Immobilien : "Überangenbot ist gut"

FRAGEN CHRISTOF HARDEBUSCH

Burkhardt: Abbau des Sozialbaus dadurch verschmerzbarVON FRAGEN VON CHRISTOF HARDEBUSCH Überangebot, Nachfrageschwäche, Abkehr vom sozialen Wohnungsbau, Abwanderung ins Umland, das sind einige Probleme der Berliner Wohnungswirtschaft.Über Lösungen sprach unser Mitarbeiter Christof Hardebusch mit Ludwig Burkardt, Vorstandsmitglied des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), deren Mitglieder rund die Hälfte aller Wohnungen Berlins verwalten. TAGESSPIEGEL: Viele Ihrer Mitgliedsunternehmen klagen derzeit über die schlechte Marktlage und das Überangebot an Wohnraum.Zu recht? BURKHARDT: Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen war 1997 höher als im Vorjahr bei sinkender Nachfrage.Das führt zu einem Überangebot, sowohl auf dem Käufer- als auch auf dem Mietermarkt.Zudem stagnieren die Einkommen, wenn sie nicht schrumpfen.Unternehmen, die nicht zu sehr auf den Anstieg der Nachfrage spekuliert haben und jetzt sparsam wirtschaften, werden überleben.Unsere Mitglieder ließen Vorsicht walten. TAGESSPIEGEL: Besteht das Überangebot in allen Preissegmenten? BURKHARDT: Kleine Wohnungen laufen schlecht, sehr große auch, stark nachgefragt werden vor allem Dreizimmerwohnungen.Mietwohnungen im Altbau mit Quadratmetermieten von 6 bis 8 DM kommen nur sehr schleppend auf den Markt, obwohl wir noch viele dieser Wohnungen in der Stadt haben. TAGESSPIEGEL: Muß sich die Wohnungswirtschaft auf einen dauerhaft schwachen Markt einstellen? BURKHARDT: Berlin wird ab dem Jahr 2000 richtige Hauptstadt sein, und das wird sich positiv auswirken.Die paar Bonner, die kommen, fallen dabei weniger ins Gewicht.Aber zahlreiche Firmen werden hier Kopfstellen einrichten, das wird die Nachfrage spürbar steigern.Schon jetzt kann von einer gestiegenen Attraktivität Berlins gesprochen werden.Brandenburg hat der Stadt 1996 zwar 19 000 Bürger abgenommen, insgesamt hat Berlin aber nur 4500 Einwohner durch Wanderbewegungen verloren.Das heißt, der Zuzug aus den übrigen Bundesländern kompensiert schon jetzt die Abwanderungsverluste ins Umland zu großen Teilen. TAGESSPIEGEL: Berlin hat den sozialen Wohnungsbau fast auf Null heruntergefahren und will statt dessen das Wohneigentum verstärkt fördern.Ist das der richtige Ansatz? BURKHARDT: Angesichts der derzeitigen Wohnungsmarktlage und der schieren Haushaltsnot Berlins muß man das akzeptieren.Die Entwicklung zum Eigentum und zum Wohnen mit Garten ist nicht aufzuhalten.Die Rahmenbedingungen für Wohneigentum sind zu verbessern.Die Eigentumsquote sollte von derzeit 15 auf über 20 Prozent steigen.Dazu muß die Stadt vermehrt und unbürokratisch günstige Grundstücke bereitstellen.Im Ostteil ist das Angebot für Einfamilien- und Reihenhäuser derzeit ausreichend, im Westteil bei weitem nicht.Der Senat sollte auch überlegen, ob es ihm nicht mehr einbringt, wenn er den Quadratmeter Grund und Boden um etwa 200 DM billiger anbietet und dafür Steuerzahler hier hält. TAGESSPIEGEL: Ist der soziale Wohnungsbau am Ende? BURKHARDT: Es ist günstig, daß die derzeitige Haushaltsnot Berlins auf ein Überangebot an Wohnraum trifft.Sonst wäre der Kurswechsel hin zum Eigentum viel schwerer gefallen.In den Köpfen vieler Politiker ist Berlin immer noch reine Mieterstadt.Andererseits muß Berlin aber aufpassen, daß kein Unterangebot an preisgünstigen Wohnungen entsteht.Die Großstadt wird auch in Zukunft viele einkommensschwache Einwohner haben.Deshalb wird Berlin den sozialen Wohnungsbau immer benötigen. TAGESSPIEGEL: Viele Unternehmen erwarben Grundstücke für soziale Wohnbauten und erbrachten Vorleistungen, der Fördermittelentzug kam dazwischen.Schadete auch Ihren Mitgliedern der baupolitische Kurswechsel? BURKHARDT: Das kann man so nicht sagen.Wer ein Grundstück mit Eigenmitteln erworben hat, legt es einfach auf Halde.Es wird nicht an Wert verlieren, langfristig eher im Gegenteil.Schlechter sieht es für die aus, die ihre Grundstücke mit fremden Mitteln finanziert haben.Betroffen sind in der Regel nicht unsere Mitgliedsunternehmen, sondern Bauträger und Immobilienfonds. TAGESSPIEGEL: Die Bauverwaltung möchte die Fehlbelegungsabgabe für bestimmte Siedlungen aufheben, für andere nicht.Wie steht der BBU zu diesen Plänen? BURKHARDT: Wir hoffen, daß sie rasch in die Tat umgesetzt werden.Die Fehlbelegungsabgabe muß für soziale Brennpunkte und solche, die es zu werden drohen, aufgehoben werden.Sonst werden diese Siedlungen Mieter, die es sich leisten können, vollständig verlieren.Eine soziale Entmischung führt zu massiven Problemen für alle Beteiligten. TAGESSPIEGEL: Einige Ihrer Mitgliedsunternehmen klagen über die damit verbundene Ungerechtigkeit, weil ihnen die Fehlbelegung nicht erlassen wird. BURKHARDT: Absolute Gerechtigkeit wird es nie geben.Drohende soziale Brennpunkte wie zum Beispiel Gropiusstadt und Märkisches Viertel müssen Vorrang haben.

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