Verschwundene Bauwerke in Berlin : Nicht wiederauferstanden aus Ruinen

Anhalter Bahnhof, Stadtschloss, Bauakademie – die Liste seit 1945 verschwundener Bauwerke ist lang. Der Kunsthistoriker Arnt Cobbers trägt sie in seinem neu erschienenen Band zusammen.

von
Das Voxhaus in der Potsdamer Straße, Wiege des deutschen Rundfunks, gesprengt 1971.
Das Voxhaus in der Potsdamer Straße, Wiege des deutschen Rundfunks, gesprengt 1971.Foto: Jaron Verlag / Landesarchiv Berlin

Gefällt uns das noch, oder kann das weg? Wenn es um den Abriss von Bauwerken geht, spielen Moden eine ähnliche Rolle wie bei deren Errichtung: Geschmackssicherheit und Stilempfinden sind da nicht unbedingt zu erwarten. Das Geld spielt bei den Entscheidungen eine Rolle. Und auch, wer etwas zu sagen hat und wer nicht. Berlins Nachkriegsbaugeschichte ist reich an Irrtümern, wenn man den neuen Band von Arnt Cobbers zur Hand nimmt.

Der promovierte Kunsthistoriker und Historiker, der bereits mehrfach Standardwerke zur Baugeschichte Berlins veröffentlicht hat („Architektur in Berlin“), befasst sich in seinem soeben im Jaron Verlag erschienenen Band „Abgerissen“ – einer komplett überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe – mit den herausragenden Bauwerken, die nach 1945 aus dem Stadtbild verschwunden sind.

Zumeist wird ihr Verschwinden mit Kriegszerstörungen erklärt. Doch stimmt das nur bedingt. Viele mehr oder weniger stark zerstörte Bauten wären nach 1945 wieder restaurierbar gewesen. Doch aus gelegentlich schwer nachvollziehbaren Gründen wurden sie zwischen 1945 und 2015 abgetragen oder gesprengt – wie auch nach dem Krieg errichtete und damit wesentlich jüngere Bauwerke. Die baulichen Lücken ließen sich zwar schließen. Doch für die Erinnerungskultur stehen sie zumindest im Stadtbild nicht mehr zur Verfügung, wie Cobbers anhand von 53 Beispielen belegt.

Anhalter Bahnhof ist eine Abrissruine

Das Völkerkundemuseum beispielsweise war nicht stärker zerstört als der benachbarte Martin-Gropius-Bau, die Synagoge in der Fasanenstraße war besser erhalten als das Schauspielhaus und die Dome am Gendarmenmarkt. Und doch mussten die einen Neuem weichen, während die anderen in frischem Glanz erstrahlten.

Ein steinernes Zeugnis dieses Streits um Abriss oder Wiederaufbau ist der Anhalter Bahnhof in Kreuzberg: Dessen noch stehender Portikus ist keine Kriegs-, sondern eine Abrissruine. Nachdem 1952 der letzte Zug den Anhalter Bahnhof verlassen hatte und die Bahnanlagen noch bis 1959 gewartet worden waren, wurde 1961 als letzter Bauteil die Westfassade in Schutt und Asche gelegt. Der mit gelbem Backstein verkleidete Bau war zwar ein Paradebeispiel des Berliner Rundbogenstils, doch Berliner Schule hin oder her: Die Denkmalbehörde empfand und empfahl den Anhalter Bahnhof nicht als künstlerisch wertvoll.

Das gilt leider auch für die Friedrichstadtpassage, einst Berlins zweite große historische Einkaufspassage. Sie verschwand erst in den 1980er Jahren. In Etappen wurde der Komplex gesprengt – im April 1990 besetzte die Künstlerinitiative Tacheles die Ruine. Sie wurde unter zunächst vorläufigen Denkmalschutz gestellt.

Jeder gesellschaftliche Umbruch bringt Abriss und Neubau mit sich. Cobbers trägt mit seinem leicht lesbaren und erschwinglichen Band dazu bei, dass das Verschwundene im kollektiven Gedächtnis bleibt.


Arnt Cobbers: Verschwundene Bauwerke in Berlin. Jaron Verlag, April 2015, Broschur, 96 Seiten, 120 teils farbige Fotos, 51 Lagepläne, Format: 16,5 x 24 cm, 12,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar