Immobilien : Traurige Rekorde

So viele Zwangsversteigerungen wie heute gab es seit 1990 nicht mehr. Und nicht nur bei Amtsgerichten, sondern auch bei Auktionshäusern kommen immer mehr überschuldete Immobilien unter den Hammer

Ralf Schönball

Die Zahl der aus wirtschaftlicher Not früherer Eigentümer versteigerten Immobilien nimmt immer stärker zu. Nach Angaben des geschäftsführenden Gesellschafters der Deutschen Grundstücksauktionen kommen rund ein Viertel aller versteigerten Objekte seines Hauses von Banken. Und auch die Zahl der bei Amtsgerichten meistbietend vergebenen Immobilien überschuldeter Eigentümer sind auf Rekordniveau gestiegen: In Berlin sind es erstmals mehr als 3000 Wohnungen und Häuser, im Land Brandenburg rund 4000 Immobilien.

„Wir versteigern in immer größerem Maße Immobilien aus Not leidenden Kreditengagements von Banken“, sagt Hans Peter Plettner, Chef der Deutschen Grundstücksauktionen. Auftraggeber seien Geldhäuser aus dem ganzen Bundesgebiet. Auch Insolvenzverwalter zählten zu den Kunden des Auktionshauses. Der Grund dafür, dass die Gläubiger nicht den üblichen Weg der Zwangsversteigerung am Amtsgericht wählen, liege in den Chancen auf höhere Umsätze durch die Versteigerung in einem konventionellen Auktionshaus. Plettner zufolge ist der Kreis potenzieller Kunden durch die Werbemaßnahmen größer als bei Auktionen in einem Amtsgericht.

Der neue Wettbewerber auf dem Markt für Not leidende Immobilien hat die Amtsgerichte nicht entlastet. Nach Angaben des Verlages Argetra, der alle Zwangsversteigerungstermine in Deutschland regelmäßig veröffentlicht, ist die Zahl der versteigerten Objekte im vergangenen Jahr auf bundesweit 87800 angestiegen. Dies sei der höchste Stand seit Anfang der 90er Jahre. Auch im Land Berlin sei mit 3000 versteigerten Objekten ein trauriger Rekord erreicht. Der Verkehrswert der versteigerten Immobilien in der Region habe bei fast zwei Milliarden Euro gelegen. 70 Prozent aller unter den Hammer gekommenen Immobilien seien Eigentumswohnungen oder auch Einfamilienhäuser.

Zur Zwangsversteigerung einer Immobilie kommt es dann, wenn ein Eigentümer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann. Oft überschätzen sich Erwerber von Eigenheimen oder Bauherren bei der Berechnung ihrer finanziellen Möglichkeiten. Kann ein Schuldner wiederholt die für Zinsen und Tilgung fälligen Raten nicht an die Bank überweisen, stellt diese den Kreditbetrag fällig: Der Kunde muss seine Schulden sofort in voller Höhe zurückzahlen. Ist er dazu nicht in der Lage, dann kann das Geldhaus eine Zwangsversteigerung der Immobilie durch das Amtsgericht erwirken.

Nach Angaben von Finanzberater Max Herbst sind die wirtschaftliche Lage und die wachsende Arbeitslosigkeit weitere Ursachen für die Zunahme Not leidender Kreditengagements der Banken. Er empfiehlt Schuldnern, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, frühzeitig das Gespräch mit dem kreditgebenden Institut zu suchen. Wurden zuvor alle Raten pünktlich bezahlt, seien die Geldhäuser eher bereit, mit ihren Kunden über Sanierungsstrategien zu verhandeln. Ziel solcher Verhandlungen könne beispielsweise eine Stundung der Tilgung des Kredites durch das Geldhaus sein.

Wer bereits in die Schuldenfalle getappt ist, muss auf einen möglichst hohen Erlös bei der Veräußerung seiner Immobilie hoffen. Dafür stehen die Zeichen in der Region nicht gerade zum Besten. Nach Angaben von Auktionator Plettner fallen die Preise bei fast allen Objekten weiter. Wer vor einigen Jahren ein Haus erworben hatte, müsse mit hohen Verlusten rechnen. „Und das Tal der Tränen“, so Plettner, „ist bei den Immobilienpreisen noch lange nicht erreicht.“

Auch der Markt für Luxusimmobilien im Südwesten Berlins, von Maklern immer wieder gerne als besonders dynamisch bezeichnet, sei unter Druck geraten. Ausgenommen von dieser Entwicklung seien Häuser mit einer üblichen Größe von rund 150 Quadratmetern in guter Lage. Doch auch hier wählten Käufer genau aus – und zahlten wenig.

Trotz der Krise am Immobilienmarkt werden die Deutschen Grundstücksauktionen nach Einschätzung ihres Geschäftsführenden Gesellschafters in diesem Jahr ein Wachstum beim Umsatz erzielen. Zu einem weiteren Umsatzschub könnte in Zukunft auch eine neue „virtuelle Auktion“ von Immobilien im Internet beitragen.

In Zusammenarbeit mit der Firma Ricardo sind derzeit eine Auswahl von 13 Immobilien zwischen Ostsee und Erzgebirge im Netz zu besichtigen. Die Einstiegspreise der Objekte, darunter ein früheres Bahnhäuschen sowie Erholungsgrundstücke, liegen zwischen 100 Euro und 50000 Euro. Erste Gebote sind bereits heute möglich. In die „heiße Phase“ kommt die Auktion jedoch erst am 4.Juli um 11 Uhr. Dann wird ein öffentlich bestellter Auktionator über ein Chatfenster die letzten Gebote aufnehmen und den Hammer fallen lassen. Voraussetzung für eine Teilnahme an der Versteigerung ist eine Registrierung auf der Website. Dazu werden Angaben zum Einkommen und zu der Liquidität abgefragt, und das Auktionshaus prüft über einen Dienstleister, ob der Antragsteller schon einmal in eine Insolvenz geriet. Auch eine Vollmacht muss der Bieter zuvor dem Auktionshaus erteilt haben. Diese ist erforderlich, damit der Kaufvertrag unmittelbar nach dem dritten Schlag des Hammers abgeschlossen werden kann: Stellvertretend für den nur über das Netz bietenden Erwerber unterzeichnet der dazu bevollmächtigte Mitarbeiter des Auktionshauses den notariellen Vertrag. Zurücktreten von dem Kaufvertrag kann der Bieter dann nicht mehr.

Nähere Informationen zu den neuen „Online-Immobilien-Auktionen“ unter www.Immobilien.ricardo.de

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