Immobilien : Von Bonn verlassen und nach Brüssel zitiert

RALF SCHÖNBALL

Auch ohne Bundesmittel und gegen die EU baute eine Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft die neue TUVON RALF SCHÖNBALL Als Architekt und Bauherr erste Gespräche über die Gestalt der neuen Fakultät für Maschinenbau der Technischen Universität führten, stießen sie bei den Professoren und Studenten in München nicht eben auf große Begeisterung.Schon einmal hatten diese ihr neues Institut "bis zur letzten Steckdose" durchgeplant, als die Stadtväter plötzlich befanden: Das innerstädtischeGelände der sogenannten Türkenkaserne möge doch lieber eine moderne Pinakothek nutzen.Probleme der konstruktionstechnischen Art könnten die Forscher auch in der ländlichen Beschaulichkeit Garchings lösen.Kaum hatten sich die Betroffenen mit dem Gedanken angefreundet, drohten auch diese Pläne zu scheitern - am Haushaltsdefizit des Bundes.Doch Bayern wäre kein Freistaat, beschritte er nicht - mit Vorliebe bei Widerständen des Bundes - eigene Wege, mit "freundlicher Unterstützung" der Wirtschaft.Das Ergebnis ist ein kleines Lehrstück über Vernetzungen: von Wissenschaft und Wirtschaft sowie von sozialen Räumen in einer "kommunikativen Architektur". "Über den Inhabern von Lehrstühlen steht nur noch der Liebe Gott oder der Bayerische Staatsminister, und das ist in Bayern dasselbe", sagt Gunter Henn.Gegen geballte Autorität dieser Art setzte der Architekt der neuen Fakultät für Maschinenwesen runde Tische."Dort saßen wir, und die Architekten brachten mit Farbstiften unsere Gedanken auf einen DIN-A5-Block zu Papier", erinnert sich der Vizepräsident der Technischen Universität München, Joachim Heinzl.Das Ergebnis dieses sogenannten Programmings hängt noch heute an großen Tafeln in den Räumen von Henn.Und von einem dieser kleinen bunten Zettel prangen rote Pfeile, die alle in einen zentralen Kreis deuten."Die Wissensbörse, ein geistiger Mittelpunkt", sagt Henn, das habe im Zentrum der Campus-Idee gestanden. Dieser Idee durften allerdings nicht die sieben "Herrschaftsbereiche" der einzelnen Institute mit ihren professoralen Köpfen zum Opfer fallen.Hierarchie und Autonomie auf der einen Seite, möglichst vielfältige Kommunikation auf der anderen - dies war nicht mit dem Modell der "Polis" oder des Londoner Speakers-Corner zu vereinen.Jeder, der sich berufen fühlt, möge zwar sprechen, nicht aber dabei im Mittelpunkt stehen: Statt eines Zentrums wie der griechische Marktplatz wurde daher eine zentrale Erschließungsstraße eingerichtet, von der aus rechts und links Gebäude abzweigen, für Institute und Lehrstühle.So bleibt die Hierarchie erhalten, nun aber in "Abstufungen von Öffentlichkeit" verwandelt: Im 208 Meter langen Atrium promeniert und parliert jeder mit jedem, zweigt der Passant links oder rechts in ein Gebäude ab, dann beschreitet er eine eigene Wissenswelt, eine Fakultät, die ihre Erkenntnisse an vier Lehrstühlen offenbart, auf vier Etagen - ein gebautes Beispiel wissenschaftlicher "Deduktion": vom Allgemeinen ins Spezielle. Die Straße ist gleichwohl ein Trampelpfad.Den Königsweg findet, wer alle Zweige im Baum des (technischen) Wissens erobert hat.Brücken und Balustraden schaffen Querverbindungen, kurze Wege zwischen den einzelnen Lehrstühlen der verschiedenen Institute.Und da die Mathematik die reinste aller technischen Wissenschaften ist, offenbart sich die neue Fakultät auch als ein großes gebautes Rechenbeispiel: Von der Straße zweigen sieben Gebäuderiegel à vier Etagen ab, das ergibt 28, und das ist die Zahl der Lehrstühle in den sieben Instituten. Der Kommunikation dienen soll schließlich auch die innere Gliederung der einzelnen Etagen, der Lehrstühle.Hier wurden Kombibüros eingerichtet, Gemeinschaftsräume mit Konferenztischen, Kaffekochern und Kopierern im Zentrum, umgeben von Einzelzimmern für die Mitarbeiter.Verglast sind diese, damit das Licht in die Tiefe des Raumes fallen kann und die Angestellten Blickkontakt haben.Widerstände der Professoren gegen diese Transparenz waren nach Besichtigungen von ähnlichen Bürohäusern bald gebrochen.Das Plazet des Bayerischen Kultusministers wurde am Modell eingeholt.Ihn überzeugte das aus Schweden stammende Bürokonzept derart, daß es auch künftigen Hochschulbauten als Vorbild dienen soll. An diesem Apriltag wirft die Sonne kleine schwarze Schatten auf die Steine der "Fakultätsstraße".Auf einigen der Glaskaros im Dachbereich wurden Fotovoltaikzellen eingelassen."Es ist eine von drei Versuchsflächen, die Strom aus der Sonne erzeugen werden", sagt Michael Kuehn zuständig für Gebäude- und Labortechnik.Dank der drei Mill.DM, die der Kultusminister eigens für diesen Zweck bewilligte, wird regenerative Energie außerdem auf den Sonnenschutzrollos an Südfassaden sowie auf dem Dach des Gebäudes erzeugt.Wie das Licht der Sonne in das Gebäude fällt, wurde an keiner Stelle dem Zufall überlassen - sondern Christian Bartenbach.Dank seiner Techniken zur Lichtumlenkung ist es auch in der Tiefe Norman Fosters Hongkong and Shanghai Bank nicht duster.Bei der Münchner Fakultät ziert Bartenbachs Handschrift die Hörsäle.Zu Sträußen zusammengefaßt, streuen runde Spiegel mit verschiedenen Mustern das Licht von wenigen Scheinwerfern gleichmäßig übers Auditorium. Unsichtbar sind dagegen die Heizkörper in der Bibliothek; sie liegen in den hohlen Stahlträgern, die zugleich die Fassade tragen.Vorgehängt sind angewinkelte Glaselemente zum Schutz vor der Sonne; deren metallene Halterungen verleihen dem leicht gerundeten Block einen technizistischen Anblick.Links vom Zugang liegt ein zylinderförmiger, weiß verputzter Gebäudeteil.Das vorkragende Dach der Fakultätsstraße verbindet die zwei Teile des Ensembles nur notdürftig.Vermittelt wird die Einheit nur durch die beiden Gebäudekörpern gemeinsamen, abgerundeten Linien.Diese Lösung wurde auf der Rückseite nicht gewählt, die dadurch optisch auseinanderfällt.Mängel bei der Vermittlung einzelner Teile im Ensemble finden sich auch im Inneren der Fakultätsstraße.Massive Kuben stehen in hartem Kontrast zu den filigranen Stahl-und-Glas-Konstruktionen - diesen Eindruck verstärkt noch der schwarze Anstrich. "Auf 505 Mill.DM hatten wird den Bau 1994 kalkuliert, und diese Summe wurde eingehalten", sagt Rainer Weber von der Betek.Das war die Abteilung Bau- und Energietechnik von BMW, die zu einem Profitcenter ausgegründet wurde.Heute steuert sie mit 170 Mitarbeitern auch in Berlin Projekte wie den Umbau des Preußischen Herrenhauses für den Bundesrat.Nicht allein die Betek verbindet BMW mit der Technischen Universität: "Drei Vorstände unseres Hauses kommen von der Maschinenbaufakultät", sagt BMW-Gesamtprojektleiter Neubau Udo Geflitter.Vorstandsvorsitzender Bernd Pischetsrieder zähle dazu.Der "Personaltransfer" ist aber keine Einbahnstraße: Der ehemalige BMW-Vorstand Gunther Reinhart ist heute wieder Professor an der TU. Der für Berliner Verhältnisse vorbildlichen Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft mangelt es auch nicht an Rückendeckung durch die regionale Politik.So auch beim TU-Neubau: Das Hochschulgesetz will es, daß die Kosten je zur Hälfte von Bund und Land getragen werden.Als die Bundeskassen 1992 leer waren, wurde das Projekt auf Eis gelegt.Angesichts des drohenden Aus für den Neubau faßte sich der Freistaat ein Herz: Er übernahm den Bundesanteil und finanzierte ihn über das Programm "Offensive Zukunft Bayern".Hier werden die Aufwendungen verheißungsvoller Projekte durch Erlöse beim Verkauf landeseigener Beteiligungen finanziert: Kein Ausverkauf von "Tafelsilber", sondern dessen Konversion.Daß die Prioritäten richtig gesetzt werden, daran besteht hier kein Zweifel: Jeder Lehrstuhl der Fakultät für Maschinenwesen erwirtschaftet durchschnittlich 1,1 Mill.DM an Drittmitteln, Geld von der Industrie oder Stiftungen.Von den 23 Stellen im Lehrstuhl für Feingerätebau und Mikrotechnik unter Joachim Heinzl zahlt der Staat nur sechs - die Personalkosten der anderen 17 Mitarbeiter stammen aus Fremdaufträgen."Es wären viel mehr, wenn wir die räumlichen Voraussetzungen dafür hätten", verheißt Ordinarius Heinzl weiteres "Wachstum" ab Mai dieses Jahres; dann beginnt die Arbeit in Garching. Als Auftraggeber in den Büchern der Fakultät erscheint sogar die NASA.Um diesem Kunden allerdings ein Angebot machen zu können, mußten zwei Assistenten unter der Tutel des Professors eine eigene GmbH gründen.Bei einer Woche Terminüberschreitung verhängt der Auftraggeber Strafgelder von einem Prozent des Auftragsvolumens: 500 000 DM."Da mußten wir ausgliedern, weil sonst die Universität konkurs ginge", sagt Heinzl.Auch Automobilhersteller zählen zu den Auftraggebern, Audi etwa und natürlich BMW.Für sie entwickelte die Fakultät ein Verfahren zur Vermessung von Karosserien, mit dem die manuell rund vierzehn Tage dauernde Aufgabe in wenigen Stunden gelöst wird, mit einem Laserskanner. Sorgen vor einer Fremdbestimmung der Wissenschaft durch die Wirtschaft hegt der TU-Professor nicht: "Wir wären froh, wenn wir öfter akute Probleme mit unseren wissenschaftlichen Methoden lösen könnten", sagt Joachim Heinzl.Ähnlich sieht das auch BMWs Gesamtprojektleiter Neubau Udo Geflitter: "Wir nehmen keinen Einfluß auf die Inhalte, aber es gibt Leute von uns, die bei der Uni lehren und umgekehrt", sagt er.Ausnahmen seien spezifische Forschungsaufträge, die dann aber auch entgolten würden. Ausgezahlt hat sich die Unterstützung des Bayerischen Vorzeigeunternehmens nicht nur für die TU-Fakultät: Der Freistaat hatte die Kosten für den Neubau auf gut 550 Mill.DM geschätzt, zehn Prozent mehr als die in den nächsten Tagen vollends verbaute Summe.Dies liegt nicht nur an mangelhafter Kostenkontrolle durch die Beamten, sondern auch an Richtlinien wie die VOB/A.Sie lassen keine Direktvergabe Öffentlicher Aufträge zu, und das Ergebnis einer Ausschreibung darf auch nicht nachverhandelt werden.Indem der Freistaat die Betek zum Bauherren erhob, umging sie diese Bestimmungen.Nicht ganz koscher, befand die Europäische Union, bremsen konnte sie die findigen Bayern aber nicht: Der gebäudeproduzierende Automobilhersteller spendet zur Eröffnung der Fakultät dem Freistaat 30 Mill.DM.Die würden im Falle einer Ausschreibung der Projektsteuerung von dem Betek-Angebotspreis abgezogen, versicherten die Bajuwaren aus Wirtschaft und Wissenschaft in Brüssel - überzeugend genug.

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