Unterkünfte : Zwischen Rendite und Verantwortung

Das Flüchtlingsthema auf der Expo Real in München: "Die Immobilienbranche muss aufpassen, nicht am Ende als Kriegsgewinnler dazustehen", sagt ein Fondsmanager.

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Containerdörfer sind eine schnelle Lösung - aber keine auf Dauer.
Containerdörfer sind eine schnelle Lösung - aber keine auf Dauer.Foto: DAVIDS/ Florian Boillot

Nicht nur in Berlin werden Flüchtlinge behelfsmäßig in Messehallen untergebracht. Auch in München waren noch vor wenigen Wochen zwei Hallen auf dem riesigen Messegelände von asylsuchenden Menschen belegt. Durch ebendiese Hallen eilten in dieser Woche wieder Herren im dunklen Anzug und Damen im Businesskostüm – es fand die Expo Real statt, eine der international wichtigsten Immobilienmessen, bei der es um Grundstückskäufe und um Großvermietungen, um große Stadtentwicklungsprojekte und um sehr viel Geld geht.

Doch die Messe zeigte auch, dass ein weiteres Thema die Immobilienbranche umtreibt: das Flüchtlingsthema. Völlig überfüllt war der Veranstaltungssaal, in den das Maklerunternehmen Aengevelt zu einer Informationsveranstaltung mit dem Titel „Flüchtlingsunterkünfte – neue Asset-Klasse im Spannungsbogen zwischen Rendite und gesellschaftlicher Verantwortung?“ eingeladen hatte.

Wie heikel das Thema für die Menschen ist, die ihr Geld mit Immobilien verdienen, verdeutlichte Steffen Uttich, Fondsmanager beim Berliner Immobilienunternehmen Beos. „Die Immobilienbranche muss aufpassen, nicht am Ende als Kriegsgewinnler dazustehen“, sagte der frühere Immobilienredakteur der FAZ. Schon jetzt stehe sie „unter Generalverdacht, aus der Not der Menschen ein Geschäft zu machen“. Der Tagesspiegel hat mehrfach berichtet, wie Vermieter von heruntergekommenen Wohnhäusern und schlecht ausgelasteten Hostels mit der Flüchtlingsunterbringung hohe Renditen erzielen.

"Ladenhüter zu überhöhten Preisen"

„Viele machen sich die Taschen voll, und das zweifach“, kritisierte auch Jürgen Erbach, Professor für Immobilienprojektentwicklung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden.

Er bezog sich dabei nicht zuletzt auf einen von Aengevelt betreuten Vertragsabschluss in Düsseldorf: In der Nähe des Flughafens mietet die Stadt von einem privaten Eigentümer ein Bürogebäude, um darin Flüchtlinge unterzubringen. Zwar investiert der Eigentümer 880.000 Euro, um die 5400 Quadratmeter Geschossfläche bewohn- und nutzbar zu machen. Bei einer Miete von knapp zehn Euro pro Quadratmeter resultiert aber, wie Erbach vorrechnete, eine äußerst ansehnliche Rendite.

Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD hat aber offenbar noch ganz andere Erfahrungen gemacht: Es dürfe nicht sein, dass der öffentlichen Hand „Ladenhüter zu überhöhten Preisen“ angeboten würden, sagte er und appellierte an die Immobilieneigentümer, „nicht aus der Nachfragesituation Kapital zu schlagen“.

Geisels Ausführungen zeigten darüber hinaus, dass Düsseldorf durch den Zuzug von Flüchtlingen vor ganz ähnliche Herausforderungen gestellt wird wie Berlin: Auch die Stadt am Rhein wächst viel stärker als noch vor kurzem erwartet. Denn ebenso wie der Berliner Senat rechnet Geisel damit, dass viele Flüchtlinge, sobald sie ihren Wohnort frei wählen dürfen, in die großen Städte ziehen werden. Die Konsequenz, so das Düsseldorfer Stadtoberhaupt: „Wir müssen mehr bezahlbare Wohnungen bauen.“

Wie groß der von der Fluchtwelle ausgelöste Wohnraumbedarf ist, hat Aengevelt-Marktforscher Walter Zorn auszurechnen versucht. Dabei gelte es, zwischen Erstaufnahme-Einrichtungen, temporären Gemeinschaftsunterkünften und der dauerhaften Unterbringung in normalen Wohnungen zu unterscheiden, betonte Zorn. Nach seinen Berechnungen werden allein in diesem Jahr deutschlandweit 275.000 Erstaufnahmeplätze benötigt. Den durch die Flüchtlinge erforderlichen zusätzlichen Bedarf an Wohnungen bis 2017 bezifferte Zorn auf 455.000.

Umstrittene Zwangsmaßnahmen

Wie aber ist mit der Herausforderung umzugehen, da niemand weiß, wie lange die Flüchtlingswelle anhalten wird?

Einen viel beachteten Ansatz stellte der fränkische Immobilienunternehmer Markus Gildner vor, der derzeit in Eckental 18 Wohnungen als Gemeinschaftsunterkunft für 60 Flüchtlinge errichtet. Falls es eines Tages nicht mehr so viele Asylsuchende wie heute geben wird, können je drei Wohnungen zusammengelegt werden, so dass sechs Reihenhäuser für den regulären Wohnungsmarkt entstehen.

Für Aufsehen sorgte auf der Aengevelt-Veranstaltung Gildners Aussage, die Wohnungen für einen Quadratmeterpreis von 1150 Euro (ohne Grundstückskosten) zu errichten. Zum Vergleich: Die Berliner Degewo hat sich das bereits sehr ehrgeizige Ziel gesetzt, die Baukosten auf 1600 Euro zu drücken. Die extrem niedrigen Baukosten in Eckental erklärt Gildner mit dem Verzicht auf einen Keller und dem Einsatz vorgefertigter Elemente.

Einen „enormen Mehrbedarf“ an Wohnungen räumte auf der Expo Real auch Gunther Adler ein, der Staatssekretär im Bundesbauministerium. In einer Diskussionsrunde mit den Präsidenten der immobilienwirtschaftlichen Spitzenverbände äußerte sich Adler auch zu den umstrittenen Zwangsmaßnahmen gegen Immobilieneigentümer. Zwar wolle er sich nicht in die Angelegenheiten der Länder und Kommunen einmischen, sagte der Staatssekretär, aber: „Zwangsvermietung halte ich für die Ultima Ratio.“

Scharfe Kritik an der Beschlagnahmung von Wohnungen übte Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbandes Deutschland. Er machte darauf aufmerksam, dass in Deutschland 1,7 Millionen Wohnungen leer stünden. Wenn es gelinge, einen Teil der Flüchtlinge – vor allem Familien – in den vorhandenen Wohnungen in strukturschwachen Regionen unterzubringen, „werden wir große Entlastungen bekommen“.

Bei der Aengevelt-Veranstaltung wiederum verwies Jürgen Erbach von der Hochschule Holzminden darauf, „dass es in vielen Städten leerstehende, innerstädtische Immobilien gibt, die man in konstruktivem Zusammenspiel mit Ländern und Kommunen zu Flüchtlingsunterkünften entwickeln kann“.

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