Vandalismus : Wer schick baut, kann in Berlin Angst bekommen

In Kreuzberg häufen sich Fälle von Vandalismus, doch politische Motive sind selten bewiesen.

Ulrike Heitmüller
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Brennpunkt CarLoft-Haus. Gegen das Projekt gibt es viele Anschläge. Foto: Imago

„Die Chancen, dass die Carlofts eine Investitionsruine werden, stehen ausgesprochen günstig“, ist da im Internet zu lesen. Und dies noch: „volxsport gegen carloft-juppi-scheisse“. Beide Sätze klingen unfreundlich, gelinde gesagt. Beide Sätze wurden über die linke Internet-Plattform Indymedia verbreitet. Immer öfter folgen bösen Sätzen auch böse Taten: Bauherren, die in Kreuzberg schick bauen, haben Probleme mit Vandalismus. Der wird von Teilen der alternativen Szene bejubelt, manchmal berufen sich die Werfer von Farbbeuteln, Steinen oder gar Brandsätzen auch auf ihre linke Einstellung. Was geht da vor im Kiez?

„An Roh- und Neubauten gehobenen Wohnambientes in Berlin wurden in den vergangenen zwei Jahren – Stand Mitte August – insgesamt 46 Sachbeschädigungen/Brandstiftungen verübt“, heißt es bei der Berliner Polizei: „Der Schwerpunkt befindet sich in Kreuzberg.“

Die Fallzahl scheint nicht groß zu sein, wenn man die gesamte Hauptstadt in den Blick nimmt und wenn man berücksichtigt, dass laut Indymedia in den vergangenen zwölf Monaten ungefähr 20 Attacken gegen ein einziges Objekt gerichtet wurden: gegen den eingangs erwähnten Carloft in der Reichenberger Straße. Hier können Eigentümer ihr Auto per Lastenaufzug quasi mit in die Wohnung nehmen. Das wichtigste Verkaufsargument der Anlage ist ausgerechnet ihre vermeintliche Sicherheit: Transponder, Schutz fürs Auto, Doorman-Service. Hier entstehen Luxuswohnungen für Leute mit viel Geld. Wohnungen mit gut 233 Quadratmetern Grundfläche werden schon einmal für 794 861 Euro angeboten; eine Garage kostet 25 000 Euro.

Trotzdem: Selbst wenn man die 20 Anschläge auf Carloft aus der Statistik herausrechnet, bleibt ein Schnitt von einem Anschlag pro Monat. Eine recht hohe Zahl, denn so viele Roh- und Neubauten der Oberklasse gibt es in Berlin auch wiederum nicht. Außerdem: Die Häufigkeit der Anschläge hat nach Angaben der Polizei zugenommen, „die Zahl der Straftaten ist gestiegen“.

Darum fühlen sich inzwischen auch Menschen bedroht, die in Kreuzberg bauen und nicht reich oder vermögend sind. Die zwar Geld genug für eine Eigentumswohnung mit gehobener Ausstattung haben – aber eben nur, weil sie sich erstens in einer Baugruppe mit anderen zusammengetan, und zweitens, weil sie einen Kredit aufgenommen haben. So eine Baugemeinschaft sollte in diesem Artikel eigentlich vorgestellt werden. Aber die Bauherren möchten aus Angst vor Anschlägen nicht in der Zeitung porträtiert werden. Die Aufmerksamkeit soll nicht auf ihr Objekt gelenkt werden.

Auch bei der Carloft GmbH schweigt man sich inzwischen aus. Geschäftsführer Johannes Kauka: „Wir standen genug in der Presse.“ Das Unternehmen verzeichnet auf seiner Website über 90 Beiträge, zumeist Lobeshymnen auf das Konzept. Zu den Anschlägen will Herr Kauka nichts mehr sagen: „Unsere Ausrichtung ist international, wir können und wollen zu einem Einzelstandort hier nicht Stellung beziehen.“

Ein anderes Unternehmen hatte im Juni dieses Jahres einen größeren Brandschaden zu verzeichnen: die Speicherwerk GmbH. Im Rahmen des Projektes in der Fichtestraße wird ein ehemaliger Gasspeicher saniert. 25 Wohnungen sind hier entstanden, 150 bis 250 Quadratmeter groß. Der Quadratmeter kostet zwischen 2000 und 5000 Euro.

Der Anschlag hatte harmlose Folgen, so schien es zunächst. „Verbrannt ist nicht viel“, sagt Architekt Paul Ingenbleek. Nur ein paar Bretter in einem Baugerüst an der Fassade seien verkohlt. Rauch und Ruß jedoch richteten hohen Schaden an. „Man musste das ganze Gebäude aussaugen, Wände, Decken, alles, und alles feucht abwischen“, erklärt Ingenbleek. Insgesamt seien mehrere 100 000 Euro an Schaden zusammengekommen. „Der Anschlag geschah während der Aktionswochen der linken Szene“, sagt der Architekt.

Die sogenannten Aktionswochen im Juni sollten auf die „Gentrifizierung“ aufmerksam machen. Der Begriff bezeichnet einen Verdrängungsprozess in einem Kiez. Zum Beispiel wenn Studenten und Kreative in eine billige Wohngegend ziehen, Cafés und Galerien folgen, die Gegend „aufgewertet“ wird und die Mieten steigen – bis die nicht so zahlungskräftige Bevölkerung vertrieben wird. Die Veranstalter hatten allerdings nicht zu Brandanschlägen aufgerufen.

Wäre der Brand in der Fichtestraße tatsächlich in diesem Zusammenhang gelegt worden, dann wäre er ein Misserfolg gewesen, so der Architekt: Die Hauptgeschädigten seien nämlich die Handwerker gewesen. Ihr Material habe auf der Baustelle gelagert und sie hätten alles entsorgen müssen. „Die mussten den Schaden selber tragen, den übernimmt ja keine Versicherung.“

Eine brennende Plane mutet da vergleichsweise harmlos an. Dieser Fall ereignete sich am alten Schlachthof in Prenzlauer Berg. „Wir gehen von Brandstiftung aus, wir können es nicht anders erklären“, sagt Frank Müller. Der Bauingenieur errichtet hier für eine Baugruppe drei Passivhäuser mit 41 Wohnungen.

Alles linke Aktionen? „Da es kaum Selbstbezichtigungen gibt, ist eine Bewertung der Tätermotivation oft schwierig. Dadurch ist es möglich, dass sich in Einzelfällen hinter den bei der Polizei als politisch motivierte Taten gezählten Fällen auch reine Vandalismusdelikte verbergen“, heißt es bei der Berliner Polizei.

Eine Baugruppe hat wenig Möglichkeiten, Anschläge zu verhindern. Größere Unternehmen jedoch schon: Hugo Gensler war früher der Geschäftsführer der HVB Projekt GmbH, einer Tochter der Hypovereinsbank. In dieser Eigenschaft hat er Oberbaum City saniert. Sein Unternehmen hat sich von vornherein um gute Nachbarschaft bemüht. „Man muss vorher schauen: Welche Menschen wohnen dort?“, erklärt Gensler.

In Oberbaum City entstanden Büros, aber kaum Arbeitsplätze für die Anwohner. Es hat trotzdem funktioniert: mit einem Tag der offenen Tür, zwei Sprechstunden pro Monat, Unterstützung für den Stralauer Kiez. „Wir waren die Neuen“, sagt der Bayer, „und als Neuer muss ich mich wie ein guter Gast aufführen!“ Eine offenbar erfolgreiche Taktik: „Wir haben nicht mal Graffiti an den Wänden gehabt.“

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