Verborgenes Varietétheater in Berlin Mitte : Von Tauben und Täubchen

Aus der Ruine der „Kolibri-Festsäle“ in der Gartenstraße soll eine neue „Location“ gemacht werden.

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Kaum zu glauben. Inmitten von Wohnhäusern in der Gartenstraße und nur wenige Meter vom bekannten Stadtbad Mitte entfernt wurde nach fast 80 Jahren ein vergessenes Theater wiederentdeckt.Alle Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
21.09.2012 14:14Kaum zu glauben. Inmitten von Wohnhäusern in der Gartenstraße und nur wenige Meter vom bekannten Stadtbad Mitte entfernt wurde...

Mitte ist stets für eine Überraschung gut. Am Donnerstag wurde ein völlig in Vergessenheit geratenes Varietétheater und Ballhaus ins Licht der Öffentlichkeit gerückt (der Tagesspiegel berichtete). Nach über sechzig Jahren soll hier wieder eine Veranstaltungsstätte entstehen. Die „Kolibri-Festsäle und Kabarett“ waren im Unterhaltungsgetriebe der Goldenen Zwanziger Jahre eine feste Größe. Das alte Ballhaus liegt unscheinbar in einem dreistöckigen Hinterhaus der Gartenstraße und ist komplett ruiniert. Jahrzehntelang wurde dem Betrachter an diesem Ort nur Müll vorgeführt: Der Bau diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Bauschutt- und Müllhalde.

Dirk Moritz hat das ehemalige Wirtshausensemble entdeckt. Der Projektentwickler stammt aus Prenzlauer Berg. Im November 2008 wollte er mit seiner damals 9-jährigen Tochter im gleich nebenan gelegenen Stadtbad Mitte Schwimmen gehen. Dort irgendetwas zog ihn durch die dunkle Einfahrt des Hinterhofes, wie in ein magisches Theater: Die Stahltür stand gerade offen, erzählt er. „Sieben oder acht Fahrzeuge standen im Halbdunkel und es lag hier jede Menge Müll – ich hatte das Gefühl, etwas stimmt mit dem Haus nicht.“

Vom Hausmeister bekam er nach langem Bitten und Drängen die Schlüssel – „für zehn Minuten“. Er schloss auf und sah zunächst eine geköpfte Taube. „Hier habe ich mir fast in die Hose gemacht“, sagte Moritz am Donnerstag im Erdgeschoss der Gartenstraße 6, wo einst die Küche des Restaurationsbetriebes untergebracht war. Zwei Stockwerke höher fand er die zu Boden gefallene Kreuzgewölbedecke des Saales. Sie lag dort hingestreckt wie die „Titanic“ auf dem Meeresgrund: Schaurig-schön.

Dirk Moritz, der Projektentwickler aus Prenzlauer Berg, hat das alte Ballhaus durch Zufall entdeckt.
Dirk Moritz, der Projektentwickler aus Prenzlauer Berg, hat das alte Ballhaus durch Zufall entdeckt.Foto: Promo

Moritz nahm die Verhandlungen mit den Vorbesitzern auf – eine Erbengemeinschaft aus Tschechien, die ihr Eigentum aufgrund der politischen Verhältnisse nie in Augenschein genommen hatte. Er schloss mit den Besitzern eine Vereinbarung ab und beräumte das Objekt von dreißig Tonnen Schutt und Müll – „laut Lieferschein“. Moritz stellte angesichts der Ornamente, der Stuckreliefs und des Küchenaufzugs fest: „Das war keine Kirche, das war keine Synagoge, das war ein Ballhaus.“

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