Vier im Recht : Mit Fug und Recht

Über Haus und Wohnung wird oft gestritten. Unsere Expertenklären jede Woche eine Frage. Diesmal: Muss der Verkäufer einer Wohnung Risse beseitigen, die an Silikonfugen und Wandanschlüssen auftreten? Stephen-M. Dworok, Bausachverständiger, antwortet.

WAS STEHT INS HAUS?

Nachdem wir unsere Eigentumswohnung bezogen haben, sind im Verlaufe der bisher etwa einjährigen Nutzung verschiedene Risse entstanden, die wir bei unserem Verkäufer reklamierten. Unser Verkäufer lehnte jedoch die Mangelbeseitigung an gerissenen Silikonfugen der Bodenfliesen zum Sockel ab, mit der Begründung, es handele sich um Wartungsfugen. Andere Risse, wie zum Beispiel am Anschluss einer Gipskartonwand an die gemauerte Außenwand, wurden als Sollrissfuge erklärt und als Mangel abgelehnt. Wir fragen nun nach, ob die Begründung des Verkäufers fachlich richtig ist.

WAS STEHT IM GESETZ?

Für Fugen in Innenräumen gibt es kein umfassend normiertes Regelwerk. Einzelne Hinweise enthält die Verdingungsordnung für Bauleistungen (VOB) oder mitwirkende Normen (DIN 18157 – für Fliesenverlegungen). Größer ist die Anzahl der im Sprachgebrauch kreierten Wortschöpfungen für Fugen und Risse sowie deren kleintopografisch unterschiedliche Begriffsauslegung. Die Folgen sind häufig falsch hergestellte Fugen. An der Verbindung verschiedener Materialien und Bauteile entsteht eine Fuge. Verformungen müssen von ihr schadfrei aufnehmbar sein. Reißt die Fuge, sind die Verformungen größer gewesen, als zuvor abgeschätzt oder der Fugendichtstoff wurde falsch verarbeitet. Die umgangssprachliche Bezeichnung als „Sollrissfuge“ ist falsch, weil es nur den Begriff „Sollrissstelle“ gibt, der in massiven Bauteilen die planmäßige Rissstelle durch besondere Einbauteile bezeichnet, aber ingenieurtechnisch keine Fuge darstellt. Die elastischen Verfugungen an WC-Becken, Duschtassen etc. sind Wartungsfugen, da sie häufig Wasser und Seifenlauge ausgesetzt sind und deshalb der Dichtstoff rasch verschleißt. Solche Fugen müssen oft schon nach zwei bis drei Jahren erneuert werden. Die Fuge am Bodenixel in Bad und Küche Ihrer Wohnung ist keine Wartungsfuge. Die Herstellung der Fuge ist häufig nur mit Dreiflankenhaftung möglich, sodass sich kein einachsiger Spannungszustand im Dichtstoff ausbilden kann. Dann kann der Dichtstoff reißen.

UND WIE STEHEN SIE DAZU?

Da es sich in Ihrem Fall zum einen nicht um eine Wartungsfuge und zum anderen offenbar um das Wiederaufreißen eines starren Wandanschlusses einer leichten Trennwand an ein massives Bauteil handelt und auch diese Rissbildung wahrscheinlich in dem falsch gewählten Fugenmaterial seine Ursache hat, wäre zur Durchsetzung Ihres Gewährleistungsanspruchs die Hilfe eines qualifizierten Fachmanns notwendig. Der Fachmann muss gewissenhaft die Fachtermini der Baukonstruktionslehre benutzen, um erst durch den Sprachgebrauch hervorgerufene Verwirrungen zu vermeiden. Dies ist in der Praxis nicht immer einfach, denn wenn selbst im technischen Sprachgebrauch der bautechnischen Akademiker ein Riss oder eine Fuge als „Spalt“ bezeichnet werden, kann man leider nur Kopfschmerzen bekommen. Und dann hilft häufig nur „Spalt“!

0 Kommentare

Neuester Kommentar