Immobilien : Von Geisterhand gesteuert

Während es für Autofahrer selbstverständlich ist, dass Warntöne zum Anschnallen auffordern und ein Thermostat die Temperatur regelt, sind Elektronik und Motoren im Eigenheim die Ausnahmen. Das könnte sich bald ändern. Experten bauen das elektronische Eigenheim.

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Von Bernd Hettlage

Im modernen Auto hat längst die Elektronik die Regie übernommen. Wer vergisst, beim Einsteigen seinen Gurt anzulegen, wird von einem penetranten Piepton gewarnt. Verlässt man den Wagen, ohne das Licht auszumachen, geschieht das Gleiche. Auf Öl- und Wasserstände sowie die Fälligkeit von diversen Wartungsarbeiten machen bunte Warnlichter im Armaturenbrett aufmerksam. Und zumindest ab der gehobenen Mittelklasse gibt es Navigationssysteme, die den Ortsunkundigen ans Ziel lotsen.

All das ist für den Autobenutzer heute selbstverständlich. „Wie viel komplexe Elektronik da im Hintergrund arbeitet," sagt Viktor Grinewitschus, „kriegt der Fahrer kaum mit." Bei der Errichtung und dem Betrieb von Immobilien erwartet der Gruppenleiter beim Fraunhofer Institut Mikroelekronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg eine ähnlich Entwicklung. „Im heutigen Haushalt gibt es auch immer mehr Geräte, die irgendwie bedient werden müssen", so Grinewitschus. „Diese Funktionen werden wie beim Auto in Zukunft auch ins Haus integriert." Um diese Zukunft darzustellen und weiter zu erforschen, hat das IMS zusammen mit 17 Partnerfirmen das „Intelligente Haus Duisburg" (inHaus) entwickelt und stellt es nun auf der internationalen Messe e/home in Berlin vor.

Vernetzung und Kommunikation lauten die Zauberwörter: PC, Telefon und Fernsehen werden miteinander verbunden; Heizung, Licht und Haushaltsgeräte kann man von jedem beliebigen Platz außerhalb der Wohnung steuern. Man kann zum Teil sogar mit ihnen „sprechen". Wer zum Beispiel in Urlaub fährt und sich unterwegs nicht sicher ist, ob alle Fenster geschlossen sind, kann zu Hause anrufen. Er kann dann feststellen, ob etwas offen steht und das Versäumte per „Fernbedienung“ nachholen.

Ein Riesenmarkt sei das in Zukunft, sagt Reinhard Bank, Pressereferent der Messe Berlin. Man könne davon ausgehen, dass 50 Millionen Wohneinheiten und Büros in Deutschland noch nicht vernetzt sind. Die rasante Entwicklung von Internet und Mobilfunk hat kräftig mitgeholfen, einen derart großen Markt zu erschließen. Denn durch moderne Vermittlungstechnik könnten viel mehr Informationen viel schneller und flexibler versandt werden - und das weltweit.

Ein vollelektronisches Laborhaus

Die Veranstaltung in Berlin zeigt, so Bank, „was alles technisch möglich ist." Allen voran die Experten des Fraunhofer Instituts für Mikroelekronische Schaltungen und Systeme aus Duisburg. Sie haben ein so genanntes inHaus entwickelt. Dies sei allerdings zunächst einmal ein Entwicklungslabor. Das ist noch eine Stufe vor dem Prototyp des Hauses, das schließlich in Serie gehen soll, so Gruppenleiter Viktor Grinewitschus.

Im inHaus haben die - fiktiven - Bewohner von außen jederzeit Zugriff auf alle Geräte und Funktionen im Haus. Wer heute noch die Messe besucht, kann sich davon überzeugen. Per Bildschirm können sie im Duisburger Haus zum Beispiel die Heizung an- und abstellen. Hängt die Heizung am Draht, sprich an der Datenleitung, kann auch die Wartung auf diese Art gesteuert werden. Werden die Werte schlechter, wird das sofort angezeigt, und zwar nicht im Keller, sondern auf dem Bildschirm des Bewohners oder der mit der Wartung beauftragten Firma.

Per Datenleitung beispielsweise übers Internet, kann auch die Überwachung des Hauses von einer externen Firma übernommen werden. Die Daten des Hauses laufen alle bei einem Service-Provider zusammen, der den Internet-Zugang bereit stellt. Dieser leitet alle Daten an die jeweiligen Firmen weiter - oder auch nur an den Bewohner, der aus dem fernen Australien seine Heizung zwei Tage vor der Rückkehr wieder anstellen will. Den Wissenschaftlern war es dabei besonders wichtig, dass die Daten vor unbefugten Zugriff geschützt bleiben. So sind Haus und Wohnung vom Provider gesichert, und kein unbefugter Hacker kann sich Zutritt verschaffen. Dies funktioniert über Codenummern, Passwörter oder Chipkarten und eine so genannte „Firewall", die das Haus virtuell abschirmt.

Die Forschung finde allerdings nicht ohne wirtschaftlichen Hintergrund statt. Einzelne Anwendungen aus dem Haus sollen später in Serie gehen. Deshalb haben sich an dem Projekt auch 17 Unternehmen beteiligt - und es komplett finanziert. Unter den Partnern sind die Deutsche Telekom und VW, aber auch eher mittelständische Firmen wie Siedle, einem Hersteller von Sprechanlagen.

Das Interesse an einer solcher Technik ist groß. 300000 Zugriffe verzeichnet die Homepage von inHaus seit íhrem Start im April 2001. Und die Grundausstattung ist auch gar nicht so teuer, wenn sie denn erst einmal serienreif auf dem Markt sein wird: auf 5000 Euro schätzt sie Grinewitschus. Gerade auch Behinderten oder alten Menschen können solche Systeme ermöglichen, im eigenen Haus wohnen zu bleiben. Wer im Rollstuhl sitzt, öffnet seine Fenster dann beispielsweise per elektronischer Fernbedienung.

Auch ein nachträglicher Einbau ist möglich. Wer die gerade erworbene Altbauwohnung mit einer so genannten LAN-Struktur - einem „Local Area Network" - versehen will, kann das schon für weniger als 1000 Euro machen, sagt Enrico Stolze. Eine Lan-Struktur ist ein Kabelnetz, über das verschiedene Geräte miteinander kommunizieren können. Stolze ist Geschäftsführer der Firma HomeWay aus dem bayrischen Neustadt. Telefon, Fax, Fernsehen und Computer kann man so miteinander vernetzen und dann beispielsweise innerhalb der Wohnung Fotos von PC zu PC verschicken. Man sollte das System aber am besten gleich bei der Sanierung der Wohnung einbauen, denn für die Leitungen benötigt man Leerrohre. Oder man muss eben Schlitze klopfen.

Ferngesteuerte Wartung

Keine Schlitze klopfen muss man bei der drahtlosen Vernetzung von IBM. Die nennt sich "WLAN". Das "W" steht für wireless, eben ein lokales Netzwerk ohne Kabel. Damit das funktioniert, steht in der Wohnung steht ein Gerät ns „Residential Service Gateway". Dieses ist mit einem Provider verbunden, der wiederum alle Daten aus der Wohnung an einen „Home Service Provider" leitet. Das System sei neu, sagt Ulf Hollberg von der deutschen IBM-Zentrale. Es richte sich vor allem an größere Hausverwaltungen. Die Home Service Provider könnten Verbrauch und Wartung der Heizungsgeräte in der Wohnung ihrer Kunden steuern. Im Moment, so Hollberg, spreche IBM „mit Leuten, die das versuchen wollen.“

Holberg ist ein „Consulting IT Architect". Die Firma Riedel Automatisierungstechnik aus Berlin nennt die Tastatur seines „Wohnungsmanagers" „Lifestyle-Tasten". Denn den elektronischen Wohnungsmanager der Firma Riedel kann man anrufen. Er klingt wie die Fernabfrage eines Anrufbeantworters. „Taste 9 Lichtsteuerung", sagt da etwa eine blecherne Stimme. Durch Drücken der entsprechenden Knöpfe auf der Handy-Tastatur kann man aus dem Urlaub das Licht in der Wohnung so einstellen, dass es beispielsweise am Abend drei Stunden lang leuchtet - und dann wieder ausgeht. Oder eben die Heizung regulieren. Dadurch wirkt das Haus in der Urlaubszeit so, als ob die Bewohner gar nicht verreist wären.

Rund 25000 Wohnungen hat Riedel in den letzten zehn Jahren mit dieser Technik ausgestattet. Nach Angaben des Geschäftsführer hat seine Firma in der ganzen Zeit die Technik „permanent weiter entwickelt". 1200 bis 1500 Euro kostet der Einbau seines Systems in die eigenen vier Wände. Riedel beliefert hauptsächlich Hausverwaltungen und Wohnungsgesellschaften. Eine davon ist die Köpenicker Wohnungsbaugesellschaft (Köwoge). Sie hat für eine Anlage, die mit Riedels Technik ausgestattet ist, jetzt sogar den Berliner Klimaschutzpreis des Berliner Senats gewonnen.

Während Riedel mit seiner Technik schon Preise einheimst, sind das inHaus und die neueste IBM-Technik noch Zukunftsmusik. Doch auf der e/home kann man sie immerhin schon mal „hören". Und was schon realisiert ist, so versichert es jedenfalls Geschäftsführer Stolze von HomeWay für sein System, soll immerhin die nächsten zehn bis 15 Jahre mit der Technik mithalten, ohne dass man nochmal aufrüsten muss. Wenn man von heute zehn Jahre zurückschaut, scheint das in der Informationstechnologie schon ein ganzes Zeitalter zu sein.

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