Immobilien : Wasserfall, Bambushain und Flughafen nebenan

RALF SCHÖNBALL

Unübersehbar steht die gewaltige Bürohauszeile am Rande der Stadtautobahn nach Hamburg. Vom Dachfirst prangt der pinkfarbene Schriftzug: "Telekom". Nicht mehr lange. Der Telekommunikationsgigant zieht aus und errichtet ein Verwaltungsgebäude auf eigenem Grund und Boden. Die Manager des Büroareals namens "Top Tegel" müssen nun wieder auf Mieterjagd gehen. Keine leichte Aufgabe, gelten doch sogenannte "zweier Lagen" als schwer vermietbar. Das sehen die Projektentwickler anders. Sie erkennen in den langsam steigenden Mieten der City ihre Chance: Weniger zahlungskräftige Unternehmer ziehe es wieder in den nördlichen Bezirk. Und die Bürgermeisterin will mit einem "Investorenbüro" Reinickendorf gar zur Speerspitze wirtschaftsfreundlicher Bezirke machen. Mit Erfolg?

"Von hier aus erreichen sie in 20 Minuten den Potsdamer Platz und in zehn, mit dem Fahrrad, die farbenprächtigen Raps- und Sonnenblumenfelder", sagt Marlies Wanjura. Die Bürgermeisterin holt kaum Atem während ihres Lobliedes auf Reinickendorf. Sie preist die Investoren Herlitz-Falkenhöh sowie Top Tegel, zählt neue Initiativen in der Altstadt auf und geht dann nahtlos auf die Maßnahmen ihrer Verwaltung zur Vereinheitlichung der Software über. Die adrette Dame mit dem wehenden roten Schal hat bald so viele bunte Mosaiksteine eines Standortes zu einem farbenprächtigen Bild zusammengelegt, daß dem Zuhörer Zehlendorf vor Augen steht - und nicht der ehemalige Industriebezirk im Schatten der Mauer. Als sich dann, zwischen den Elogen, eine Gelegenheit bietet, bleibt die Frage nicht aus: Ob es überhaupt Probleme gebe, wollen die Besucher mit dem Schreibblock wissen.

"Reinickendorf West und Ost, das frühere Arbeitergebiet", nennt die Bürgermeisterin das Problem beim Namen. Dort schlügen sich noch die Spätfolgen der Mauerzeit in den Statistiken nieder: viele schwer vermittelbare Arbeitslose. Daß der Bezirk im Sozialatlas nun aber von Punkt fünf auf Punkt elf zurückfiel, das findet sie ungerecht. Sie vermutet Rechentricks: Weil die Justizvollzugsanstalt Tegel, die psychiatrische Anstalt Karl Bonhoeffer sowie die Invalidensiedlung hier im Norden der Stadt liegen, zählten die Statistiker deren Insassen mit. Weil die Betroffenen aber überwiegend Sozialfälle seien, trübten sie die Bilanz. Dasselbe gelte für den hohen Anteil älterer Menschen: Mehr als 20 Prozent der Einwohner seien älter als 65 Jahre. Daß aber ältere Menschen sowie die Bewohner der Invalidensiedlung als negative Faktoren in die Sozialstatistik eingingen, das will die Bürgermeisterin nicht gutheißen.

Zudem gebe es andere Entwicklungen: Von einer Abwanderung von Menschen und Wirtschaftsbetrieben könne keine Rede mehr sein, ganz im Gegenteil, sagt die Bezirksamtschefin. In diesem Punkt zweifelt sie die Statistik nicht an: Reinickendorf verzeichne ein Plus von rund 1000 Einwohnern, und viele Unternehmen erkundigten sich bei ihr nach einem Ansiedlungsstandort. Dieser Trend sei neu, denn viele Jahre seien die Unternehmer ins Brandenburgische abgewandert, weil dort die Gewerbeflächen billiger seien. Doch die Umkehr der Wanderungsbewegung habe einen guten Grund: Dem Umland mangele es an Läden, an einem guten Straßennetz und an Freizeitangeboten, kurz: an Infrastruktur. Nun verspricht die Bürgermeisterin Unternehmern zudem - rechtzeitig zur Wahl - die Einrichtung eines "Wirtschaftsbüros". Ihr persönlicher Referent nennt es nach dem Vorbild ähnlicher, auf Landesebene geplanter Einrichtungen: "One-stop-agency".

Ob die Namensgebung angesichts des nach wie vor undurchsichtigen Behördendschungels im Berliner Senat - so zumindest Klagen von Investoren - glücklich ist, das lassen die Bezirkspolitiker unbeantwortet. Allen Unkenrufen zum Trotz wollen sie eine solche zentrale Anlaufstelle für Unternehmer in ihrem Bezirk einrichten: An diesem einen Ort sollen die Unternehmer alles über einen möglichen neuen Standort in Reinickendorf erfahren. Die Vorarbeiten seien erbracht, versichert die Bürgermeisterin: eine einheitliche Software. Was den Unternehmen selbstverständlich erscheine, sei es in Amtsstuben beileibe nicht.

Schon gar nicht beim Senat. Dort koche jede Verwaltung ihr eigenes Süppchen: Bauen, Wohnen und Verkehr, Stadtentwicklung und Umweltschutz sowie Gesundheit, jedes der drei Ressorts verfüge über sein eigenes Programm zur Datenerfassung von Liegenschaften. Und die Bezirke müßten die Technik übernehmen, sagt die Bezirksbürgermeisterin. Der mühseligen Standortsuche werde Reinickendorf mit seinem Wirtschaftsbüro ein Ende bereiten: Altlasten? Bebaubarkeit? Auflagen des Umweltschutzes und des Gesundheitsamtes? Ein Mausklick liefere die Antwort - so jedenfalls die Planung für die Zeit nach der Wahl, verspricht die Bürgermeisterin, die sich auf eine neue Amtszeit vorbereitet.

Und wie schätzen die Investoren den Standort ein? "Unsere Büros waren bis Ende vergangenen Jahres zu mehr als 80 Prozent vermietet", sagt Frau Reimer. Sie ist Projektleiterin im Top Tegel. Das weitläufige Bürohausquartier geriet durch das Großprojekt Herlitz-Falkenhöh etwas aus den Schlagzeilen. Im Top Tegel entstand das erste von 14 Gebäuden noch zu Mauerzeiten: vor 20 Jahren. Der erste und wichtigste Mieter war der Computerkonzern Nixdorf. Später übernahm die Post, dann - nach der Aufteilung und Privatisierung der Behörde - die Telekom die Rolle des "Ankermieters". Als die Mauer fiel, nutzten die Unternehmer die Gunst der Stunde und bauten das Gebiet aus. Mehrere Blöcke ergänzten den ersten Bauabschnitt, und die Planer gruppierten die Neubauten rund um ein großes Atrium. Das liegt im Herzen der Anlage und dient den Mietern als Treffpunkt: Im Schatten eines Bambushains, neben dem "höchsten künstlichen Wasserfall Berlins" verbringen sie an den Tischen von zwei Bistros ihre Mittagspause.

Nein, Herlitz-Falkenhöh sei keine Konkurrenz, versichert die Projektleiterin. Synergien entstünden vielmehr durch den aufwendigen Umbau des ehemaligen Produktionsgeländes von Borsig und Thyssen. Dort entstehen Büros und ein Hotel auf 7500 Quadratmetern, ein Gewerbepark auf 10 000 Quadratmetern, Wohnungen und die "Hallen am Borsigturm". Diese Kauf-Hallen meint die Projektleiterin in erster Linie, wenn sie von Synergien spricht. Denn seit der Öffnung der Hallen könnten die Büroangestellten dort nach Dienstschluß noch schnell einkaufen. Auch das sei "Infrastruktur", ebenso wie die "hervorragende Verkehrsanbindung": U- und S-Bahn, Autobahn sowie Flughafen in unmittelbarer Nähe.

Ganz leicht ist die Vermietung aber offenbar nicht. Erstmals stellten die Investoren immerhin eine Projektleiterin für das Management des Areals ein. Die Maßnahme war nach dem Auszug der Telekom erforderlich - und erfolgreich: Die "debis-Systemhaus" ziehe nach Top Tegel, sagt Frau Reimer, und belege einen Teil der von der Telekom freigeräumten Flächen. Debis, trotz Potsdamer Platz? "Offenbar greift der Profit-Center-Gedanke", antwortet die Projektleiterin. Die Flächen von DaimlerChrysler am Potsdamer Platz seien wohl zu teuer. Eine naheliegende Erklärung für die Bürowahl des prominenten Mieters, hatte doch DaimlerChrysler-Vorstand Gentz in einem Gespräch mit dieser Zeitung "marktgerechte Mieten" von allen Teilen des Konzerns gefordert (Tagesspiegel vom 21. Februar).

Wieviel der prominente "Ankermieter" bezahlt, verrät Frau Reimer nicht. Für sie ist der Name Debis ein Zugpferd für die Werbung neuer Mieter. Die müssen mit einer Miete von 20 DM pro Quadratmeter im ältesten Gebäude und 23 DM in den Flächen rund um die Bambushalle rechnen. Ihrem wichtigen Kunden kommen die Vermieter mit manchem Zugeständnis entgegen: Das Gebäude bekommt eine neue Aufteilung, zugeschnitten auf das debis-Systemhaus. Das sei aber auch eine nach fast 20 Jahren erforderliche Modernisierungsmaßnahme, sagt die Projektleiterin. Von "incentives", also Zugeständnissen für Mieter, mag sie nicht reden. Das erinnere doch zu sehr an die Zeiten des Mietermarktes: als der Kunde sich mit der Sänfte in sein neues Büro tragen lassen konnte. Ob diese Zeiten aber wirklich vorbei sind, obgleich die Wirtschaftsleistung der Stadt auch bei den Dienstleistungen zuletzt erneut rückläufig war?

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