Unter den Linden : Neue Kämpfe um das Palais am Festungsgraben

Berliner Immobilienmanagement GmbH sucht Ideen zur Nutzung des Kleinods.

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Ideales Bürohaus hinter der Neuen Wache: Das Palais am Festungsgraben.
Ideales Bürohaus hinter der Neuen Wache: Das Palais am Festungsgraben.Foto: Thilo Rückeis

Fein und klein – die Lage könnte nicht besser sein: Das Palais am Festungsgraben in Mitte gehört zu den Kronjuwelen des Landes Berlin. Es ist vergleichbar mit dem größeren Kronprinzenpalais, das Unter den Linden auf der anderen Straßenseite liegt. Es gehört inzwischen dem Bund. Während die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) ihr Gebäude als Veranstaltungsstätte nutzt, ist die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) mit Blick auf die Nutzung des über 250 Jahre alten Palais am Festungsgraben ratlos. Auf der Homepage der BIM ist diese Immobilie unauffindbar. Was soll, was kann man mit den Sälen, Salons und repräsentativ gestalteten Innenräumen nur anfangen?

Sven Lemiss, Geschäftsführer der BIM, hatte in dieser Woche eine Idee, fünf Jahre nach der Übernahme des Gebäudes vom Bezirk Mitte. Lemiss rief nun ein „Interessenbekundungsverfahren“ aus. „Im ersten Quartal 2017“ können nun „Interessenten ihre Ideen einbringen“, lässt die BIM ausrichten. Berlin muss mit der Nachnutzung keine Eile haben, das repräsentative Gebäude steht bereits seit 1751. Es war Sitz des preußischen Finanzministeriums, war von 1906 bis 1944 Amtssitz von 48 Finanzministern und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als „Haus der Kultur der Sowjetunion“ neu eröffnet. Seit der Wende ist das einst für öffentliche Lustbarkeiten gebaute Palais vor allem ein Bürostandort. Das „Theater im Palais“ übernahm 1991 einige Räume im Erdgeschoss.

Das Palais werde als Zwischenlager der HU und des Gorki-Theaters missbraucht

Glaubt man den Mannen um den ehemaligen Präsidenten der FU Berlin, Rolf Kreibich – sie möchten das Palais am Festungsgraben als Haus für die Vereinten Nationen in Berlin übernehmen – so hält Kulturstaatssekretär Tim Renner als politischer Treuhänder des unmittelbar benachbarten Maxim-Gorki-Theaters eine schützende Hand über und auch auf der Immobilie. Tatsächlich, so teilte die BIM auf Anfrage dieser Zeitung mit, werden Teile aus der Verwaltung der landeseigenen Institutionen Maxim-Gorki-Theater und Humboldt-Universität „aufgrund von anstehenden Sanierungsarbeiten“ bis 2019 in das Palais einziehen. HU und Maxim-Gorki-Theater seien „auf eine räumliche Nähe zu ihren Stammhäusern angewiesen“, heißt es in einer offiziellen Verlautbarung, die wie aus Zeiten des Kammerdieners von Friedrich II., Johann Gottfried Donner, klingt. Donner gab das Palais in Auftrag. Damals gab es Briefboten. Eine bessere Lage für Büros als gleich hinter der Neuen Wache dürfte heute jedenfalls kaum vorstellbar sein.

Kreibich empört das alles. „Eine völlig irre Strategie“ sei es, das als „Event Location“ prädestinierte Haus in einzigartiger Lage „als Zwischenlager der HU und des Gorki-Theaters“ zu missbrauchen. Empörend sei es, „dass die wunderbaren Säle zu 95 Prozent im Jahr leerstehen“. Nicht minder empörend sei gelegentlich der Schriftwechsel mit der BIM. Die hatte Kreibich auf seine Anmietung des Marmorsaals für den 28. November für eine Diskussion über „Das Verhältnis der USA zu den Vereinten Nationen“ hin mitgeteilt: „Eine etwaige Diskussion über die Zukunft des Palais am Festungsgraben verbitten wir uns.“ Mit BIM-Vertretern im Publikum dürfte bei der Veranstaltung vor diesem Hintergrund durchaus zu rechnen sein.

Angaben der BIM zufolge wurde das über 250 Jahre alte und in Teilen unter Denkmalschutz stehende Haus zuletzt in den Jahren 1987 bis 1990 umfassend saniert. Der Westflügel ist teilweise stillgelegt und kann wegen baulicher Schäden nicht genutzt werden. „Wir können davon ausgehen, dass dieses Haus weitere sechs bis sieben Jahre vernachlässigt wird“, glaubt Kreibich zu wissen: „Was allein in den letzten 20 Jahren an Geld verloren wurde durch Vernutzung?!“ Dem im Palais ansässigen Restaurant sei gekündigt worden wie auch der beliebten „Tadshikischen Teestube“.

Die Sanierungskosten liegen schätzungsweise im zweistelligen Millionenbereich

Wie steht es nun um die bauliche Substanz? Im Auftrag der BIM hat das Architekturbüro Hübner + Oehmig (Berlin) unter dem Datum des 10. August 2016 eine „Denkmalpflegerische Dokumentation“ zum Palais am Festungsgraben vorgelegt, die dem Tagesspiegel in Auszügen vorliegt. Eine Erhebung oder Bewertung von Schäden sei aber nicht Bestandteil seines Auftrages gewesen, sagt auf Anfrage Volker Hübner, freischaffender Architekt und Stadtplaner. „Das ist bestimmt noch einmal nötig.“ Er habe lediglich eine Bestandsaufnahme machen sollen.

Die Sanierungskosten verortet die BIM im „unteren zweistelligen Millionenbereich“. Die Zahl ist geschätzt. Aufgrund der Schäden an der Giebelwand sei eine Sanierung des Westflügels vor der Durchführung von Standfestigkeitssicherungsmaßnahmen nicht sinnvoll, teilt die BIM dazu weiter mit. Doch es gibt Hoffnung, wenn auch in zeitlicher Ferne: „Eine grundlegende Sanierung ist voraussichtlich ab dem Jahr 2020 vorgesehen“, heißt es in einer nicht unterzeichneten Stellungnahme der BIM auf Anfrage zu diesem Komplex.

Geld will und muss die BIM offenbar – ganz anders als die eingangs erwähnte BImA – mit dem Palais am Festungsgraben machen: Die Optimierung der Wirtschaftlichkeit werde bei der Verwaltung der Berliner Immobilien zwar „auch berücksichtigt, eine ertragsmaximierte Projektentwicklung am freien Immobilienmarkt ist jedoch nicht Hauptziel“. Somit gehören die Zeiten der Hochzeiten und anderer Festivitäten im Palais der Vergangenheit an: „Aufgrund des Baujahrs des Gebäudes und diverser Umbauten im Laufe der Zeit entspricht die Immobilie hinsichtlich Brandschutz und Rettungswegen nicht den speziellen Anforderungen für Versammlungsstätten.“

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