft es geht draußen in seiner Datsche.

Ein Zweitwohnsitz mit Wasserblick steht bei den Berlinern hoch im Kurs. „Die Berliner lieben das Wasser, und es gibt auch genug davon rund um Berlin“, sagt Sabine Richter vom Maklerunternehmen Engel&Völkers. „Doch ein Haus am Wasser ist innerhalb der Stadtgrenzen kaum zu bezahlen.“ Viele Berliner zögen daraus die Konsequenz: Der Markt für Ferienwohnungen und -appartements in südlichen Ländern boome. Über die Entwicklung der Preise von Freizeitimmobilien hierzulande streiten die Geister. Hans Peter Plettner, Chef der Deutschen Grundstücksauktionen verzeichnete bei den letzten Versteigerungen eine wachsende Nachfrage nach Ferienimmobilien an der Ostsee und in Wasserlagen rund um Berlin. Deshalb hätte sein Haus für solche Immobilien mehr erlöst als in den Jahren zuvor.

Ein allgemeiner Trend ist das laut Ulrich Springer, vereidigter Gutachter für Grundstückswerte, nicht. Er sagt: „Es gibt mehr Wassergrundstücke als Nachfrage, und daher geben die Preise nach“. Der Grund: Immer mehr Menschen ziehen aus den schönen, aber strukturschwachen Gebieten Brandenburgs weg. Ausnahme von der Regel: Ganz dicht an Berlin grenzende Lagen mit guter Versorgung sowie Immobilien an der Ostsee mit Meeresblick. Im Grunde, sagt Springer, will der Berliner die Quadratur des Kreises: „Er sucht die einzigartige Immobilie: vorne die Linden und hinten die Ostsee.“

Bescheidener ist da Jörn Jaschke, obwohl auch er ein echter Berliner ist. Auf der Suche nach dem eigenen Fleckchen Grün in Berliner Laubenkolonien, hat er ein Wassergrundstück in Zehdenick gefunden. Denn die Zweifel an der Schrebergartenidylle überwogen: „Mensch, hier so mittendrin?“ Mit „halbem Ernst“ studierten Jaschke und seine Frau die Zeitungsannoncen und stießen auf diese Anzeige: „1600 Quadratmeter Grundstück im Wald am See zu verkaufen oder zu verpachten.“ Bei der Besichtigung entpuppte sich das Grundstück als kleine Wildnis mitten im Pappelwald. Eine Datsche mit 40 Quadratmetern Wohnfläche und eine ebenso große Terrasse gehören auch dazu. Heute teilen sich drei Anlieger die Nutzungsrechte für den kleinen Privatsee – einer davon ist Jörn Jaschke mit seiner Familie, denn mit dem früheren Besitzer wurde man sich schnell einig.

Unter Nattern und Kröten

Anfangs, gesteht Jaschke, kostete es Überwindung, allein auf dem Grundstück zu übernachten. „Bei Neumond ist hier alles dunkel, nur der See schimmert ein wenig.“ Arbeit macht der Garten auch: Immerhin 120 Meter Ligusterhecke sind zu pflegen. Zwei bis dreimal im Jahr macht sich Jan Jaschke daran. Das kostet einen Tag Arbeit. Regelmäßig muss er auch den Rasen mähen und Gießen.

Die Jaschkes teilen ihr Paradies mit Ringelnattern, Blindschleichen, Frösche und Kröten. Hin und wieder zieht ein Rehrudel am Garten vorbei. Und das alles nur 50 Kilometer von Berlin entfernt. „Die Dreiviertelstunde von der Wohnung in Hermsdorf bis zum Grundstück sind für uns wie eine kleine Urlaubsreise,“ sagt Jaschke. In den Süden zieht es ihn nicht mehr, höchstens noch mal für ein paar Tage an die Ostsee. Zweimal die Woche ist er mit Familie im Garten.

Für 100000 Euro hätte er das Grundstück erwerben können. „Doch was soll ich mich auf meine alten Tage noch verschulden?“ So zahlt er monatlich 120 Euro Pacht. Mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis ist Jaschke zufrieden. Dabei ist es mit der Pacht allein nicht getan: Hinzu kommen noch die Kosten für Versicherungen, für die Flüssiggasheizung und den Strom. Um näher an ihrem Grundstück zu wohnen, haben Jaschkes ihre Dachgeschosswohnung mit Terrasse aufgegeben, und sind nach Hermsdorf in eine Wohnung ohne Balkon gezogen. „Die frische Luft holen wir uns jetzt in Zehdenick!“ Besonders freut ihn, dass seine Enkel so oft im Grünen sind: „Was die Kinder dort erleben, ist mit Geld nicht zu bezahlen!“

An der Geldfrage scheitern viele Versuche, an einem der vielen brandenburgischen Seen einen Zweitwohnsitz zu erwerben. Wer etwa in Caputh bei Potsdam eines der Appartements mit eigener Marina am Schwielow-See erwerben will, muss mindestens das Einkommen eines Regierungsmitglieds haben, sagt Sabine Richter von Engel&Völkers. Wohnungen und Appartements im Berliner Norden, am großen Zechlinsee oder am Scharmützelsee, seien dagegen gelegentlich noch bezahlbar.

Moderne Ferienhäuser sind kaum im Angebot, nur Datschen. Schicke und mit allem Komfort ausgestattete Wohnungen und Appartements gibt es ab 2000 Euro pro Quadratmeter in den Ostseebädern zu kaufen. Für diese stolze Summe bekommt man eine der Neubauten, die sich an die alte Architektur anlehnen. Wer dagegen auf historische Bausubstanz Wert legt, kann eine Ferienwohnung mit Seeblick erwerben: im Gutshaus von Bülow im Ostseebad Kühlungsborn. Die Wohnungen sind 30 bis 110 Quadratmeter groß und kosten 80000 bis 290000 Euro – rund 2600 Euro je Quadratmeter. Auf dem Darß oder an der Binnenküste der Ostsee wie in Warnemünde kostet der Quadratmeter ab 1600 Euro aufwärts. Je weiter man ins Binnenland geht, etwa an die Müritz oder die Mecklenburgische Seenplatte, desto eher fallen die Quadratmeterpreise.

Vermieten, um Kosten zu sparen

Damit sich die Investitionen in die teure Ferienimmobilie rentiert, überlegt sich mancher, einen Teil seiner Aufwendungen durch die Vermietung wieder hereinzuholen. Doch laut Sabine Richter sind die Erfahrungen der Käufer mit ihren Feriengästen eher zwiespältig: Der Aufwand für Reinigung und Unterhaltung der Wohnungen, für Werbung und Abwicklung des Mietgeschäfts sei groß, wenn man nicht eine Agentur beschäftigen will. Und dann ist da noch das Problem des „Abwohnens“, denn mancher Gast hinterlässt ein Schlachtfeld. Eine finanzielle Entschädigung durch den Mieter, ist meistens schwer einzutreiben.

Viele Besitzer von Ferienwohnungen, so Sabine Richters Beobachtung, vermieten nach einiger Zeit ihre Immobilien nicht mehr. Dagegen mache sie einen neuen Trend aus: Weil mehr und mehr Beschäftigte gleitend in den Ruhestand gehen, erwerben sie die Ferienwohnung mit Blick auf die zunehmende Freizeit im Alter. Wer es sich leisten kann, nutzt auch die Möglichkeit, mit Laptop und Internet-Anschluss häufiger am Zweitwohnsitz zu arbeiten.

Gisela Behr ist eine von denen, die sich eine Doppelhaushälfte an der Ostsee geleistet haben. Zusammen mit ihrer Familie erwarb sie 1996 eine von 80 „Strandperlen“ in Wustrow auf der Halbinsel Fischland-Darß. Die Häuser der kleinen Siedlung direkt hinter dem Deich, deren Innenausstattung von einer Architektin geplant wurde, sind mit allem Komfort ausgestattet. Im Haushalt fehlt es an nichts. „Meine Familie und meine Gäste sollen richtig Urlaub machen!“, sagt Gisela Behr. Wer will, kann sich komplett selbst versorgen. So oft wie möglich fährt sie ins eigene Haus am Meer. Doch die Eigennutzung ist begrenzt: Das Amt Fischland-Darß hat die Grundstücke der Häuser im Erbbaurecht vergeben. Dabei wurde festgeschrieben, dass die Häuser einen großen Teil des Jahres für Feriengäste zur Verfügung stehen müssen. Dadurch sollten die Siedlungen im Winter nicht zu Geisterstädten werden.

Gisela Behrs Häuser sind im Schnitt 176 Tage pro Jahr vermietet: Während der Saison sind sie ausgebucht, in den Wintermonaten stehen sie auch schon mal einige Wochen leer. Doch das, davon ist Gisela Behr überzeugt, wird sich ändern – die Landschaft habe zu jeder Jahreszeit ihre Reize. Und auch die Infrastruktur – Gastronomie, Geschäfte, Freizeitangebote – auf der Halbinsel wird immer besser. Viele der Feriengäste haben schon nachgefragt, ob sie nicht ein Häuschen kaufen können. Doch sie haben kaum eine Chance – es gibt eine lange Warteliste.

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